Diplomarbeit, 2002
109 Seiten, Note: sehr gut
Vorbemerkung
I. Literatur und Politik
1. Der literarische als politologischer Text
2. Auffassung des Politischen: enger und weiter Politikbegriff
3. Wissenschaft und Literatur
4. Literatur und Wirklichkeit
a) Literatur als Als-ob-Welt
b) Soll und Ist. Die ideologische Wirklichkeit in der DDR
5. Zur Frage der Methode
II. Wolfgang Hilbig als Politologe
1. Biografie und Werk
2. Hilbigs Prosa als sozialwissenschaftliches Material?
III. Textanalyse: Das Provisorium
1. Zum Inhalt
2. Die besondere Erzählsituation des Textes
3. Thematische Ebene der Textwirklichkeit
a) Fremdheit, Orientierungslosigkeit, Selbstzerstörung
b) Osten - Westen
c) Der “Schrecken” der Vergangenheit
d) DDR: Determinismus, Nicht-Existenz, Aggression
e) Konsumkritik als Kritik des Westens
f) Literatur als Vergleichsfeld der beiden deutschen Gesellschaften
4. Exkurs: Sozialwissenschaftliche DDR-Forschung in der Bundesrepublik
5. Subjektive Dimension der Textwirklichkeit: zwischenmenschliche Beziehungen
a) Die soziale Relevanz der Machtgefüge
DDR (Mona)
BRD (Hedda)
b) C.s Verhältnis zu Frauen und seine Liebesunfähigkeit
c) Soziale Auflösung
IV. Fazit
1. Ergebnisse der Textanalyse
a) Osten und Westen: verschiedene Gleiche
b) Getrennt vereint?
c) Die Krise der Gesellschaft
d) Der literarische Text und die Wende: Chronik oder Erklärungsansatz?
e) Das Provisorium als Wende-Roman?
2. Literatur als politikwissenschaftliches Material. Eine Bilanz des Ansatzes
Die Diplomarbeit untersucht die sozialwissenschaftliche Relevanz belletristischer Literatur am Beispiel von Wolfgang Hilbigs Roman "Das Provisorium". Ziel ist es, den interdisziplinären Ansatz einer "politischen Lektüre" zu erproben und aufzuzeigen, wie literarische Texte subjektive Erfahrungen und Auswirkungen von Machtverhältnissen sichtbar machen können, die in konventionellen, abstrahierenden sozialwissenschaftlichen Studien oft vernachlässigt werden.
DDR: Determinismus, Nicht-Existenz, Aggression
Er war, sagte er sich, ein typisches Produkt der DDR, physisch und psychisch, bis in die Hirnzellen und Nervenstränge, bis in seine unbewussten Reaktionen hinein war er ein Ergebnis des Provisoriums, das sich DDR nannte ... und damit konnte man nicht leben! - Und weil man damit nicht leben konnte, riss man jeden, der einem in den Weg lief, zwanghaft in das Nicht-Leben hinein. Er gehörte zu den menschlichen Vorläufigkeiten, aus denen sich die DDR zusammensetzte, die überhaupt erst die Voraussetzung für ihre Existenz darstellten; es waren Leute, die unablässig auf ihre Eigenheiten und ihr Selbst pochten, auf die gleiche Weise, wie der Regierung dieses Landes der Begriff “Souveränität” als Dauer-Sprechblase aus dem Rüssel hing. In diesem Land war man nichts weniger als souverän. - Und wenn ich mich jetzt auch entschließen könnte, im Westen zu bleiben, dachte C., es wäre wahrscheinlich zu spät dafür ... (Pr, 269.)
C.s Leben, seine Identität sind untrennbar mit der DDR verbunden, und die an dieses Faktum geknüpften Schlussfolgerungen wirken alles andere als positiv. In C.s trister Verfassung versinnbildlichen sich diese Feststellungen. Jeder noch so lange Aufenthalt im Westen kann an der fatalen Prägung durch die DDR, die alle Lebensbereiche bis ins Unbewusste und Intimste hinein bestimmt, nichts mehr ändern, es ist zu spät, “[e]s ist vorbei ...” (Pr, 14), wie C. selbst sich wiederholt eingestehen muss. Und er geht schließlich so weit, seine Existenz als ein “Nicht-Leben” zu bezeichnen, in das er zwangsläufig auch andere Menschen hineinziehen muss. Der zunächst gewünschte, schließlich verzweifelte Versuch, diese DDR-Identität loszuwerden, führt jedoch zu einer Persönlichkeitskrise, einem Identitätsdilemma, das C.s Schicksal einer Nicht-Existenz erneut festschreibt.
