Bachelorarbeit, 2006
44 Seiten, Note: 2,3
1. Einleitung: Bipolarität und Einheitsgedanke in Hesses Werken
2. Oppositionen und ihre Einheit hinter den Gegensätzen
2.1 Östlicher Einfluss auf das Werk
2.2 Stufen der Menschwerdung
2.3 Oppositionen im Werk
3. Die bipolare Figurenstruktur im frühen Prosawerk
3.1 Oppositionen in „Unterm Rad“
3.2 Hans und Hermann
3.3 Zwischen Kindheit und Mannsein
4. Die bipolare Figurenstruktur im mittleren und späten Prosawerk: Einfluss von Jung
4.1 Jungs Psychologie der Archetypen
4.2 Polarität als Grundprinzip am Beispiel von „Demian“
4.3 Jungs Archetypen in Hesses Werken am Beispiel von „Demian“
5. Werkgeschichtliche Entwicklung: Vergleich der Darstellung von Polarität im Früh-, Mittel- und Spätwerk
6. Schluss: Bipolarität als bedeutendes Strukturelement in Hesses Werken
7. Quellennachweis
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur
Die Arbeit untersucht das zentrale Motiv der Bipolarität in Hermann Hesses Prosawerk und analysiert, wie der Autor den Zerfall in Gegensatzpaare und deren Synthese zur Einheit als Darstellung seines Weltbildes sowie als Prozess der Menschwerdung nutzt. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie sich diese Struktur von Hesses Frühwerk über die mittleren Schaffensperioden bis zum Spätwerk unter dem Einfluss der Psychoanalyse Carl Gustav Jungs entwickelt und modifiziert.
3.1 Oppositionen in „Unterm Rad“
Hermann Hesse bedient sich in seinen Werken immer wieder dem Motiv der Opposition, um das Weltbild der Einheit hinter den Gegensätzen zu erklären und so immer und immer wieder die Stufen der Menschwerdung zu vollziehen. Im nun Folgenden werde ich versuchen einzelne Gegensatzpaare die im Frühwerk Hesses vorkommen am Beispiel der Erzählung „Unterm Rad“ zu erläutern.
Zunächst ist zu sagen, dass zwar autobiographische Züge in dem 1906 veröffentlichtem Werk deutlich erkennbar sind, dennoch handelt es sich nicht um eine bloße Autobiographie. In der Entwicklung der Geschichte und in dem Entwurf der Figuren sind manche Umstellungen und manche dichterische Zugeständnisse zu erkennen, um subjektives in objektives Erleben zu verwandeln. So wird anfangs Hesses Calw zu Giebenraths „Schwarzwaldnest“ und der Leser wird in die pietistische Welt des alten Giebenrath eingeführt. Die idyllische Beschreibung der Gerbergasse in der Hans und sein Vater leben, steht im völligen Kontrast zum „Falken“, dem anderen Teil des Ortes, der nicht hell und sauber ist, sondern das totale Gegenteil. Allerdings wird die Welt des Lasters erst später und dann auch nur kurz eingeführt. Die Entgegensetzung der beiden Welten ist auch in anderen Werken Hesses zu finden, zum Beispiel in „Demian“.
„Herr Joseph Giebenrath, Zwischenhändler und Agent, zeichnete sich durch keinerlei Vorzüge oder Eigenheiten vor seinen Mitbürgern aus.“ (Hesse 1972, 7) Dieser Philister verliert durch diese einleitenden Worte völlig an Gewicht, er ist die Personifikation des Spießbürgers mit einem begrenzten Horizont, der in einem primitiven und geistlosen Umfeld lebt, in dem nur die Angepassten bestehen können. Durch diese satirische Umschreibung seiner Person durch den Erzähler versinkt Joseph Giebenrath in eine völlige Bedeutungslosigkeit. „Er hätte mit jedem beliebigen Nachbarn Namen und Wohnung vertauschen können, ohne daß irgendetwas anders geworden wäre.“ (Hesse 1972, 7) Hansens Vater ist also vertauschbar und steht sinnbildlich für das gesamte Kleinbürgertum und ihrem inneren Argwohn gegen alles was überlegen ist, wie das „Unalltägliche, Freiere, Feinere, Geistige“ (Hesse 1972, 8).
