Magisterarbeit, 2003
90 Seiten, Note: 1,1
1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Fragestellung
1.3 Aufbau der Arbeit
2. Bulimie – Annäherung an ein Phänomen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
2.1 Klassifizierungsprobleme – Grenzen bisheriger Betrachtungsweisen
2.1.1 Normal oder krank?
2.1.2 Sucht und Kontrollverlust
2.2 Eine erweiterte Perspektive von Bulimie
2.2.1 Zur Konjunktur eines Phänomens
2.2.2 Besonderheiten der Bulimie aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
3. Ernährung, Körperdisziplinierung und die Konstruktion weiblicher Identität
3.1 Soziokulturelle Aspekte von Ernährung und Ernähren
3.1.1 Essverhältnisse: Von der Fremd- zur Selbstkontrolle des Appetits
3.1.2 Ernährung, Körper und die Konstruktion von Weiblichkeit
3.1.3 Die Formung des nackten Körpers
3.1.3.1 Diät als kulturelle Praxis zur Körperformung
3.1.3.2 Weitere anerkannte Kulturtechniken der Körperformung
4. Körper(leit)bilder und Normalisierung
4.1 Dickleibigkeit als gesellschaftliches Stigma und individuelles Manko
4.2 Die Bedeutung von Körper und der Spiegel der Anderen
4.3 Schönheit ist machbar
4.3.1 Schön – schlank – weiblich
4.3.2 Schön – schlank – modisch
4.4 Schönheit als soziales Zeichen – Körperrepräsentation und Verunsicherung
4.5 Bulimie auf dem Weg zur anerkannten Kulturtechnik?
5. Bulimie als Spiegel individualisierter Gesellschaften?
5.1 ‚Kulturimperialismus‘ und ‚Selbstregierung‘
5.2 Ausblick: Wider Privatisierung und Individualisierung: Prävention und Kollektivität
Die vorliegende Arbeit untersucht Bulimie nicht primär als psychologisches Defizit, sondern als kulturelle Praktik und Ausdrucksform individualisierter Gesellschaften. Die Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, welche soziokulturellen Bedingungen das Entstehen bulimischer Verhaltensmuster begünstigen und inwiefern diese Praktiken als "zeitgemäße" Konfliktlösungsstrategien innerhalb eines restriktiven gesellschaftlichen Normengefüges verstanden werden können.
3.1 Soziokulturelle Aspekte von Ernährung und Ernähren
Da „Sozialisation und Ernährung [...] auf das engste miteinander verknüpft und ineinander verschränkt” sind, liegt es in Bezug auf die Genese von Bulimie nahe, die soziokulturellen Veränderungen aufzuzeigen, die der Nahrungsaufnahme und den damit verbundenen Normierungen unterliegen. Bulimie tritt in erster Linie in westlichen oder westlich orientierten Staaten auf, in denen ein permanenter Lebensmittelüberschuss herrscht. Dort, wo Nahrung in unbegrenzter Menge vorhanden ist, wirken gesellschaftliche Normen, die Mäßigung im Umgang mit diesem Überangebot fordern und voraussetzen.
Die Fähigkeit diesen Normen zu entsprechen, ist jedoch nicht von vornherein im Menschen angelegt, sondern muss als Produkt der sich über einen langen Zeitraum erstreckenden kulturhistorischen Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten angesehen werden. Dass diese Faktoren einem tieferen Verständnis der heutigen modernen Ess-Störungen dienlich sind, haben verschiedene Autoren herausgearbeitet. Ich werde vor allem die Entwicklungen aufzeigen, die dazu führten, dass insbesondere Frauen darauf ‚trainiert’ sind, ihre Ernährung in einem hohen Maße zu kontrollieren.