Vorbemerkung: Der Autor erläutert seine Motivation, Literatur als politikwissenschaftliches Material zu nutzen, und beschreibt seinen interdisziplinären Ansatz sowie die Konzentration auf Wolfgang Hilbigs Roman.
I. Literatur und Politik: Dieser theoretische Teil diskutiert die Möglichkeiten, Literatur als soziologisches Material zu begreifen, und definiert einen weiten Politikbegriff, der auch private und subjektive Dimensionen umfasst.
II. Wolfgang Hilbig als Politologe: Es wird die Biografie Hilbigs skizziert und erörtert, warum seine Prosa aufgrund ihrer intensiven Fokussierung auf das Individuum besonders geeignet für die geplante Untersuchung ist.
III. Textanalyse: Das Provisorium: Der Hauptteil bietet eine detaillierte Inhaltsangabe sowie eine thematische Analyse, die zentrale Aspekte wie Fremdheit, das Verhältnis zwischen Ost und West, den Umgang mit der Vergangenheit und Konsumkritik behandelt.
IV. Fazit: Der Autor zieht Bilanz über seinen Ansatz, vergleicht seine Ergebnisse mit der sozialwissenschaftlichen Transformationsforschung und reflektiert die Stärken und Grenzen der literarischen Analyse.
Wolfgang Hilbig, Das Provisorium, Politikwissenschaft, Literatursoziologie, DDR-Literatur, DDR-Forschung, Ost-West-Verhältnis, Identitätsverlust, Konsumkritik, Machtstrukturen, Transformationsforschung, Systemkritik, Sozialisation, Literatur als Material, Wende-Roman
Die Arbeit untersucht, ob und wie belletristische Literatur – konkret der Roman "Das Provisorium" von Wolfgang Hilbig – als Material für politikwissenschaftliche Analysen dienen kann, um subjektive und psychologische Aspekte gesellschaftlicher Transformationen zu erfassen.
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Literatur und Politik, der Einfluss politischer Systeme auf die Identität von Individuen, die soziale Desintegration im Transformationsprozess sowie der kritische Vergleich von DDR und BRD.
Das primäre Ziel ist es, die "sozialwissenschaftliche Relevanz von belletristischer Literatur" zu erproben, insbesondere in Bereichen, in denen standardisierte sozialwissenschaftliche Methoden aufgrund von Datenlücken oder ideologischer Verzerrung an ihre Grenzen stoßen.
Der Autor verwendet keinen vorab festgelegten, deduktiven Ansatz, sondern entwickelt seine Methode "in Konfrontation" mit dem literarischen Text. Er nutzt ein intensives "close reading", um Themen aus der Textwirklichkeit abzuleiten und diese kritisch mit politikwissenschaftlichen Theorien zu verknüpfen.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Textanalyse des Romans "Das Provisorium". Dabei werden zentrale Motive wie die "Als-ob-Welt", das Gefühl der Heimatlosigkeit, die Rolle von Konsum und die Bedeutung der Vergangenheit für das Individuum in Ost und West analysiert.
Schlüsselwörter sind unter anderem Literatursoziologie, DDR-Forschung, Transformationsforschung, Machtstrukturen, Identitätsverlust und Konsumkritik.
Der Autor übt konstruktive Kritik an der DDR-Forschung, die sich seiner Ansicht nach zu sehr auf "leere Theoriegebäude" und systemische Analysen "von oben" konzentriert habe, wobei individuelle, subjektive Erfahrungen von Menschen oft vernachlässigt wurden.
Der Roman wird gewählt, da er die "Wende" aus einer sehr spezifischen, subjektiven Perspektive reflektiert und das Scheitern individueller Identität im Spannungsfeld zweier politischer Systeme – DDR und BRD – besonders eindringlich darstellt, was für die sozialwissenschaftliche Analyse des Transformationsprozesses wertvolle Erkenntnisse liefert.
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