Examensarbeit, 2007
112 Seiten, Note: 2,0
I. Einleitung – warum der Algerienkrieg auch heute noch (auch aus deutscher Sicht) interessiert
a) Aktueller Bezugspunkt: die Krise der Republik
b) Aktueller Bezugspunkt: die Krise der Banlieues
c) Aktueller Bezugspunkt: der Blick von außen
d) Aktueller Bezugspunkt: Abu Ghreib und Guantanamo
II. Fragestellung
III. Schwerpunktsetzungen und Methode
IV. Hauptteil 1: Bedingungsfaktoren der Frankreich - Wahrnehmung
1. Politischer Führungsanspruch und zivilisatorische Mission - Zusammenhänge
2. Französische Zivilisation – positives Selbstverständnis 1957
2.1 Algerienbild bei Bruzière und Mauger
2.2 Deutschlandbild bei Bruzière und Mauger
3. Der politische Führungsanspruch Frankreichs nach 1945
3.1 Die außenpolitische Grundorientierung
3.2 Besatzungspolitik in der FBZ
4. Französische Zivilisation – Legitimation und politisches Instrument im historischen Kontext
4.1 Die französische Zivilisation – eine europäische Zivilisation mit einer certaine idée de la France
4.1.1 Das „überlegene Europa“
4.1.2 Europa als „Anfang der universalen Moderne“
4.1.3 Das „bedrohte Europa“
4.1.4 Die „innere Vielfalt Europas“
4.2 Europäische Zivilisation im nationalen Profil - Der deutsch-französische Antagonismus
4.2.1 Die Revolution von 1789 und die demokratisch-zivilisatorische Mission – Rezeption und Wirkung in Deutschland
4.2.2 Napoleon und die Deutschen
4.2.3 Persistenz von „stereotypen Systemen“: die Nation und der National charakter - die langen Schatten der Geschichte
4.2.4 Die Kolonialmächte Frankreich und Deutschland als Konkurrenten in Nordafrika bis 1945
4.3 Algerien – das Far West Frankreichs
4.3.1 Chronologie 1830 – 1945
4.3.2 Der Weg zur Unabhängigkeit 1945 – 1962
4.4 Die zivilisatorische Mission Frankreichs in Algerien in einem kritischen Licht am Beispiel der Camus-Rezeption
4.4.1 Universalismus-Anspruch
4.4.2 Gerechtigkeit: eine Frage der Verteilung von Gütern?
4.4.3 Eine algerische Nation?
4.5 Die politisch-intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Algerienkrieg in Frankreich in Bezug auf die Nationalmythologie
