Magisterarbeit, 2006
143 Seiten, Note: 1,0
1. Historischer Kontext
1.1. Das Thema Wahnsinn im öffentlichen Diskurs der Gesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts
2.2. Die produktive Rezeption des Themas in der romantischen Literatur
2. Ludwig Tieck
2.1. Motivation und Beschaffenheit von Tiecks psychopathologischen Studien
2.2. Ausbruch des Wahnsinns bei Ryno
2.2.1. Symptomatik
2.2.2. Innerer Konflikt
2.3. Konfusion des Lesers und Wahnsinn als Nemesis in Der blonde Eckbert
2.3.1. Die Konzeption der Protagonisten
2.3.2. Berthas Verfehlung und deren Folgen
2.3.3. Poetischer Wahnsinn
2.3.4. Die Funktion des Wahnsinnmotivs
2.4. Melancholie und Irrwege der Seele Balders – Schwärmerkritik im William Lovell
2.4.1. Ursache und Symptomatik von Balders Melancholie
2.4.2. Die Darstellung des Wahnsinns
2.4.3. Verklärung oder Verurteilung? Die Wertung des Wahnsinns
2.4.4. Die Behandlung Balders
2.5. Verdrängtes Begehren in Der Runenberg
2.5.1. Orientierungskrise und Entfremdung
2.5.2. Initiationserlebnis, Konfrontation mit der unterbewussten Begierde
2.5.3. Verdrängung, Versuch der Integration in die bestehende Ordnung
2.5.4. Wiederkehr des Verdrängten, Abkehr vom Alltäglichen, Wahnsinn
2.6. Gesellschaftskritik in Die Reisenden
2.6.1. Schwärmerkritik
2.6.2. Behandlung und Kur
2.6.3.Die Narrengesellschaft
2.6.4. Wesen, Krankheit und Genesung Raimunds
3. E. T. A. Hoffmann
3.1. Motivation und Beschaffenheit Hoffmanns psychopathologischer Studien
3.2. Künstlertum und Wahnsinn in Der goldene Topf
3.2.1. Initiation oder Halluzination? Zum Wesen des Wunderbaren
3.2.2. Zunehmende Poetisierung als Intensivierung der Erkrankung
3.2.3. Anselmus' Verwirrung aus nüchterner Perspektive
3.2.4. Heilbehandlung
3.2.5. Die Beschaffenheit schwärmerischer und nüchterner Wahrnehmung
3.2.6. Entrückung nach Atlantis als Wahnsinn und Suizid
3.3. Kindheitstrauma und Kommunikationsunfähigkeit in Der Sandmann
3.3.1. Traumatische Kindheit
3.3.2. Kommunikationsstörungen
3.3.3. Selbstisolation und Weltentfremdung durch Liebe zu sich selbst in Olimpia
3.3.4. Divergenz von innerer und äußerer Welt – Wahnsinn
3.4. Der Umgang mit Kranken und Künstlerthematik beim Einsiedler Serapion
3.4.1. Darstellung des Wahnsinns
3.4.2. Das serapiontische Prinzip – Serapion als der ideale Künstler?
3.4.3. Behandlung
3.4.4. Die Angst vor dem Wahnsinn
3.5. Radikale Weltabkehr und Subjektivismus in Die Bergwerke zu Falun
3.5.1. Existenzkrise, Wendung ins Innere
3.5.2. Entscheidungsunfähigkeit, innere Zerrissenheit
3.5.3. Unvermittelbarkeit von innerer und äußerer Welt
3.6. Obsession und pränatales Trauma in Das Fräulein von Scuderi
3.7. Entwurf einer idealen Therapie? Zur Heilung in Die Genesung
Die vorliegende Abschlussarbeit untersucht die Thematisierung von Wahnsinn im Werk der romantischen Schriftsteller Ludwig Tieck und E. T. A. Hoffmann. Im Zentrum steht dabei die Frage, mit welcher Motivation und auf welche Weise der Verlust des Verstandes in ausgewählten Erzählungen dargestellt wird, welcher Stellenwert den betroffenen Figuren in der Gesellschaft zukommt und inwiefern diese Schilderungen als Kehrseite des aufklärerischen Verstandesbegriffs sowie als Kritik an zeitgenössischen medizinischen Behandlungsmethoden zu deuten sind.
2.2. Ausbruch des Wahnsinns bei Ryno
Tiecks im Jahre 1792 verfasstes Schlusskapitel für Rambachs Schauerroman Die eiserne Maske, welches vom Kampf zweier unterschiedlicher und sich feindlich gesinnter Brüder um eine Dame handelt, gehört zu den ersten Veröffentlichungen des Autors. Tieck stellt den in der Rivalität unterlegenen Bruder Ryno in einer elementaren Krise dar und lässt seinen Verstand nach einem langsamen Prozess der sich immer intensivierenden Zerrüttung schließlich an dem durch seine Gewissensqualen hervorgerufenen inneren Konflikt zerbrechen.
