Examensarbeit, 2000
73 Seiten, Note: 1
1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau der Arbeit
2. Die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlecht
2.1 Das Sex / Gender Modell
2.2 Die moderne Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit
2.3 Das Dispositiv der Geschlechter
2.4 Resümee
3. Die Konstruktion von Männlichkeiten
3.1 Die Modernisierung von ‘Männlichkeit’
3.2 ‘Männlichkeit’ und die ‚Geschlechtsrolle‘
3.3 Schwulenbewegung und das Verständnis von ‘Männlichkeit’
3.4 ‘Der Mann’ existiert nicht
3.5 Das Modell der hegemonialen ‘Männlichkeit’
3.6 Resümee
4. Grundstruktur männlicher Sozialisation
4.1 Der Sozialisationsrahmen
4.2 Begriffsbestimmung Sozialisation
4.3 Das Fehlen der Männer oder die Feminisierung der frühkindlichen Sozialisation
4.4 Strukturmerkmale von ‘Männlichkeit’
4.4.1 Externalisierung
4.4.2 Keine Gefühle zulassen
4.4.3 Körperferne
4.5 Resümee
5. Darstellung der aktuellen Koedukationsdebatte
5.1 Sechs Jungen und der Rest Mädchen - Der ‘heimliche Lehrplan’
5.1.1 Interaktionsmuster im Bildungswesen
5.1.2 Geschlechtertypisierungen in Schulbüchern
5.1.3 Geschlechterhierarchie im LehrerInnenzimmer
5.1.4 Gewaltverhalten in der Schule
5.2 Die andere Seite der Medaille
5.3 Zusammenfassung des bisher dargestellten oder warum Koedukation nicht stattfindet
6. Geschlechtsbezogenes Arbeiten im schulischen Kontext
6.1 Veränderungsoptionen
6.1.1 Veränderungen im Bereich der Schulstruktur
6.1.2 Die Rolle des Pädagogen
6.1.3 Die Lehrpläne - der Unterricht
6.2 Spezielle, pädagogische Angebote
6.2.1 Methodisch-Didaktische Überlegungen
6.2.2 Themenschwerpunkte für die Jungenarbeit
6.2.3 Homophobie
6.2.4 Selbstwahrnehmung – Wahrnehmung anderer
6.2.5 Körperarbeit
6.3 Schlußbemerkung
Die vorliegende Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen einer geschlechterreflektierenden Jungenarbeit im koedukativen schulischen Kontext. Das zentrale Forschungsanliegen besteht darin, theoretische Grundlagen der Jungensozialisation und Männlichkeitskonstruktion mit der schulischen Realität zu verknüpfen, um Strategien für eine pädagogische Praxis zu entwickeln, die Jungen unterstützt, ohne dabei die bestehenden Geschlechterhierarchien zu festigen.
Die moderne Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit
Ein wesentlicher historischer Aspekt in der Geschlechterkonstruktion war die veränderte Sichtweise auf die geschlechtlichen Körper. Herrschte bis zum 18. Jahrhundert das ‘Ein-Geschlecht-Modell’ vor, in dem der männliche und weibliche Körper mit seinen Geschlechtsmerkmalen als prinzipiell gleichförmig betrachtet wurde, identifizieren die modernen HumanwissenschaftlerInnen die Geschlechter als qualitativ verschieden. Im früheren Verständnis war der weibliche Körper eine weniger entwickelte Variante des Mannes, bei der die männlichen Genitalien lediglich nach innen gestülpt waren. Im Zuge der Aufklärung wurden Frauen- und Männerkörper als zwei grundsätzlich verschiedene und gegenteilige Geschlechtskörper definiert.