Die Aufnahme von Nahrung gehört zu den existenziell grundlegendsten Vorgängen des menschlichen Lebens. Daher sind seit der frühesten Menschheitsgeschichte Ernährungsregeln bekannt. Seit jeher „wurden Meidungen, Tabus und Verbote aufgestellt, um einerseits Toxikationen (z. B. durch den Verzehr unbekannter Früchte und Tiere) zu vermeiden, andererseits gesellschaftliche Normen und Herrschaftsansprüche durchzusetzen.” Ernährung ist demnach nicht nur ein körperlich-biologisches, sondern gleichzeitig ein kulturell-soziales Phänomen, das von historischen und geografischen Bedingungen bestimmt wird und eine wichtige Rolle im Zivilisationsprozess spielt, wie es Norbert Elias gezeigt hat. Was wann und wie gegessen wurde, ist u.a. ein Indiz für den Kulturkreis, gesellschaftliche Stellung und Religion, aber auch für die biologische oder soziale Geschlechtszugehörigkeit. So gelten in der selben Region und zur selben Zeit oftmals unterschiedliche Normen und Regeln für das Essverhalten von Frauen und Männern.
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Verbreitung der Ess-Störung Bulimie und kritisiert deren häufige Reduktion auf individuelle psychologische Defizite, wobei die Relevanz soziokultureller Faktoren hervorgehoben wird.
2. Bulimie – Annäherung an ein Phänomen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive: Dieses Kapitel hinterfragt die gängigen medizinischen Klassifizierungen und plädiert für eine Erweiterung des Bulimie-Begriffs als kulturelles Phänomen.
3. Ernährung, Körperdisziplinierung und die Konstruktion weiblicher Identität: Hier wird untersucht, wie soziokulturelle Ernährungsnormen und das Streben nach dem idealen Körper eng mit der Konstruktion weiblicher Identität verknüpft sind.
4. Körper(leit)bilder und Normalisierung: Dieses Kapitel diskutiert den gesellschaftlichen Normalisierungsdruck und fragt, ob Bulimie als neue Kulturtechnik verstanden werden kann.
5. Bulimie als Spiegel individualisierter Gesellschaften?: Der abschließende Teil analysiert Bulimie als "Selbsttechnologie" im Foucaultschen Sinne und diskutiert Ansätze für eine gesellschaftliche Prävention und Kollektivität.
Bulimie, Essstörungen, Körperbilder, Schlankheitswahn, Weiblichkeit, Normalisierung, Soziokulturelle Faktoren, Diätkultur, Selbstkontrolle, Foucault, Machttechnologien, Körperdisziplinierung, Individuelle Lösungsstrategie, Kulturtechnik, Genderrollen.
Die Arbeit untersucht Bulimie aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive und analysiert, warum das Phänomen primär bei Frauen auftritt und als Ausdruck gesellschaftlicher Anforderungen verstanden werden kann.
Im Zentrum stehen die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Körpernormen, Ernährungszwängen, Geschlechterrollen und der individuellen Identitätskonstruktion.
Das Ziel ist es, den Fokus weg von der rein pathologischen Betrachtung der Bulimie hin zu einer Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen zu verschieben, die das Entstehen dieser Essstörung begünstigen.
Die Autorin nutzt einen kulturwissenschaftlichen Ansatz, der soziologische Theorien (insbesondere von Michel Foucault und Norbert Elias) mit qualitativen Experteninterviews sowie Analysen von Medien und Diätkultur verbindet.
Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung der Esskontrolle, den Wandel von Körperleitbildern hin zum "schlanken Körper" und die Rolle des Diäthaltens als weitverbreitete Kulturtechnik.
Wichtige Begriffe sind Bulimie, Körperleitbilder, Normalisierung, Selbsttechnologien, Weiblichkeit, Diätkultur und Leistungsgesellschaft.
Die Arbeit argumentiert, dass Bulimie Frauen in einer individualisierten Leistungsgesellschaft hilft, den enormen Anforderungen an den eigenen Körper und den Alltag trotz Scheitern an gesellschaftlichen Idealen funktionsfähig zu begegnen.
Während klinische Studien die Bulimie meist als "Krankheit" im Individuum verorten, betrachtet diese Arbeit sie als Symptom gesellschaftlicher Strukturen und als Strategie der Anpassung an eben diese Strukturen.
Die Unsichtbarkeit der Bulimie ist für die Autorin ein zentrales Merkmal, da sie der betroffenen Frau ermöglicht, den "perfekten Schein" in der Gesellschaft zu wahren, ohne die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Probleme offenlegen zu müssen.
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