Schon zu Beginn des Kapitels wird der exaltierte Protagonist von Wahnvorstellungen geplagt, hier allerdings vorerst nur bei geschlossenen Augen: "Da fuhren ihm Schreckgestalten aus der Finsternis entgegen" (RY S. 9). Mit seiner steigenden Aufregung naht ein Unwetter; ob dieses als ein faktisches Gewitter oder eine Projektion von Rynos innerer Spannung zu lesen ist, bleibt ungeklärt. Die Bäume erscheinen Ryno im Lichte des Unwetters als Gespenster, was Rückschlüsse auf ein großes Unbehagen, eine paranoide Angst zulässt.
In seiner Erregung erschreckt er vor seinem eigenen Schatten. Mit Grausen, "eine Beute der Qualen seiner Seele" (RY S. 13), ist er dem Gedanken an den Tod ausgeliefert: "[…] sein Gedächtnis versagte ihm den Dienst; […]. Jedes angenehme Andenken war in seiner Seele untergegangen, es war ihm unmöglich, sich itzt der Weise eines Liedes zu erinnern; nur Eulengeschrei und Wolfsgeheul tönte in seiner Einbildungskraft" (RY S. 13f).
Vom Schmerz überwältigt erkennt Ryno seine eigene Stimme nicht mehr, ein Zeichen des beginnenden Selbstverlustes im Wahnsinn. Er wagt es nicht mehr zu atmen und die Augen zu öffnen: "Tod war das einzige Gefühl, welches mit Ryno itzt tobte und spielte, dies der einzige Gedanke, der ihn wie ein gewappneter Riese mit allen Seelenkräften gefangen hielt. Er rang gegen die Stärke seines Feindes, wand sich unter den Qualen des Lebens […]" (RY S. 14).
1. Historischer Kontext: Die Einleitung beleuchtet das Wahnsinnsverständnis der Spätaufklärung sowie die Entwicklung der frühen Psychiatrie und deren Reflexion in der romantischen Literatur.
2. Ludwig Tieck: Das Kapitel analysiert psychopathologische Zustände in Tiecks Frühwerk, wobei der Wahnsinn oft als unausweichliche Konsequenz verfehlter Existenzen und mangelnder Reflexion dargestellt wird.
3. E. T. A. Hoffmann: Hier wird Hoffmanns detaillierte Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Medizin untersucht, wobei der Wahnsinn als ambivalentes Phänomen zwischen pathologischem Verfall und Ausdruck einer höheren poetischen Wahrheit gedeutet wird.
C) Schlussbetrachtung: Zusammenfassung der Erkenntnisse, die eine kritische Distanz der Autoren zum Wahnsinn betonen, der trotz literarischer Stilisierung stets mit Leid und Entfremdung verbunden bleibt.
Wahnsinn, Romantik, Ludwig Tieck, E. T. A. Hoffmann, Melancholie, Psychiatrie, Psychopathologie, Literaturwissenschaft, Aufklärung, Phantastik, Seelenkrankheit, Künstlertum, Subjektivismus, Identitätsverlust, Wahnsinnsdarstellung
Die Arbeit analysiert, wie die romantischen Autoren Ludwig Tieck und E. T. A. Hoffmann das Phänomen Wahnsinn in ihrer Erzählprosa literarisch verarbeiten und welche Funktion diesem Motiv in ihrem Gesamtwerk zukommt.
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von Vernunft und Wahnsinn, die Kritik am aufklärerischen Rationalismus, die Rolle des Künstlers sowie die zeitgenössische medizinische Psychiatrie um 1800.
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass der Wahnsinn bei den untersuchten Autoren keine bloße Glorifizierung erfährt, sondern als komplexe, oft leidvolle Kehrseite der Vernunft kritisch reflektiert wird.
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Berücksichtigung historisch-medizinhistorischer Kontexte sowie zeitgenössischer psychologischer Theorien der Romantik.
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen der Werke Tiecks und Hoffmanns, in denen Krankheitsverläufe, charakterliche Dispositionen der Figuren und der gesellschaftliche Umgang mit psychisch Kranken untersucht werden.
Wichtige Begriffe sind Romantik, Phantastik, Melancholie, Psychiatrie, Künstlertum, Subjektivismus und psychische Grenzsituationen.
Tieck nutzt den Wahnsinn häufig als moralpädagogische "Nemesis" für moralisch verfehlte Protagonisten, während Hoffmann den Wahnsinn oft tiefer mit medizinischen Diagnosen verknüpft und ambivalenter als Zeichen für poetische Genialität oder existenzielle Zerrissenheit deutet.
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass der Wahnsinn nicht grundsätzlich glorifiziert wird; zwar gibt es Momente der Bewusstseinserweiterung, doch dominieren in der Darstellung letztlich die fatalen Folgen und das Leiden der Individuen.
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