Die Unterscheidung zwischen Mann und Frau existierte auch vor der modernen Sicht auf die Geschlechter. Während jedoch in früheren Jahren z.B. das göttliche Gesetz als verantwortlich für diese Differenzierung galt, fungierten nun die verschieden gestalteten Körper als Begründung und wurden auch als solche wahrgenommen. Bemerkenswert an der Ablösung des ‘Ein-Geschlecht-Modells’ und der Etablierung einer Geschlechterdifferenz ist die zeitliche Übereinstimmung mit dem aufkommenden bürgerlichen Postulat der Gleichheit aller Menschen. Ein Insistieren auf einer fundamentalen Differenz der Geschlechter ermöglichte es weiterhin, Frauen aus Menschen- und BürgerInnenrechtsforderungen auszuschließen. Basierend auf ein neuentstandenes Verständnis des Körpers als Wissensquelle über physiologische, geistige und soziale Aspekte des Menschen, wurden Frauen Besonderheiten zugesprochen bzw. abgesprochen, die ein Recht auf den Bürgerinnenstatus legitimiert hätten. Durch die Typisierung des Körpers, später auch der Seele, wurde den Frauen eine weibliche Identität, die als natürlich und universell konstruiert wurde, zwingend zugeschrieben.
1. Einleitung: Darstellung der Problemstellung hinsichtlich der Vernachlässigung von Jungensozialisation in der schulischen Forschung sowie der Aufbau der Arbeit.
2. Die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlecht: Theoretische Auseinandersetzung mit dem sex/gender-Modell und dem diskursiven Konzept des Geschlechter-Dispositivs.
3. Die Konstruktion von Männlichkeiten: Analyse verschiedener Männlichkeitskonzepte unter besonderer Berücksichtigung des Modells der hegemonialen Männlichkeit nach R.W. Connell.
4. Grundstruktur männlicher Sozialisation: Untersuchung der Prägungsfaktoren männlicher Identitätsbildung und der Auswirkungen der männlichen Unterrepräsentanz in der frühen Erziehung.
5. Darstellung der aktuellen Koedukationsdebatte: Kritische Beleuchtung der koedukativen Praxis hinsichtlich des 'heimlichen Lehrplans' und der geschlechtsspezifischen Lernnachteile für Jungen.
6. Geschlechtsbezogenes Arbeiten im schulischen Kontext: Entwicklung konkreter Veränderungsoptionen und pädagogischer Ansätze für eine geschlechterreflektierende Jungenarbeit.
Jungenarbeit, Männlichkeit, Koedukation, Sozialisation, Geschlechterkonstruktion, hegemoniale Männlichkeit, heimlicher Lehrplan, geschlechterreflektierende Pädagogik, Jungensozialisation, Interaktionsmuster, Schulforschung, Identitätsbildung, Machtverhältnisse.
Die Arbeit analysiert die Situation von Jungen im koedukativen Schulsystem vor dem Hintergrund aktueller geschlechtertheoretischer Diskurse.
Im Zentrum stehen die soziale Konstruktion von Geschlecht, die Strukturmerkmale männlicher Sozialisation sowie die kritische Reflexion der bisherigen Koedukationsdebatte.
Ziel ist es, ein Konzept für eine geschlechterreflektierende Jungenarbeit zu entwerfen, das über bloße "Orientierungshilfen" hinausgeht und gesellschaftliche Machtverhältnisse einbezieht.
Es handelt sich um eine theoretisch-diskursive Arbeit, die maßgeblich auf soziologischen und erziehungswissenschaftlichen Ansätzen (u.a. Connell, Hagemann-White) basiert.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Geschlecht und Männlichkeit, eine Analyse der Sozialisationsbedingungen von Jungen und eine Darstellung konkreter Handlungsoptionen für die Schule.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Jungenarbeit, hegemoniale Männlichkeit, heimlicher Lehrplan und geschlechterreflektierende Pädagogik beschreiben.
Der Autor konstatiert ein Fehlen präsenter männlicher Vorbilder, was Jungen zur negativen Identifikation (Abgrenzung von der Mutter) und zur Orientierung an abstrakten, oft unrealistischen Männlichkeitsidealen zwingt.
Damit kritisiert der Autor, dass das aktuelle koedukative System oft nur eine formale Koinstruktion (gemeinsamer Raum) ist, die patriarchale Machtstrukturen verschleiert, anstatt sie abzubauen.
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