Magisterarbeit, 2006
64 Seiten, Note: 2,0
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
1. Der Begriff des Mythos
2. Die Geschichte des Medea-Mythos
2.1 Der antike Medea-Mythos
2.2 Das Medeadrama des Euripides
3. Der Medea-Mythos in Hans Henny Jahnns Drama „Medea“
3.1 Die Aspekte der Fremdheit Medeas
4. Der Medea-Mythos in Christa Wolfs Roman „Medea. Stimmen“
4.1 Christa Wolfs Mythosverständnis
4.2 Die Verarbeitung des Medea-Stoffs
4.3 Medea: Fremde unter Fremden
5. Assimilation ausgeschlossen – Medea im Vergleich
6. Schlußbemerkung
Die vorliegende Arbeit untersucht den Medea-Mythos als literarische Vorlage für die Darstellung von Fremdheit und Identitätskonflikten, indem sie die Adaptionen von Hans Henny Jahnn und Christa Wolf gegenüberstellt und analysiert, wie beide Autoren das Motiv der Medea nutzen, um gesellschaftliche Ausgrenzung und das Spannungsfeld zwischen Individuum und Kultur kritisch zu beleuchten.
3.1 Die Aspekte der Fremdheit Medeas
Julia Kristeva schreibt, daß die ersten Fremden in der antiken Tragödie, die ersten Fremden, die zu Beginn unserer Kultur literarisch in Erscheinung treten, Frauen sind. Medea ist eine Frau. Medea ist eine Fremde. Jason hat sie aus dem fernen Kolchis ins griechische Korinth geholt. Medea konfrontiert die griechische Kultur mit der ihr fremden kolchischen, und ihrerseits wird Medea mit der ihr fremden griechischen Kultur konfrontiert.
In der klassischen griechischen Gesellschaft besaßen Fremde keine Bürgerrechte, selbst diejenigen, die „gemischten Blutes waren“, und „[a]lle Gruppen der Fremden waren von einer Exklusion bestimmten Grades durch das griechische Kollektiv betroffen“. Ein Fremder ist also einer, der sich von einer Gruppe, einer Gemeinschaft unterscheidet, der die Merkmale dieser Gruppe – seien sie optischer, sprachlicher, etc. Natur – nicht teilt. Ganz allgemein ist ein Fremder ein Andersgearteter, ein Anderer.
Medea ist aus mehreren Gründen eine Fremde. Sie ist fremd, weil sie von einem anderen Ort kommt, aus Kolchis und nicht aus Korinth. Sie ist fremd, weil sie von anderer Herkunft ist – Nichtgriechin, Kolcherin. Und sie ist sogar deswegen fremd, weil sie Jasons Ehefrau ist. Julia Kristeva hat darauf hingewiesen, „daß in Griechenland die Ehefrau als eine Fremde gedacht wird.“
Medea ist die „Barbarin aus dem Osten – wie Euripides sie unverhohlen nennt.“ Ursprünglich besaß das Wort Barbar bei den Griechen eine rein sprachliche Bedeutung, die sich dann zu einer kulturellen Bedeutung hin verschob, d. h., Menschen außerhalb des Machtbereichs der griechischen Stadtstaaten bezeichnete. Der Begriff Barbar wurde nun konnotiert mit Begriffen wie unzivilisiert, feige, grausam, verräterisch, unbeherrscht, etc. Göbel-Uotila weist darauf hin, daß sich diese wertende Konnotation bereits bei Euripides findet:
1. Der Begriff des Mythos: Definitorische Annäherung an den Mythos als traditionelle, variable Erzählform, die kulturelle und existentielle Fragen verhandelt.
2. Die Geschichte des Medea-Mythos: Überblick über die antike Überlieferungslage des Medea-Mythos und die literaturgeschichtlich prägende Wirkung des Euripides-Dramas.
3. Der Medea-Mythos in Hans Henny Jahnns Drama „Medea“: Untersuchung der spezifischen, archaisierenden Adaption Jahnns, die Medea durch ihre Hautfarbe als radikale Außenseiterin markiert.
4. Der Medea-Mythos in Christa Wolfs Roman „Medea. Stimmen“: Analyse des Romans, der Medea humanisiert und den Fokus auf patriarchale Machtstrukturen und den Ausschluss des Fremden legt.
5. Assimilation ausgeschlossen – Medea im Vergleich: Synthese der Untersuchung, die aufzeigt, dass bei beiden Autoren eine Integration der fremden Medea in die jeweiligen Gesellschaftssysteme scheitern muss.
6. Schlußbemerkung: Reflektion über die stetige Aktualität des Medea-Mythos als Ausdruck für die Auseinandersetzung mit dem Anderen und der menschlichen Existenz.
Medea, Mythos, Hans Henny Jahnn, Christa Wolf, Fremdheit, Alterität, Kindsmord, Matriarchat, Patriarchat, Kolchis, Korinth, Identität, Literaturwissenschaft, Mythosadaption, Rassismus.
Die Arbeit untersucht, wie zwei moderne Autoren, Hans Henny Jahnn und Christa Wolf, den antiken Medea-Mythos literarisch verarbeiten und dabei die Thematik der Fremdheit in den Fokus rücken.
Im Zentrum stehen die Kategorien von Fremdheit, die Rolle der Frau zwischen Tradition und gesellschaftlicher Norm, die Auswirkungen patriarchaler Systeme sowie die psychologische und soziologische Dimension von Identität und Ausgrenzung.
Es wird erforscht, wie der Medea-Stoff durch die beiden Autoren aktualisiert wird, um gesellschaftliche Prozesse der Ausgrenzung des „Fremden“ und den Verlust einer authentischen Lebensweise darzustellen.
Die Arbeit verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, welche die primären Textquellen vergleichend betrachtet und durch einschlägige Sekundärliteratur zu Mythos- und Fremdheitstheorien kontextualisiert.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in den Mythos, die historische Einbettung des Medea-Stoffes sowie separate Analysen der Adaptionen von Jahnn und Wolf, gefolgt von einem direkten Vergleich beider Werke.
Die wichtigsten Begriffe sind Medea, Fremdheit, Mythos, Identitätskonflikt, Matriarchat, Patriarchat und gesellschaftliche Ausgrenzung.
Während Jahnn Medea durch ihre schwarze Hautfarbe und ihre archaische, fast göttliche Natur als radikal fremd markiert, humanisiert Christa Wolf Medea und stellt sie primär als Opfer patriarchaler Machtmechanismen in Korinth dar.
Der Kindsmord wird von beiden Autoren problematisiert: Jahnn motiviert ihn durch absolute, transzendente Liebe, während Wolf bei ihren Korinthern die Schuld verortet und Medea die Rolle der Mörderin weitgehend verweigert.
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