Magisterarbeit, 2006
92 Seiten, Note: 1,4
Vorwort
I. Identitätstheorie
Personale und kollektive Identität und Identitätsbildung
Subjektkonstitution bei Lacan und die Frage der Autonomie als diskursive Praxis
Lacans Bildschirm und kollektive Identität als Diskurse in der Praxis
Kollektive Identität – zwischen Konstruktion und Realität
Literatur und kollektive Identität
II. Kollektive jüdische Identität in Deutschland nach der Shoah
‚Negative Symbiose’
Legitimation des identitätsstiftenden Bezugs Auschwitz’ in der Gegenwart
Wahrnehmungen und Repräsentationen heute – die Seite der Täter
Wahrnehmungen und Repräsentationen heute – die jüdische Seite
Strategien und Position
III. Negative Symbiose und Harlem Holocaust
Aufbau und plot der Erzählung
Der Handlungsort als Symbol der Negativen Symbiose
Personale Identität innerhalb der Negativen Symbiose
Ambivalenz der Rolle des Mahners
Scheitern innerhalb der Negativen Symbiose
IV. Herstellung von Identität im Paradigma der Negativen Symbiose
Zwischen sozialer Repräsentation und Individualität
Der Bildschirm
Von ‚Auschwitz’ zu ‚Holocaust’
Legitimationsstrategie der Negativen Symbiose
Legitimatorische Konsolidierung
Fixierung und Wahn
Zwischenergebnis
V. Das Paradox des repräsentativen Entzugs
Biller als Repräsentant
Deleuze/Guattari: ‚Kleine Literatur’
Kleine Literatur im Umgang mit Minderheitenliteratur
Subversion ist Option
Harlem Holocaust – Diskursive Praxis
Die Identitätsposition des Autors
Nicht-jüdische Autorschaft
Jüdische Autorschaft
Der Entzug – Reaktion auf Übercodierung
Vervielfältigung der Autoren – Technik der Verschachtelung
Stereotype und Klischees – der Bildschirm
Stellenwert und Funktion des Stereotyps
VI. Der Identitätsentwurf in Harlem Holocaust
Bibliographie
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Darstellung deutsch-jüdischer Identität bei Maxim Biller, insbesondere anhand der Erzählung Harlem Holocaust. Das zentrale Ziel ist es, Billers literarische Praxis als einen komplexen Identitätsentwurf zu deuten, der sich kritisch mit dem Konzept der „Negativen Symbiose“ nach Dan Diner auseinandersetzt, ohne dabei in eine einfache Repräsentationslogik zu verfallen.
Der Handlungsort als Symbol der Negativen Symbiose
Der Schauplatz der Gegenwartshandlung, das Lokal Maon in München, besitzt thematisch leitmotivische Funktion, über seine Betrachtung kann ein Einstieg geleistet werden.
„Der Maon, Vereinslokal des jüdischen Sportklubs Makkabi München, lag in einem der vielen Atrien eines riesigen futuristischen 60er-Jahre-Baus […] Der Kontrast hätte nicht größer sein können, denn unser Restaurant befand sich im dritten Innenhof, in einem flachen ebenerdigen Anbau, der wie angeklebt wirkte, wie ein zufälliges Provisorium aus ersten Nachkriegstagen. Drinnen hingen überall Wimpel und Fähnchen herum, und es gab eine Menge Plakate mit hebräischen Schriftzeichen und Davidsternen, aber die Einrichtung selbst war so, wie man sie in jeder gewöhnlichen bayerischen Kneipe findet: Stühle mit runden, hellen Holzlehnen, eine einfache Theke und weißblaue Tischdecken überall.“ (87f)
Aus der Außenperspektive wird das Lokal in den Termini beschrieben, die in der Beschreibung jüdischen Lebens in der Zeit nach dem Krieg kanonisch zur Anwendung kamen. Das Lokal wird als deplatziert und provisorisch bezeichnet und symbolisiert so die Anfänge jüdischen Lebens in Deutschland nach der Shoah in den DP-Lagern, den Auffanglagern für Displaced Persons. Wenn Biller den Ort an einen „futuristischen 60er-Jahre-Bau“ anschließt, spricht er damit die Kontinuität der Auffassung jüdischen Lebens als Provisorium an. Noch lange nachdem die Hilfsorganisationen ihre Arbeit bereits eingestellt hatten, die Lager aufgelöst worden waren, Deutschland sich im Wiederaufbau und Aufschwung befand, blieb das Provisorium und Zufällige wichtiges Moment jüdischer Selbstwahrnehmung.