4.5.1 Littérature engagée und Existenzialismus
4.5.2 Algerien und Vichy
V. Hauptteil 2: Westdeutschland und der Algerienkrieg
5. Die französische Zivilisation – deutsches Wunschdenken in der Nachkriegszeit (Schulbuchanalyse)
5.1 Das Frankreichbild in deutschen Französischbüchern der 50er Jahre
5.2 Das Frankreichbild in deutschen Französischbüchern der 60er Jahre
6. Führungsmacht Frankreich – ein Partner Deutschlands?
6.1 EVG – die große Enttäuschung
6.2 Vertrauensbildende Zweite Berlin-Krise
7. Frankreichwahrnehmung seitens der SPD
7.1 Die SPD und Frankreich im Nachkriegsdeutschland – kein guter Start, vor allem in der FBZ
7.2 Die SPD und der Algerienkrieg
7.2.1 Unabhängigkeitsbewegungen und sozialdemokratische Traditionen
7.2.2 Der „dritte Weg“ – ein „eurosozialistisches Empire“
7.2.3 Algerienkonflikt: Ausgangslage und Stellenwert für die SPD
7.2.3 SPD – Nibelungentreue zum S.F.I.O ?
7.2.5 Von der Nebenaußenpolitik zur doppelten Außenpolitik
7.2.6 Fazit: Frankreich und Algerien aus der Sicht der SPD
7.3 Algeriensolidarität der „Kofferträger“ und Intellektuellen
8. Die CDU Adenauers – der „natürliche Partner“ Frankreichs
8.1 Die Rolle Nordafrikas in den deutsch-französischen Beziehungen
8.1.1 Schwierige Ausgangslage für Westdeutschland
8.1.2 Wirtschaftliche und politische Interessen
8.1.3 Deutschland in Nordafrika: Chancen und Gefahren für Frankreich
8.2 Allgemeine Zielsetzungen der Algerienpolitik der CDU Adenauers
8.2.1 Algerien als Randproblem
8.2.2 Algerien als Gefahr und als Chance bundesdeutscher Europa- und Weltpolitik
8.3 Die FLN und die Bundesregierung
8.4 Die deutsch-französische Kooperation im Rüstungsbereich
9. Der Algerienkrieg in der deutschen Öffentlichkeit
9.1 Die Berichterstattung in der Zeit
9.1.1 Kritik an der französischen Demokratie
9.1.2 „Faschismus“
9.1.3 Stereotype: deutsche Tiefe – französische Oberflächlichkeit
9.1.4 Algerienkrieg: Kriegsziele, Praxis, Legitimation und Erfolgsaussichten
9.1.5 Frankreich und Europa
9.2 Die Berichterstattung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
9.2.1 Algerienkrieg: Kriegsziele, Praxis, Legitimation und Erfolgsaussichten
9.2.2 Die französische Demokratie – Gefahr eines Faschismus?
9.2.3 Frankreich und Deutschland in Europa
9.3 Die Berichterstattung im Rheinischen Merkur
9.4 Pressestimmen aus der Nähe der ehemaligen FBZ; Stuttgarter Zeitung und Badisches Volksecho
10. Fazit
Die Arbeit untersucht die politische und öffentliche Wahrnehmung Frankreichs in der Bundesrepublik Deutschland während der Zeit des Algerienkrieges (ca. 1954–1962). Ziel ist es zu ergründen, inwiefern der Algerienkrieg das zivilisatorische Prestige Frankreichs in der deutschen Wahrnehmung beeinflusste oder ob dieses Prestige aufgrund strategischer Interessen (Sicherheit, Wiedervereinigung) in den Hintergrund trat.
Französische Zivilisation – positives Selbstverständnis 1960
„La France et ses écrivains“ von Mauger und Bruézière gilt als eines der großen Schul Standardwerke über die französischen Zivilisation schlechthin. Es wurde nach 1957 mehrfach überarbeitet und ist „couronné par l’Académie francaise“. Darin werden Frankreichs Landschaften und Städte, seine kulturell-ethnischen Wurzeln, seine Bewohner, sein gesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches Leben, seine Stellung in der Welt, seine Kunst und Architektur, sein ganzes intellektuell-künstlerisches Schaffen durch die Brille der Literatur und der Literaten aufgeschlossen. Durch diese Perspektive wird nicht nur die außerordentliche Rolle der Dichter und Denker für das Renommee und die Grandeur betont, sondern Frankreich, auch das politische, wird durch die Perspektive der Literaten gleichsam auf eine überparteiliche Weise sublimiert und verewigt.
Da die zu Wort kommenden Dichter und Denker sich selbst meist überschwänglich zu der Grandeur Frankreichs (und damit der eigenen) bekennen, erscheint dem Leser Frankreich als Zentrum des Universalismus und der humanité (dts. Menschheit, Menschlichkeit). Am deutlichsten wird dies in einem Auszug von Georges Duhamels „Civilisation francaise“, in dem sich die Berufung der Franzosen, „das Universelle voranzubringen und zu verteidigen“, bestätigt. In diesem Pamphlet Duhamels werden, nur höflich verschleiert, die begrenzten Möglichkeiten anderer Völker aufgezeigt.
1. Politischer Führungsanspruch und zivilisatorische Mission - Zusammenhänge: Das Kapitel erläutert, wie machtpolitischer Führungsanspruch und zivilisatorischer Sendungsgedanke in der Außenpolitik von Weltmächten legitimatorisch ineinandergreifen.
2. Französische Zivilisation – positives Selbstverständnis 1957: Das Kapitel analysiert das französische Selbstverständnis anhand eines damaligen Standardwerks, welches das Land als Zentrum des Universalismus darstellt.
