Doktorarbeit / Dissertation, 2003
302 Seiten, Note: magna cum laude (=2)
Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation
1 Einführung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau der Arbeit
2 Politische Kommunikation
2.1 Beziehungen zwischen Medien und Politik
2.2 Anwendungsfall Wahlkampf
3 Massenmedien und Wählerverhalten
3.1 Relevante Ansätze der Medienwirkungsforschung
3.1.1 Das Paradigma der mächtigen Medien
3.1.2 Das Paradigma der "minimalen Effekte"
3.1.3 Was Medienwirkungen hemmt: z.B. Selektivität
3.1.4 Die kognitive Wende: z.B. Agenda-Setting
3.1.5 Rückkehr zu persuasiven Medienwirkungen: z.B. Priming und Framing
3.1.6 Fazit: Die Wiederbelebung der Untersuchung massiver Medienwirkungen
3.2 Erklärungsmodelle des Wahlverhaltens
3.2.1 Der soziologische oder sozialstrukturelle Ansatz
3.2.2 Der sozialpsychologische Ansatz
3.2.3 Der Rational-Choice-Ansatz
3.2.4 Fazit: Die Erklärungsmodelle und ihr Bezug zur Kandidatenorientierung
3.3 Personalisierung der Politik
3.3.1 Personalisierung der Wahlkampfführung
3.3.2 Personalisierung der Medienberichterstattung
3.3.3 Personalisierung des Wählerverhaltens
3.3.3.1 Candidate-Voting
3.3.3.2 Entpolitisierung der Kandidatenbewertung
3.3.4 Fazit: Personalisierung – eine neue Form der Wahlkampfführung, "Amerikanisierung" oder alter Wein in alten Schläuchen?
4 Bestimmungsfaktoren der Kandidatenorientierung
4.1 Der Prozess der Urteilsbildung über Spitzenkandidaten
4.2 Zum Einfluss des Fernsehens
4.2.1 Theoretische Überlegungen und methodische Beschränkungen
4.2.2 Empirische Untersuchungen
4.2.3 Fazit
4.3 Zum Einfluss der Wirtschaftslage
4.3.1 Theoretische Erklärungen
4.3.1.1 Incumbency-Hypothese und Policy-Hypothese
4.3.1.2 "Personal Experience"-Hypothese und "National Assessment"-Hypothese
4.3.1.3 Fazit
4.3.2 Empirische Untersuchungen
4.3.2.1 Methodische Probleme
4.3.2.2 Ergebnislage
4.3.3 Zum Einfluss der Medien auf die Wahrnehmung der Wirtschaftslage
5 Das RAS-Modell von Zaller – theoretische Überlegungen und empirische Lösungsvorschläge für den Nachweis starker Medieneffekte in der politischen Kommunikation
5.1 Die Rolle der Medien in ZALLERS Modell
5.2 Kritik
5.3 Empirische und analytische Randbedingungen für den Nachweis starker Medieneffekte
5.4 Fazit
6 Zusammenfassung und Überleitung zur empirischen Untersuchung
7 Problemstellung und Konzeption der Studie
7.1 Der Untersuchungsgegenstand
7.2 Die Untersuchungsperspektive
7.3 Der Untersuchungszeitraum
7.4 Die Untersuchungsmethoden
7.4.1 Die Befragungsdaten aus dem DFG-Projekt "Wählerwanderung und Politikverdrossenheit"
7.4.2 Die Inhaltsanalysedaten der Nachkodierung von Fernsehnachrichten
7.4.2.1 Untersuchungsanlage
7.4.2.2 Kategoriensystem
7.4.3 Die empirischen Analysen
7.4.3.1 Deskriptiv-analytische Betrachtungen von Bevölkerungsmeinung und Nachrichteninhalten
7.4.3.2 Zeitreihenanalysen
8 Ergebnisse aus Befragung und Inhaltsanalyse: Kanzlerpräferenzen der Bevölkerung und Darstellungen der Kandidaten in den Medien
8.1 Kanzlerpräferenzen der Bevölkerung
8.2 Kandidaten in den Fernsehnachrichten
8.2.1 Verteilung der Aussagen auf die Sender
8.2.2 Verteilung der Aussagen über den Untersuchungszeitraum
8.2.3 Aussage-Typen
8.2.4 Akteursbeziehungen
8.2.5 Thematischer Kontext der Aussagen (Framing)
8.2.6 Bewertungen
8.2.6.1 Bewertungen und Themen
8.2.6.2 Konsonanz der Berichterstattung? Bewertungen der Kandidaten nach Sendern
8.2.6.3 Bewertungen über die Zeit
8.2.7 Fazit
9 Kausalanalysen: Die Abhängigkeit der Kanzlerpräferenz von Medieninhalten und Wirtschaftserwartungen (Zeitreihenanalysen)