I. Identitätstheorie: Das Kapitel führt grundlegende Konzepte der Identitätsforschung ein, wobei insbesondere auf Erikson, Lacan und die konstruktivistische Sichtweise eingegangen wird, um Kriterien für die spätere literarische Analyse zu gewinnen.
II. Kollektive jüdische Identität in Deutschland nach der Shoah: Hier wird Dan Diners Konzept der „Negativen Symbiose“ als zentraler analytischer Rahmen für das deutsch-jüdische Verhältnis in der Nachkriegszeit vorgestellt und legitimiert.
III. Negative Symbiose und Harlem Holocaust: Dieses Kapitel verknüpft die Theorie mit der Erzählung Harlem Holocaust und analysiert die Protagonisten als Repräsentanten der durch die Shoah geprägten Opfer-Täter-Beziehung.
IV. Herstellung von Identität im Paradigma der Negativen Symbiose: Die Untersuchung fokussiert auf die erzählerische Gestaltung von Identität und die Rolle massenmedialer Bilder und Stereotype als „Bildschirm“ der Wahrnehmung.
V. Das Paradox des repräsentativen Entzugs: Dieser Teil dekonstruiert Billers Einsatz von Autorschaft und „Surfiction“-Techniken, um zu zeigen, wie der Autor sich einer einfachen Vereinnahmung durch den Leser entzieht.
VI. Der Identitätsentwurf in Harlem Holocaust: Das abschließende Kapitel bewertet die Erzählung als einen Identitätsentwurf, der sich der dichotomen Wahl zwischen autonomem Subjekt und bloßer Struktur unterzieht und stattdessen reflexive Alternativen entwirft.
Identität, Negative Symbiose, Harlem Holocaust, Maxim Biller, Shoah, jüdische Literatur, Subjektkonstitution, Bildschirm, Repräsentation, Antisemitismus, Philosemitismus, Autorschaft, Postmoderne, Stereotyp, Erinnerungskultur.
Die Arbeit untersucht, wie deutsch-jüdische Identität in der Literatur von Maxim Biller, speziell in der Erzählung Harlem Holocaust, konstruiert und reflektiert wird.
Die zentralen Themen sind Identitätstheorie, das Konzept der „Negativen Symbiose“ nach Dan Diner, die Bedeutung der Shoah für nachfolgende Generationen sowie Mechanismen der Repräsentation in der zeitgenössischen Literatur.
Ziel ist es, zu zeigen, dass Billers Erzählung kein bloßes Abbild der Realität ist, sondern eine literarische Auseinandersetzung mit der Problematik von Identität unter dem Einfluss massenmedialer Bilder und gesellschaftlicher Diskurse.
Die Arbeit stützt sich auf einen kulturwissenschaftlichen Ansatz, der Identitätstheorien (Erikson, Lacan) mit literaturwissenschaftlicher Narratologie verknüpft und diskursanalytische Elemente integriert.
Der Hauptteil analysiert die Erzählstruktur von Harlem Holocaust, die Rollen der Protagonisten als Identitätsträger, den Einsatz von Stereotypen und die komplexe Technik der Vervielfältigung von Autorschaften.
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe „Negative Symbiose“, „Identitätskonstruktion“, „Diskursive Praxis“ und „Bildschirm“ charakterisiert.
Das Lokal dient als symbolischer Schauplatz, an dem das Spannungsfeld der „Negativen Symbiose“ räumlich verdichtet wird, indem es als ein „Provisorium“ jüdischen Lebens nach der Shoah dargestellt wird.
Die Verschachtelung dient als Strategie des Entzugs, um eine eindeutige Interpretation der Erzählung zu verhindern und den Leser zur ständigen Reflexion über den eigenen Wahrnehmungsprozess zu zwingen.
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