Magisterarbeit, 2006
86 Seiten, Note: sehr gut (1,0)
1 THEORETISCHES VORWISSEN
1.1 Tradition und Tradierung
1.2 Tradition in Russland
1.3 Tradition und Migration und Kultur und Migration
1.4 Tradierung, Familie und Erziehung in der neuesten deutschen erziehungswissenschaftlichen Forschung
2 FAMILIEN IN RUSSLAND
2.1 Zum Stand und zur Bedeutung der Familie im heutigen Russland
2.1.1 Familie in der Sowjetunion
2.1.2 Familie im neuen Russland
2.2 Familie als Forschungsgegenstand in Russland
3 METHODISCHE VORGEHENSWEISE UND AUSWAHL DER FAMILIEN
3.1 Forschungsgegenstand
3.1.1 Migration aus Russland
3.1.2 Feldbestimmung
3.1.3 Die untersuchten Familien im Einzelnen
3.1.3.1 Die Familie aus St. Petersburg
Familie Butow
3.1.3.2 Die St. Petersburger Familien in Deutschland
Familie Schilow
Familie Nikolin
3.2 Forschungsmethoden
3.2.1 Zum Auswertungsverfahren
3.2.1.1 Formulierende Interpretation
3.2.1.2 Reflektierende Interpretation
3.2.1.3 Fallbeschreibung
3.2.1.4 Typenbildung
3.2.2 Die dokumentarische Methode der Bildinterpretation
3.2.2.1 Die Arbeitsschritte der dokumentarischen Methode der Bildinterpretation
3.2.3. Die Erhebungsverfahren
3.2.3.1 Das Leitfadeninterview
3.2.3.2 Der Leitfaden für die Befragung der Eltern
3.2.3.3 Tischgespräche
3.2.3.4 Fotoanalyse
3.3 Erhebungsablauf
4 EMPIRISCHE ERGEBNISSE
4.1 Familie Butow
4.1.1 Leistungsorientierung
4.1.2 Geschlechterverhältnisse
4.1.3. Erziehungsstil
4.1.4 Eltern-Kind-Verhältnis
4.1.5 Die zu vermittelnden Werte
4.1.6 Elemente der geschlechtspezifischen Erziehung
4.2 Familie Schilow
4.2.1. Leistungsorientierung
4.2.2 Geschlechterverhältnisse
4.2.3 Erziehungsstil
4.2.4 Eltern-Kind-Verhältnis
4.2.5 Religiosität
4.2.6 Die zu vermittelnden Werte
4.2.7 Geschlechtsspezifische Erziehung
4.3 Familie Nikolin
4.3.1 Leistungsorientierung
4.3.2 Geschlechterverhältnisse
4.3.3 Erziehungsstil
4.3.4 Eltern-Kind-Verhältnis
4.3.5 Die zu vermittelnden Werte
4.3.6 Geschlechtsspezifische Erziehung
5 ZUSAMMENFASSUNG
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist die Rekonstruktion familialer Erziehungs- und Tradierungsprozesse in jungen russischen Familien aus St. Petersburg sowie die Untersuchung der Auswirkungen von Migrationserfahrungen durch einen komparativen Vergleich zwischen den in Russland verbliebenen und den nach Deutschland migrierten Familien.
1.1 Tradition und Tradierung
Tradition ist ein sich aus dem lateinischen Substantiv „traditio“ herleitender Begriff, der ganz allgemein Übergabe bedeutet (vgl. Duden 1989:1546). Bei den alten Römern wurde aber der Begriff traditio meist im juristischen Sinne gebraucht und bezeichnete die Übergabe eines Gegenstands im Rahmen einer Erbschaft. Heutzutage ist der Gebrauch des Begriffs Tradition (sowohl in der Alltagssprache als auch in der Wissenschaft) nicht mehr so einheitlich. Schon in der alltagsprachlichen Verwendung wird Tradition unterschiedlich verstanden: einerseits als Handlungsweisen, die einfach üblich sind, so etwa das Eröffnen des Hochzeitsballs durch Braut und Bräutigam; andererseits als ein regionales Brauchtum, wie z.B. das Münchner Oktoberfest oder das Göttinger Gänselieseküssen, oder aber Tradition als eingelebte Gewohnheit wie z.B. der gleiche Sonntagspaziergang. Im Folgenden werde ich einige Überlegungen zum Traditionsbegriff anfügen, wie sie in der sozialwissenschaftlichen Literatur erwogen werden.
