Wissenschaftliche Studie, 1995
8 Seiten
I
II
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff des "prälogischen Denkens" in schriftlosen Kulturen und hinterfragt die wissenschaftliche Annahme, dass der "primitive Mensch" unfähig zu logischem Handeln sei. Anhand ethnologischer Beispiele, insbesondere bei den Mwera in Südtanzania, zeigt der Autor, dass das Handeln in solchen Kulturen nicht durch Unvernunft, sondern durch ein komplexes Zusammenspiel von kausaler Vernunft und finalen, sozial orientierten Gefühlen bestimmt wird.
Die Annahme der Verbindung einer natürlichen Ursache mit einer Intention, die sicher nicht als "prälogisch" qualifiziert werden kann, lässt sich auf dem Gebiet der Medizinethnologie oder Ethnomedizin besonders gut beschreiben.
Ich greife zum Beispiel der Mwera, einem mutterrechtlichen Volk in Südtanzania, bei dem ich 1983 bis 1986 arbeiten konnte. (Und ein Ethnologe ist ja im Gegensatz zu anderen Kulturwissenschaften aufgefordert, zumindest einen Teil seiner Quellen selbst zu erstellen.)
Wenn in der WHO-Constitution festgestellt wird, "health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity, so entspricht dieses Konzept auch weitgehend den Vorstellungen der Mwera über Gesundheit. Was unter physischem, mentalem oder sozialem Wohlsein jeweils verstanden wird, wird natürlich von verschiedenen Kulturen auch verschieden definiert. Etwa gelten Wurmerkrankungen bei den Mwera nicht als Erkrankung - ähnlich wie z.B. früher bei uns der Befall von Läusen - und auch nicht als Erkrankung gelten einzelne Ausnahmezustände im mentalen Bereich. Im sozialen Bereich hingegen sind die Anforderungen an das Wohlsein meist höher als bei uns: Wer Streit hat oder gar streitsüchtig ist, wer kontaktarm ist oder wer geizig ist gilt bereits als krank.
Bei der Feldforschung lassen sich kulturelle Unterschiede bei der Definition von Gesundheit und Krankheit leicht erheben und sind in der Regel auch für Europäisches Denken einsichtig. Hingegen stossen die Antworten über die Voraussetzungen von Gesundheit und die Ursachen von Krankheit bei Europäern (wie die zitierten Tylor oder Lévy-Bruhl) meist auf Unverständnis: Die Begründungen in den Antworten sind meist nicht kausal sondern gleichsam final. Nicht das "Wie" steht im Vordergrund, sondern das "Warum". Das führte zu dem Vorurteil - wir haben es kennen gelernt - schriftlose Kulturen würden nicht natürliche sondern nur übernatürliche Ursachen anerkennen.
I: Dieses Kapitel beleuchtet die historische Entwicklung des Begriffs "prälogisches Denken" durch Autoren wie Tylor, Lévy-Bruhl und Evans-Pritchard, wobei insbesondere die vermeintliche Unverständlichkeit magischen Denkens kritisiert wird.
II: Dieser Abschnitt überträgt die theoretische Debatte auf die Medizinethnologie und demonstriert am Beispiel der Mwera, dass kulturell geprägte Heilungspraktiken eine rationale Verknüpfung von kausalen und sozialen, finalen Ursachen darstellen.
Prälogisches Denken, Schriftlose Kulturen, Ethnomedizin, Kollektive Repräsentationen, Mwera, Magie, Kausalität, Finalität, Gesundheit, Krankheit, Medizinethnologie, Vernunft, Gefühl, Partizipation, Sozialpädagogische Heilung.
Die Arbeit befasst sich mit der anthropologischen Debatte über das "prälogische Denken" in schriftlosen Gesellschaften und hinterfragt die eurozentrische Sichtweise, dass dortiges magisches Denken als Mangel an Vernunft zu deuten sei.
Die zentralen Felder sind die Geschichte der Ethnologie, Konzepte von Gesundheit und Krankheit in nicht-westlichen Kulturen sowie die ethnomedizinische Analyse von Heilungsprozessen bei den Mwera.
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass das Denken in sogenannten "primitiven" Kulturen eine logische Struktur besitzt, die sowohl materielle Ursachen als auch soziale und finale Zusammenhänge berücksichtigt.
Der Autor nutzt die vergleichende Ethnologie und stützt sich dabei auf eigene Feldforschungen bei den Mwera in Südtanzania sowie auf die kritische Analyse klassischer ethnologischer Fachliteratur.
Der Hauptteil analysiert die Verbindung von natürlichen Ursachen mit Intentionen und zeigt auf, dass Heilung bei den Mwera einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, der das Individuum in die soziale Gemeinschaft reintegriert.
Wichtige Begriffe sind unter anderem "Prälogisches Denken", "Kollektive Repräsentationen", "Ethnomedizin", "Finale versus kausale Ursachen" und die "sozialpädagogische Komponente" in der Heilkunst.
Der Autor nutzt dieses Beispiel, um aufzuzeigen, wie fatal die wissenschaftliche Fehlinterpretation des "prälogischen Denkens" als vermeintliche Regression im realen historischen Kontext war.
Während in westlichen Konzepten oft die bloße Abwesenheit von Krankheit zählt, definieren die Mwera Gesundheit umfassender, wobei auch soziale Eigenschaften wie Kontaktarmut oder Geiz als krankhaft angesehen werden können.
Die Heilungsspezialisten werden als Experten beschrieben, die nicht nur medizinisches Wissen anwenden, sondern als sozialpädagogische Instanzen fungieren, die gestörte soziale Beziehungen (z.B. durch Ahnenopfer) wieder herstellen.
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