9.1 Herausforderer Scharping
9.1.1 Grafische Darstellungen
9.1.2 Prognose der Kanzlerpräferenz mit dem Zeitreihen-Modell
9.1.3 Zeitreihenanalyse nach BOX/JENKINS
9.1.3.1 Univariate ARIMA-Modelle
9.1.3.2 Kreuzkorrelationen
9.1.3.3 Transfer- und Gesamtmodelle
9.1.3.4 Interpretation der Modelle
9.1.4 Effekt-Validierung durch Einbeziehung intervenierender Variablen
9.1.4.1 Positive Aussagen über Scharping
9.1.4.2 Mediennutzung
9.1.5 Fazit
9.2 Amtsinhaber Kohl
9.2.1 Grafische Darstellung
9.2.2 Zeitreihenanalysen nach BOX/JENKINS
9.2.2.1 Nachrichteninhalte
9.2.2.2 Allgemeine Wirtschaftslage
9.2.3 Fazit
10 Schlussbetrachtungen
10.1 Zusammenfassung der wichtigsten empirischen Ergebnisse
10.1.1 Medieninhaltsanalyse
10.1.2 Kausalanalysen
10.2 Interpretation und Rückbezug zur Theorie
10.3 Beschränkungen
10.4 Ausblick
Die vorliegende Dissertation untersucht die Abhängigkeit der Kanzlerpräferenz von Wählern von medialen Inhalten sowie der wahrgenommenen Wirtschaftslage. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu klären, inwiefern Fernsehnachrichten durch ihre Berichterstattung über Kanzlerkandidaten die Wählermeinung beeinflussen und ob diese Medieneffekte als wahlentscheidend einzustufen sind.
1.1 Problemstellung
Wenn Wähler bei Bundestagswahlen ihr Kreuzchen für eine Partei machen, wissen sie auch immer, welchen Kanzlerkandidaten sie damit wählen. Dies gilt seit der ersten Bundestagswahl im Jahre 1949, als die CDU mit Konrad Adenauer gegen die SPD mit Kurt Schumacher antrat, bis zur letzten Bundestagswahl 2002, als die SPD mit Gerhard Schröder gegen die CDU/CSU mit Edmund Stoiber kandidierte. Die Wähler haben bei ihrer Entscheidung oft sehr differenzierte Vorstellungen von den Kanzlerkandidaten, über ihre politischen Kompetenzen und ihre Persönlichkeit (KINDELMANN 1994, LASS 1995). Und das, obwohl kaum ein Wähler jemals einen der Kandidaten persönlich gesehen, geschweige denn gesprochen hat. Politikvermittlung findet in unserer Gesellschaft nicht persönlich, sondern über die Massenmedien statt. Natürlich sprechen die Menschen auch miteinander über Politik und Politiker, doch diese interpersonale politische Kommunikation hat ihre Informationsbasis ebenfalls ganz überwiegend in massenmedialen Politik-/Politikerdarstellungen. Die Medien sind ein Konstrukteur politischer Realität (SARCINELLI 1991: 439) und wichtigstes Instrument der Politikvermittlung (KINDELMANN 1994: 13).
Politische Informationen werden vor allem über die Nachrichtenkanäle der Massenmedien verbreitet und diese werden damit zum Bindeglied zwischen politischen Akteuren und Wählern. Zu den wichtigsten Nachrichtenkanälen zählen die Haupt-Nachrichtensendungen der reichweitenstarken Fernsehsender. Besonders bei der Berichterstattung über Personen (Kanzlerkandidaten) wird ihnen aufgrund von Darstellungsmöglichkeiten, Glaubwürdigkeit beim Publikum und Aktualität eine besondere Wichtigkeit zugeschrieben.
Diese Konstellationen legen die Frage nahe, inwieweit die Wähler bei ihrem Urteil über Kanzlerkandidaten von Fernsehnachrichten beeinflusst werden. Bedeutet Politikvermittlung in den Fernsehnachrichten nur eine Übertragung neutraler Informationen, die beim Wähler zwar kognitive, aber keine persuasiven Effekte zeitigen? Oder werden in den Fernsehnachrichten neutrale und bewertende Informationen übermittelt, die den Wähler in seinem Wahlentscheid inhaltlich beeinflussen – ihn also dazu bringen eher den einen als den anderen Kandidaten zu favorisieren?