Max Weber hat sich Anfang des vorigen Jahrhunderts explizit dem Phänomen Tradition zugewandt. Er zählt die Orientierung an Tradition, d.h. das traditionale Handeln und das wertrationale Handeln (im Sinne einer bewusst erhaltenen Tradition), zu zwei der wichtigsten Grundtypen des sozialen Handelns (vgl. Weber 1976:12-15). Nach ihm ist ein wertrationales Handeln ein Handeln, das „durch bewussten Glauben an den – ethischen, ästhetischen, religiösen oder wie immer sonst zu deutenden – unbedingten Eigenwert eines bestimmten Sichverhaltens rein als solchen und unabhängig vom Erfolg“ (1976:12) bestimmt ist.
1 THEORETISCHES VORWISSEN: Dieses Kapitel klärt die theoretischen Grundlagen der Begriffe Tradition und Tradierung sowie den Kontext von Migration und Kultur und ordnet die Arbeit in die aktuelle erziehungswissenschaftliche Forschung ein.
2 FAMILIEN IN RUSSLAND: Hier werden das sowjetische Familienbild sowie die aktuelle Situation der Familie in Russland nach den Transformationsprozessen dargestellt, ergänzt um die Rolle der Familie als Forschungsgegenstand.
3 METHODISCHE VORGEHENSWEISE UND AUSWAHL DER FAMILIEN: Dieses Kapitel beschreibt den Forschungsgegenstand, die Auswahlkriterien für die drei untersuchten Familien sowie die angewandten qualitativen Forschungsmethoden inklusive der dokumentarischen Methode und des Erhebungsablaufs.
4 EMPIRISCHE ERGEBNISSE: In diesem Hauptteil werden die detaillierten Ergebnisse der Studie für die Familien Butow, Schilow und Nikolin anhand von Leistungsorientierung, Geschlechterverhältnissen, Erziehungsstilen und vermittelten Werten präsentiert.
5 ZUSAMMENFASSUNG: Das letzte Kapitel führt die Hauptergebnisse der Untersuchung zusammen und diskutiert die Erkenntnisse zur Tradierung in der Erziehung sowie die Folgen der Migration für die betroffenen Familien.
Tradierung, Familienerziehung, Migration, St. Petersburg, Dokumentarische Methode, Generationenbeziehung, Wertevermittlung, Leistungsorientierung, Geschlechterrollen, Migrationsforschung, Erziehungsstil, Sowjetunion, Transformationsprozesse, Soziales Kapital, Identitätsfindung.
Die Arbeit untersucht, wie Werte, Wissen und Erziehungsvorstellungen innerhalb von Familien russischer Herkunft aus St. Petersburg an die nächste Generation weitergegeben werden und wie sich dieser Prozess bei Familien verändert, die nach Deutschland migriert sind.
Die Schwerpunkte liegen auf intergenerativen Tradierungsprozessen, der Rolle der Familie als Bildungsort, den Auswirkungen von Migrationserfahrungen sowie der Bedeutung von Milieuzugehörigkeit und gesellschaftlichem Wandel für die familiäre Erziehung.
Die zentrale Frage ist, welche Konsequenzen die Migration nach Deutschland für die Inhalte und Modi der familialen Tradierung hat und ob die Familien an traditionellen Werten festhalten oder neue Orientierungen entwickeln.
Die Arbeit basiert auf einem qualitativen, praxeologischen Ansatz unter Verwendung der dokumentarischen Methode nach Ralf Bohnsack, angewandt auf Leitfadeninterviews, Tischgespräche und eine Bildanalyse von Familienfotos.
Der Hauptteil präsentiert die empirischen Ergebnisse für drei spezifische Familien aus dem akademischen Milieu – eine in St. Petersburg verbliebene Familie und zwei in Deutschland lebende Familien –, strukturiert nach Dimensionen wie Leistungsorientierung, Geschlechterverhältnisse und Erziehungsstilen.
Wichtige Begriffe sind Tradierung, Familienerziehung, Migration, Dokumentarische Methode, Generationenbeziehung, Wertevermittlung, Leistungsorientierung und Geschlechterrollen.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich insbesondere bei den migrierten Familien ein Anpassungsprozess an liberale, westliche Erziehungsstile vollzieht, wobei beispielsweise die Familie Nikolin ihren Erziehungsstil durch die Konfrontation mit deutschen Kindesrechten liberalisiert hat.
Bei der Familie Schilow fungiert die orthodoxe Religion nach der Migration als zentrales Element zur Identitätsstiftung und zur Bewahrung kultureller Zugehörigkeit in einem fremden Lebensumfeld, obwohl die Familie in Russland zuvor konfessionell ungebunden war.
Die Ergebnisse sind heterogen: Während die Familie Butow eine starke, fast zwanghafte Leistungsorientierung zeigt, legen die migrierten Familien Schilow und Nikolin weniger Wert auf schulische Leistung und betonen stattdessen das individuelle Wohlbefinden der Kinder.
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