Wissenschaftlicher Aufsatz, 2001
53 Seiten, Note: gedruckt publiziert
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
1) Der Problemkomplex der Kanonformation
2) Es gibt keine universal gültigen ästhetischen Wertkategorien für verschiedene Literaturen
3) Das Wertkriterium der sprachlichen oder inhaltlichen Originalität
4) “Abweichung” als literaturgeschichtliches Faktum
5) Wenn man lange genug sucht, kann man in der Literaturästhetik der verschiedenen Hochkulturen Vorwegnahmen und Analogien zu Beobachtungen und Prinzipien unserer eigenen Poetik finden
6) “Meisterwerke” der Literatur wurden in “östlichen” Kulturen nicht vorwiegend nach ästhetischen Kriterien ausgesucht (“kanonisiert”), sondern nach historischen
7) Auch in unserer eigenen, “westlichen” Kultur wurde Literatur erst ungefähr seit dem Rationalismus (teilweise) nach ästhetischen Kriterien kanonisiert
8) Die kanonisierten Werke verschiedener Literaturen sind auch nicht nach ihrem “allgemeinmenschlichen” Erlebnisgehalt ausgesucht worden
9) Diese Verschiedenheiten in den Gattungen sowie ihr Fehlen in Literaturen weisen auch auf andere Lesegewohnheiten und einen anderen “Erwartungshorizont” hin
10) Wir müssen “nicht nur fragen, ob eine einheitliche Literaturtheorie möglich ist, sondern auch, ob sie wünschenswert ist
Die vorliegende Arbeit hinterfragt aus komparatistischer und ethnopoetischer Sicht die konventionellen Annahmen der westlichen Literaturwissenschaft hinsichtlich des Zusammenhangs von ästhetischen Maßstäben und der Bildung eines Literaturkanons.
KANON UND WERT (10 THESEN MIT KOMMENTAREN)
1) Der Problemkomplex der Kanonformation, wie die “komparative Poetik” und “Ethnopoetik” ihn sehen, hängt sowohl mit dem Wertproblem wie auch mit unserem (verabsolutierten) Schönheitsbegriff zusammen wie die Endpunkte eines Dreiecks (d.h. jeder der drei Begriffe mit den beiden übrigen). Denn wir gehen von der, m.E. falschen, Annahme aus, daß wir nur den Kunstgegenständen “Wert” zugestehen und sie in den Kanon der “Meisterwerke” aufnehmen, die wir zugleich als “schön” bezeichnen. Wer aber an den philosophischen Nutzen des Schönheitsbegriffs nicht glaubt, weil Schönheit kulturrelativ ist, der wird auch weder an absolute (d.h. kulturunabhängige) ästhetische Werte noch an einen allgemeingültigen Kanon literarischer Meisterwerke für Literatur glauben.
Wenn man nicht an die „Existenz“ von ästhetischen Werten glaubt, sondern nur an die von Werterlebnissen, die wir auf gewisse Gegenstände projizieren, dann werden Art und Anlaß unserer Wertprojektionen davon bestimmt, wie wir selbst geartet sind. Jeder projiziert anders und anderes, auf welchen Sachverhalt wir gewöhnlich mit den Begriffen „Geschmack“ und „Erwartungshorizont“ verweisen. Letzterer hängt wiederum zu großen Teilen von der kulturellen Umgebung, die uns geprägt hat, ab. Da diese in verschiedenen Kulturen nicht die gleiche sein kann (sonst sprächen wir eben nicht von „verschiedenen“ Kulturen), können auch (noch) wahrhaft verschiedene Kulturen nicht gleiche Werterlebnisse ermöglichen.
1) Der Problemkomplex der Kanonformation: Dieses Kapitel etabliert den Zusammenhang zwischen Kanon, Wert und Schönheitsbegriff als kulturabhängige Konstrukte.
2) Es gibt keine universal gültigen ästhetischen Wertkategorien für verschiedene Literaturen: Es wird argumentiert, dass sprachliche Unterschiede und kulturelle Kontexte eine universelle Poetik unmöglich machen.
3) Das Wertkriterium der sprachlichen oder inhaltlichen Originalität: Die Fixierung auf Originalität als Qualitätsmerkmal wird als spezifisch westliches und historisch begrenztes Phänomen identifiziert.