1. Einleitung: Bipolarität und Einheitsgedanke in Hesses Werken: Das Kapitel führt in Hesses zentrale Thematik der polaren Weltanschauung ein und skizziert das Ziel der Arbeit, diese anhand von Menschwerdung und Individuationsprozessen in verschiedenen Schaffensperioden zu analysieren.
2. Oppositionen und ihre Einheit hinter den Gegensätzen: Hier werden die philosophischen und religiösen Einflüsse östlicher Lehren sowie die Stufentheorie der Menschwerdung erläutert, die das Fundament für das Verständnis der Gegensätze in Hesses Werk bilden.
3. Die bipolare Figurenstruktur im frühen Prosawerk: Dieser Teil untersucht am Beispiel von „Unterm Rad“ wie frühe Werke durch äußere Kontraste und den gescheiterten Individuationsprozess des Protagonisten geprägt sind.
4. Die bipolare Figurenstruktur im mittleren und späten Prosawerk: Einfluss von Jung: Fokus liegt hier auf der Anwendung von Jungs Archetypenlehre, durch die der innere Dualismus der Figuren und die Suche nach Einheit psychologisch fundiert vertieft wird.
5. Werkgeschichtliche Entwicklung: Vergleich der Darstellung von Polarität im Früh-, Mittel- und Spätwerk: Ein zusammenfassender Vergleich, der aufzeigt, wie sich die Darstellung der Polarität von äußerlichen Natur/Zivilisation-Gegensätzen hin zur psychologischen Integration im Inneren verschiebt.
6. Schluss: Bipolarität als bedeutendes Strukturelement in Hesses Werken: Abschließende Betrachtung, die festhält, dass die stetige Variation der Bipolarität als roter Faden dient, um die menschliche Psyche und das Streben nach Ganzheitlichkeit zu veranschaulichen.
7. Quellennachweis: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Hermann Hesse, Bipolarität, Einheitsgedanke, Menschwerdung, Individuationsprozess, Archetypen, C. G. Jung, Gegensätze, Unterm Rad, Demian, Schatten, Anima, Selbst, Literaturwissenschaft, Psychologie
Die Arbeit befasst sich mit dem zentralen Strukturmerkmal der Bipolarität in den Werken von Hermann Hesse und untersucht, wie dieses Motiv die Figurengestaltung und die Entwicklung der Protagonisten bestimmt.
Die zentralen Themen sind das Wechselspiel zwischen gegensätzlichen Polen, der Einfluss östlicher Weltanschauungen und die psychologische Transformation der Charaktere auf ihrem Weg zur Selbstfindung.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Hesse den Zerfall in Gegensatzpaare und deren Synthese zur Einheit als roten Faden seines Schreibens nutzt, um die menschliche Seele und den Individuationsprozess darzustellen.
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär die Texte Hesses im Kontext der Archetypenlehre von C. G. Jung und philosophischer Ansätze untersucht.
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des Frühwerks am Beispiel von „Unterm Rad“ und eine Analyse des mittleren und Spätwerks, wobei hier insbesondere der Einfluss der Psychologie Jungs auf Werke wie „Demian“ hervorgehoben wird.
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Bipolarität, Menschwerdung, Individuation, Archetypen, C. G. Jung und Einheit definiert.
„Unterm Rad“ verdeutlicht beispielhaft den Konflikt zwischen dem Individuum und einer normativen, bürgerlichen Erziehung, wobei das Scheitern des Protagonisten den noch frühen, unvollständigen Entwicklungsstand der Figur widerspiegelt.
Während im Frühwerk äußere Kontraste (z.B. Stadt vs. Land) dominieren, verschiebt sich der Fokus im Spätwerk unter dem Einfluss der Psychoanalyse verstärkt auf die innerpsychische Ebene und die bewusste Integration des „dunklen“ Selbst.
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