Wissenschaftlicher Aufsatz, 2005
6 Seiten
1. Ein mit Schillers »Sehnsucht« verknüpfter Opernkosmos
2. Siegfried Wagners Schiller-Rezeption: »Sehnsucht« – »Der Kobold«
3. Die Entstehung und Uraufführung der sinfonischen Dichtung »Sehnsucht«
4. Rezeption und Vergessen des Erstlingswerkes
5. Musikalische Struktur und metaphysischer Gehalt
6. Verbindung zum späteren Opernschaffen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung der sinfonischen Dichtung »Sehnsucht« von Siegfried Wagner als zentrales Keimzellenwerk, das motivisch und thematisch mit seinem späteren musikdramatischen Schaffen verknüpft ist, und beleuchtet die tiefgreifende, lebenslange Auseinandersetzung des Komponisten mit Friedrich Schiller.
Die musikalische Transkription von Schillers »Sehnsucht«
In der Vorlage, Schillers Gedicht »Sehnsucht«9, sehnt sich das dichterische Ich aus nebligem Tal auf schöne Hügel: von dort erklingen Harmonien, dort herrscht ewiger Frühling. Aber den Zutritt zu jenem Paradies verwehrt ein reißender Strom. Der Dichter besteigt einen herrenlosen Kahn und segelt selbstbewusst bergauf, dem Wunderland entgegen. Siegfried Wagners sinfonische Dichtung transkribiert den metaphysischen Gehalt dieser Vorlage: aus dem dichterischen Ich wird das Ich des Komponisten, der in seiner ersten Orchesterkomposition den jüngst auf der Asienreise gefassten Entschluss, Komponist zu werden, manifestiert: er glaubt an seine künstlerische Potenz und wagt die Herausforderung, an Vater und Großvater gemessen zu werden.
Wie Schillers Gedicht in vier Strophen, so gliedert sich Siegfried Wagners Komposition in vier Abschnitte.
Der erste Abschnitt, ein Adagio in d-Moll (3/4), zeichnet zunächst die düstere Stimmung der ersten beiden Verspaare. Zum D-A-Orgelpunkt ertönt ein lethargisch absteigendes Motiv, dem man in der Partitur »Der Kobold«, op. 3, als lastendem Druck auf die Hauptfigur Verena wieder begegnet. Das Sehnsuchtsthema wird im »Kobold« zum Thema des Zaubersteins, der Verena auf wundervolle Weise geschenkt wird, ihr verloren geht und den sie dann erst im Moment ihres Todes als glänzenden Tautropfen wiedererlangt. In der »Sehnsucht« wird es erstmals vom Englischhorn angestimmt. Ein Aufschrei der Violinen führt in das Thema der Klage, die ebenfalls im »Kobold« wieder erklingt. Etwas bewegter tönt in den Fagotten ein entschlossenes Thema, während das lethargische Motiv verkürzt wird. Seiner Durchführung mit dem Klagethema schließt sich enttäuschte Verzweiflung an – sie ertönt auch später in Reinharts Jugenderzählung in »Herzog Wildfang«, op. 2, – zugleich vermischt mit der bangen Frage in »Bruder Lustig«, op. 4, ob denn der Ausweg noch auffindbar sei.
Ein mit Schillers »Sehnsucht« verknüpfter Opernkosmos: Einführung in das sinfonische Schaffen Siegfried Wagners und dessen Einordnung neben seinem umfangreichen Opernwerk.
Siegfried Wagners Schiller-Rezeption: »Sehnsucht« – »Der Kobold«: Analyse der tiefen künstlerischen Verbundenheit Siegfried Wagners mit Friedrich Schiller und der inhaltlichen Verknüpfung seiner Werke.
Die Entstehung und Uraufführung der sinfonischen Dichtung »Sehnsucht«: Dokumentation der Entstehungsgeschichte, der Uraufführung und der Wiederentdeckung des lange verschollenen Partiturmaterials.
Rezeption und Vergessen des Erstlingswerkes: Untersuchung der Gründe für die anfängliche Ablehnung und das spätere Verschwinden der Komposition aus den Konzertprogrammen.
Musikalische Struktur und metaphysischer Gehalt: Detaillierte musikalische Analyse der vier Abschnitte der Dichtung und ihrer Referenzen an Schillers Text.
Verbindung zum späteren Opernschaffen: Nachweis, wie das Frühwerk als thematische Keimzelle für spätere Opern wie »Der Kobold« oder »Sternengebot« diente.
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Die Arbeit untersucht das sinfonische Erstlingswerk »Sehnsucht« von Siegfried Wagner und zeigt auf, wie dieses Stück als musikalisches Keimzellenwerk für sein gesamtes späteres Opernschaffen fungierte.
Friedrich Schiller dient sowohl als literarische Vorlage für die sinfonische Dichtung »Sehnsucht« als auch als moralisches und künstlerisches Vorbild, dessen Humanität Siegfried Wagners gesamtes musikdramatisches Schaffen prägte.
Das Ziel ist es, Siegfried Wagners Erstlingswerk aus der Anonymität der Vergessenheit zu heben und seine strukturelle Bedeutung für die thematische Vorwegnahme seiner späteren Opern zu belegen.
Es wird eine musikwissenschaftliche Analyse der Partitur vorgenommen, ergänzt durch historische Quellenforschung, Archivstudien und den Vergleich mit den späteren Bühnenwerken des Komponisten.
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung der Rezeptionsgeschichte, die Analyse der formalen Struktur der sinfonischen Dichtung sowie den detaillierten Nachweis musikalischer Zitate und Motive in späteren Opern wie »Der Kobold«.
Zentral sind Begriffe wie »Keimzellenfunktion«, »motivische Vorwegnahme«, »Schiller-Rezeption« und der biografische Kontext von Siegfried Wagners Selbstfindung als Komponist.
Das Werk wurde nach der Uraufführung nicht mehr gepflegt, und das gedruckte Aufführungsmaterial galt seit Kriegsende als verloren, bis es 1979 im Bayreuther Festspielhaus wiedergefunden wurde.
Hans Richter stand dem Werk skeptisch gegenüber und empfand es als »zu lisztisch«, was Siegfried Wagner dazu veranlasste, das Stück kritisch zu hinterfragen, obwohl diese Anlehnung an Liszt als bewusste künstlerische Entscheidung zu werten ist.
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