4) “Abweichung” als literaturgeschichtliches Faktum: Das Konzept der Abweichung wird als historisches Faktum anerkannt, jedoch als ästhetisches Bewertungskriterium hinterfragt.
5) Wenn man lange genug sucht, kann man in der Literaturästhetik der verschiedenen Hochkulturen Vorwegnahmen und Analogien zu Beobachtungen und Prinzipien unserer eigenen Poetik finden: Es wird aufgezeigt, dass oberflächliche Ähnlichkeiten in Ästhetikkonzepten indischer oder chinesischer Traditionen nicht als Beweis für universelle Gültigkeit taugen.
6) “Meisterwerke” der Literatur wurden in “östlichen” Kulturen nicht vorwiegend nach ästhetischen Kriterien ausgesucht (“kanonisiert”), sondern nach historischen: Kanonisierung im Osten basierte primär auf religiösen und historischen Faktoren, nicht auf ästhetischem Konsens.
7) Auch in unserer eigenen, “westlichen” Kultur wurde Literatur erst ungefähr seit dem Rationalismus (teilweise) nach ästhetischen Kriterien kanonisiert: Es wird dargelegt, dass auch die westliche Tradition lange Zeit anderen Regeln folgte und erst mit der Aufklärung die ästhetische Autonomie zur Norm erhob.
8) Die kanonisierten Werke verschiedener Literaturen sind auch nicht nach ihrem “allgemeinmenschlichen” Erlebnisgehalt ausgesucht worden: Unterschiedliche Wertesysteme bedingen verschiedene Erlebensweisen, die eine universelle menschliche Resonanz bei kanonischen Werken fragwürdig erscheinen lassen.
9) Diese Verschiedenheiten in den Gattungen sowie ihr Fehlen in Literaturen weisen auch auf andere Lesegewohnheiten und einen anderen “Erwartungshorizont” hin: Unterschiede in Gattungen und Rezeptionsweisen verdeutlichen die Schwierigkeit, abendländische Begriffe wie "Literatur" auf andere Kulturtraditionen anzuwenden.
10) Wir müssen “nicht nur fragen, ob eine einheitliche Literaturtheorie möglich ist, sondern auch, ob sie wünschenswert ist: Das Fazit unterstreicht, dass eine universelle Theorie zur Ethnozentrik neigt und die Einzigartigkeit fremder Literaturen verzerrt.
Kanon, Wert, Ästhetik, Ethnopoetik, Literaturwissenschaft, Weltliteratur, Originalität, Kulturrelativität, Eurozentrismus, Erwartungshorizont, Poetizität, Komparatistik, Kanonisierung.
Die Arbeit untersucht die Annahme, dass ästhetische Wertmaßstäbe und die Bildung von Literaturkanones universell gültig seien, und widerlegt diese durch einen kulturvergleichenden Ansatz.
Die zentralen Themen sind die Kritik an einem eurozentrischen Kanonbegriff, die Rolle von Kulturrelativität bei der ästhetischen Bewertung von Texten und die Unterschiede zwischen westlichen und ostasiatischen Literaturkonzepten.
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass es keine universal gültigen ästhetischen Wertkategorien gibt und dass unser Verständnis von Literatur, Kanon und Originalität tief in westlichen historischen Bedingungen verwurzelt ist.
Die Arbeit nutzt eine komparatistische und ethnopoetische Methode, die mittels Thesen und Kommentaren verschiedene Literaturtraditionen und theoretische Positionen gegenüberstellt.
Im Hauptteil werden zehn Thesen entwickelt, die unter anderem die Konzepte von Schönheit, Originalität, Abweichung und die Funktion von Kanones in verschiedenen Kulturen (Indien, China, Japan) im Kontrast zum Westen analysieren.
Kanon, Wert, Ästhetik, Ethnopoetik, Literaturwissenschaft, Kulturrelativität, Eurozentrismus und Komparatistik.
Weil diese Begriffe an abendländische Traditionen und einen spezifischen Erwartungshorizont gebunden sind, deren unkritische Anwendung auf andere Kulturen zu massiven Fehlinterpretationen führt.
Der Autor zeigt auf, dass die Abweichungspoetik, die Originalität als universalen Wert setzt, lediglich eine zeitgenössische westliche Perspektive darstellt, die in anderen Kulturen oder historischen Epochen nicht als ästhetisches Prinzip galt.
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