Magisterarbeit, 2006
104 Seiten, Note: 1,0
I. Prolog
1. Thematik und Zielsetzung
2. Methode und Aufbau
II. Hauptteil
1. ‚Tugend’ und ‚Moral’ im 18. Jahrhundert
1.1. Der Tugendbegriff in Frühaufklärung und Empfindsamkeit
1.2. Die Korrelation von ‚Geschlecht’ und ‚Moral’
1.3. Die ‚tugendhaften’ Töchter
1.3.1. „So ist die Tugend ein Gespenst“ (S.S.: I, 7; S. 15): Saras Tugendrigorismus
1.3.2. „Ich stehe für nichts“(E.G.: V 7; S. 85): Emilias Bekenntnis zur Verführbarkeit
1.4. Die ‚lasterhaften’ Geliebten
1.4.1. „Ich bin eine nichtwürdige Verstoßene, […].“(S.S.: IV, 6; S. 66): Marwoods Intrige
1.4.2. „Wie kann ein Mann ein Ding lieben, das ihm zum Trotze, auch denken will?“(E.G.: IV, 3; S. 61): Orsinas Stigmatisierung als ‚Verrückte’
2. Die Familie im 18. Jahrhundert
2.1. Die Struktur der Familie in Frühaufklärung und Empfindsamkeit
2.2. Die Relevanz der Frau im patriarchalischen Familiengefüge
2.3. ‚Vater’ und ‚Familie’ in Lessings theoretischen Schriften
2.4. Die Väter- Töchter- Beziehungen
2.4.1. „Er ist noch der zärtliche Vater?“ (S.S.: III, 3; S. 42): Sara und William Sampson
2.4.2. „Solcher Väter gibt es keinen mehr“ (E.G.: V, 8; S. 86): Emilia und Odoardo Galotti
2.5. Die Gruppe der Mütter
2.5.1. „-Gott! ich ward eine Muttermörderin […]!“ (S.S.: IV, 1; S. 57): Die Absenz der Mutter
2.5.2. „Soll ich umsonst Mutter sein?“ (S.S.: II, 4; S. 28): Marwoods Mutterschaft
2.5.3. „- Ich unglückselige Mutter!“ (E.G.: III, 8; S. 53): Claudia als Mediatorin zwischen höfischer und familialer Lebenswelt
III. Epilog
1. Resümee der literarischen Weiblichkeitskonzepte
2. Historische Weiblichkeitskonzepte in Frühaufklärung und Empfindsamkeit
3. Abschließender Vergleich
Ziel der Arbeit ist es, durch die Analyse der Trauerspiele "Miß Sara Sampson" und "Emilia Galotti" literarische Weiblichkeitskonzepte Lessings abzuleiten und deren Kongruenz mit der historischen Realität des 18. Jahrhunderts zu untersuchen, um zu klären, ob Lessing traditionelle Rollenbilder reproduzierte oder modernere Auffassungen antizipierte.
1.3.1. „So ist die Tugend ein Gespenst“ (S.S.: I, 7; S. 15): Saras Tugendrigorismus
Tugend zugleich als Bedrohung der patriarchalischen Ordnung innerhalb der emotionalisierten Familie angesehen wird. Betrachtet man die weibliche Hauptperson Sara Sampson in Lessings gleichnamigem Trauerspiel findet man diese Thesen bestätigt. Der Leser erfährt von Saras Verführung zunächst durch ihren Vater und dessen Diener Norton, welche berichten, dass sie mit ihrem Geliebten Mellefont von zu hause geflohen sei und mit ihm in einem „elenden Wirtshause“ (S.S.: I, 1; S. 5) residiere. Die Schilderungen des ihr nachgereisten Vaters William Sampson und dessen Dieners Waitwell demonstrieren, dass Sara ein tugendhaftes Mädchen war, bevor sie Mellefont kennen lernte:
Waitwell: „Das beste, schönste, unschuldigste Kind, das unter der Sonne gelebt hat, das muß so verführt werden. […] Aus jeder kindischen Miene strahlte die Morgenröte eines Verstandes, einer Leutseligkeit, einer - -.“ (S.S.: I, 1; S. 5)