3. Der politische Führungsanspruch Frankreichs nach 1945: Hier werden die außenpolitischen Ziele Frankreichs (1945-1962) sowie die Besatzungspolitik in der französischen Besatzungszone beleuchtet.
4. Französische Zivilisation – Legitimation und politisches Instrument im historischen Kontext: Dieses umfangreiche Kapitel untersucht die verschiedenen Typen des europäischen Selbstverständnisses sowie den deutsch-französischen Antagonismus und die Rolle Algeriens.
5. Die französische Zivilisation – deutsches Wunschdenken in der Nachkriegszeit (Schulbuchanalyse): Das Kapitel untersucht anhand von Schulbüchern, wie das Frankreichbild in der deutschen Nachkriegszeit konstruiert wurde.
6. Führungsmacht Frankreich – ein Partner Deutschlands?: Es wird das ambivalente Verhältnis beleuchtet, insbesondere im Kontext der EVG und der Berlin-Krise.
7. Frankreichwahrnehmung seitens der SPD: Die kritische und in Phasen gespaltene Haltung der SPD gegenüber der französischen Algerienpolitik wird hier detailliert analysiert.
8. Die CDU Adenauers – der „natürliche Partner“ Frankreichs: Das Kapitel beleuchtet die pragmatische und am Ziel der Westbindung orientierte Algerienpolitik der CDU.
9. Der Algerienkrieg in der deutschen Öffentlichkeit: Hier wird die mediale Berichterstattung in Leitmedien wie "Die Zeit", der "FAZ" und dem "Rheinischen Merkur" ausgewertet.
10. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und konstatiert, dass der Algerienkrieg für die Bundesrepublik primär eine funktionale, außenpolitische Dimension hatte.
Algerienkrieg, Frankreichbild, Bundesrepublik, Außenpolitik, Zivilisatorische Mission, Westbindung, Adenauer, de Gaulle, SPD, CDU, deutsch-französische Beziehungen, Kolonialismus, Europäische Integration, Presseanalyse, Geschichtspolitik.
Die Arbeit untersucht, wie die Bundesrepublik Deutschland zwischen 1954 und 1962 das politische Handeln Frankreichs während des Algerienkrieges wahrgenommen hat und welche Rolle dabei französische Zivilisationsansprüche spielten.
Zentrale Themen sind die deutsch-französische Aussöhnung, die französische Besatzungspolitik, die Westbindung der Bundesrepublik und die mediale Darstellung des Algerienkrieges in Deutschland.
Das primäre Ziel ist es zu analysieren, ob der Algerienkrieg das zivilisatorische Prestige Frankreichs in der deutschen öffentlichen Meinung beschädigt hat oder ob sicherheitspolitische Notwendigkeiten die Wahrnehmung überlagerten.
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse zeitgenössischer Quellen, insbesondere Schulbücher, Parteipositionen (SPD/CDU) sowie eine systematische Auswertung überregionaler Zeitungen (Die Zeit, FAZ, Rheinischer Merkur).
Der Hauptteil ist zweigeteilt: Er behandelt zum einen die Bedingungsfaktoren der Frankreich-Wahrnehmung (historische und zivilisatorische Grundlagen) und zum anderen die konkrete Westdeutschland-Politik im Kontext des Algerienkrieges.
Die Begriffe "Führungsanspruch", "Zivilisatorische Mission", "Deutsch-Französische Beziehungen", "Algerienkrieg" und "Frankreichwahrnehmung" sind zentral.
Während die CDU das Verhältnis pragmatisch unter das Ziel der Westbindung stellte, übte die SPD, geprägt durch sozialistische Traditionen und eine kritischere Haltung zum französischen "Mutterland", eine schärfere, wenn auch ambivalente Kritik am Algerienkrieg.
Die Schulbücher der 50er Jahre vermittelten ein idealisiertes Frankreichbild, das den Fokus auf eine "kulturelle Mission" legte, um eine positive Grundlage für die Völkerverständigung und europäische Integration zu schaffen.
Frankreichs unnachgiebige Haltung während der Berlin-Krise wurde in Deutschland als Zeichen der Zuverlässigkeit und Stärke gewertet, was das Ansehen de Gaulles als europäischer Führer in der westdeutschen Presse steigerte.
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