Die untersuchungsleitende Fragestellung dieser Arbeit ist daher die Suche nach Abhängigkeiten der Wählermeinung von den Darstellungen der Kanzlerkandidaten in den Haupt-Nachrichtensendungen.
1 Einführung: Hinführung zum Thema, Darstellung der Problemstellung und Erläuterung des Aufbaus der Arbeit.
2 Politische Kommunikation: Theoretische Einordnung der Studie in das Forschungsfeld der Politischen Kommunikation und Diskussion der Beziehungen zwischen Medien und Politik.
3 Massenmedien und Wählerverhalten: Historischer Überblick über die Medienwirkungsforschung, Erklärungsmodelle des Wahlverhaltens und eine kritische Auseinandersetzung mit der "Personalisierung der Politik".
4 Bestimmungsfaktoren der Kandidatenorientierung: Analyse der Einflussfaktoren auf Wählerentscheidungen, insbesondere der Rolle des Fernsehens und der wirtschaftlichen Lage.
5 Das RAS-Modell von Zaller – theoretische Überlegungen und empirische Lösungsvorschläge für den Nachweis starker Medieneffekte in der politischen Kommunikation: Theoretische Fundierung von Medieneffekten durch das RAS-Modell von John Zaller.
6 Zusammenfassung und Überleitung zur empirischen Untersuchung: Zusammenfassung der theoretischen Erkenntnisse als Basis für den empirischen Teil der Studie.
7 Problemstellung und Konzeption der Studie: Detaillierte Beschreibung der methodischen Vorgehensweise, des Untersuchungsgegenstands und der Datengrundlagen.
8 Ergebnisse aus Befragung und Inhaltsanalyse: Kanzlerpräferenzen der Bevölkerung und Darstellungen der Kandidaten in den Medien: Deskriptive Auswertung der erhobenen Daten zu Wählerpräferenzen und Medienberichterstattung.
9 Kausalanalysen: Die Abhängigkeit der Kanzlerpräferenz von Medieninhalten und Wirtschaftserwartungen (Zeitreihenanalysen): Empirische Überprüfung der Forschungsfragen mittels komplexer statistischer Zeitreihenanalysen.
10 Schlussbetrachtungen: Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse, Interpretation, Diskussion der Einschränkungen und Ausblick auf künftige Forschung.
Politische Kommunikation, Medienwirkung, Wahlverhalten, Kanzlerkandidaten, Personalisierung, Agenda-Setting, RAS-Modell, Zeitreihenanalyse, Bundestagswahl, Fernsehnachrichten, Wirtschaftslage, Wählerpräferenz, Politische Imagebildung, Wahlkampfforschung
Die Arbeit untersucht den Einfluss von Fernsehnachrichten und der wahrgenommenen Wirtschaftslage auf die Kanzlerpräferenz der Wähler im Kontext der Bundestagswahl 1994.
Die Schwerpunkte liegen auf Medienwirkungsforschung, Erklärungsmodellen des Wahlverhaltens, der Personalisierung von Wahlkämpfen und dem Einfluss ökonomischer Faktoren.
Das Hauptziel ist die empirische Überprüfung, ob und wie die Berichterstattung in den Hauptnachrichten die Wählermeinung bezüglich der Kanzlerkandidaten beeinflusst.
Es wird eine Kombination aus Inhaltsanalyse der Berichterstattung und Umfragedaten eingesetzt, wobei zur kausalen Analyse fortgeschrittene Zeitreihenverfahren (BOX/JENKINS) genutzt werden.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Verortung der Medienwirkungen und Wahlforschung sowie eine umfassende empirische Untersuchung auf Basis von Daten des Jahres 1994.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Politische Kommunikation, Medienwirkung, Kanzlerkandidaten, Zeitreihenanalyse und Personalisierung geprägt.
Da Medieneffekte oft innerhalb weniger Tage auftreten, erlauben Zeitreihenanalysen auf Tagesbasis die präzise Identifikation von Kausalbeziehungen, die in groben wöchentlichen Daten verborgen blieben.
Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass die oft behauptete, kontinuierlich zunehmende Personalisierung des Wählerverhaltens oder der Medienberichterstattung in dieser pauschalen Form empirisch nicht haltbar ist; stattdessen variieren diese Effekte stark nach Rahmenbedingungen.
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