Obwohl Sir William Sampson seine Tochter nach tugendhaften und moralisch integren Wertmaßstäben erzogen hat, kann er ihre Verführung durch Mellefont nicht verhindern. Sein Ausspruch: „Es war der Fehler eines zärtlichen Mädchens, und ihre Flucht war die Wirkung ihrer Reue. Solche Vergehungen sind besser als erzwungene Tugenden- […].“ (S.S.: I, 1; S. 6) verdeutlicht, dass Saras Vater nicht die Tugend als Norm in Frage stellt, sondern zwischen dem zärtlichen Gefühl und dem daraus resultierenden Fehler auf der einen Seite und einem gezwungenermaßen tugendkonformen Verhalten auf der anderen Seite abwägt. Er stellt letztlich das Gefühl über das sittliche Gesetz und schwächt damit die Verbindlichkeit objektiver Tugendnormen ab. Die Textstelle indiziert eine Anspielung Lessings auf das der Aufklärung zugrunde liegende stoische Tugendideal, das für ihn den direkten Kontrast zu dem in der Empfindsamkeit entstehenden sittlichen Ideal des ‚zärtlichen’ Herzens darstellte. Sir Williams Aussage wäre unter dieser Prämisse derartig zu interpretieren, als es besser ist, aus Gefühl lasterhaft zu werden, als aus Gefühllosigkeit tugendhaft zu bleiben, er charakterisiert sich damit als Vertreter einer neuen sensitiven Gefühlskultur.
I. Prolog: Einleitung in die Thematik und Definition der textanalytischen Methode sowie des Aufbaus der Arbeit.
II. Hauptteil: Analyse der Begriffe Tugend und Moral im 18. Jahrhundert sowie Untersuchung der Familienstruktur und der spezifischen Väter-Töchter- und Mutter-Beziehungen in Lessings Werken.
III. Epilog: Resümee der erarbeiteten Weiblichkeitskonzepte und abschließender Vergleich mit den historischen Konzepten der Frühaufklärung und Empfindsamkeit.
G. E. Lessing, Miß Sara Sampson, Emilia Galotti, Weiblichkeit, Tugend, Moral, Empfindsamkeit, Aufklärung, Patriarchalismus, Familie, Geschlechterrolle, Väter-Töchter-Beziehung, Weibliche Gelehrsamkeit, Literaturwissenschaft, Dramaturgie
Die Arbeit untersucht, wie G. E. Lessing in seinen Trauerspielen "Miß Sara Sampson" und "Emilia Galotti" Weiblichkeitsbilder entwirft und wie diese mit den moralischen Vorstellungen des 18. Jahrhunderts verknüpft sind.
Die Schwerpunkte liegen auf den Diskursen um Tugend und Moral, der Struktur der patriarchalischen Familie und der literarischen Darstellung von Töchtern, Geliebten und Müttern.
Die Forschungsfrage lautet, inwiefern Lessings Frauenbilder im Einklang mit dem allgemeinen Geschlechterverständnis seiner Zeit stehen oder ob er bereits modernere Auffassungen antizipiert.
Es wird eine textanalytische Untersuchung durchgeführt, die literarische Darstellungen mit historischen und soziologischen Erkenntnissen zur Sozialstruktur des 18. Jahrhunderts in Beziehung setzt.
Der Hauptteil analysiert die Konstruktion von Tugend und Moral, die patriarchalische Familienstruktur sowie die spezifischen Figurengruppen: tugendhafte Töchter, lasterhafte Geliebte und Mütter.
Wichtige Begriffe sind Lessing, Weiblichkeitsentwürfe, Empfindsamkeit, Tugend, Moral, Patriarchalismus, Geschlechterrollen und Familienstruktur.
Während Sara Sampson ihren Tugendrigorismus zögerlich hinterfragt, ist Emilias Tugendbegriff kategorischer und enger an die väterliche Autorität gebunden, was sie letztlich in den Suizid treibt.
Marwood dient als Kontrastfigur zur "Tugendheldin" Sara; sie verkörpert Leidenschaft und Reflexionsfähigkeit, wird jedoch aufgrund ihrer Autonomie von der bürgerlichen Gesellschaft stigmatisiert.
Der Tod ist kein Sieg des Bösen, sondern resultiert aus dramentheoretischen Erwägungen Lessings, um das Tugendideal durch ein unglückliches Schicksal für das Publikum interessanter zu gestalten.
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