Examensarbeit, 2007
76 Seiten, Note: 1,3
Einleitung
Strömungen und Tendenzen in einer schwierigen Zeit
I. Teil
Un-Ordentliche Ordnung
I. 1 „Bergkristall“ – (un)geordnete Erzählräume
I. 1.1 Problematisches Weihnachtsidyll
I. 1.2 ‚Tal-Welt’
I. 1.3 Schneekatastrophe: Orientierungsverlust
I. 1.4 Ordnungsversuche
I. 1.5 Rettung
I. 2 „Turmalin“ – Fragmentarische Lebensbilder
I. 2.1 Der ‚verschachtelte’ Rentherr
I. 2.2 Der ‚Ehe-Bruch’
I. 2.3 Die ‚Ordnungs-Stifterin’ und das unterirdische Paar
I. 2.4 Das ‚kopflastige’ Mädchen
II. Teil
Ordentliche Un-Ordnung
II. 1 Der Nachsommer – die ‚andere’ Rosen-Welt
II. 1.1 Das Rosen-Panorama
II. 1.2 Heinrich Drendorf – ein schweigender Erzähler
II. 1.3 Strategien eines schweigenden Erzählers
II. 1.4 Rückblickende Entzifferung: ‚Rosen - Zeichen’
II. 2 Welt des Nichts – „Der fromme Spruch“
II. 2.1 ‚Figuren-Spiel’ in einer entleerten diegetische Welt
II. 2.2 Der Chronist: ein unsichtbarer Erzähler
II. 2.3 Grenzen der Kommunikation
Das Spiel zwischen Ordnung und Chaos bei Adalbert Stifter – Versuch eines Fazits
Die Arbeit untersucht das ambivalente Wechselspiel zwischen Ordnung und Chaos im Erzählwerk von Adalbert Stifter. Ziel ist es, hinter der scheinbar idyllischen und harmonisierenden Oberfläche von Stifters Texten die tieferliegenden, oft beunruhigenden Strukturen und deren Darstellungsstrategien aufzudecken, um so die vermeintliche "Poesie der Langeweile" als komplexes, spannungsvolles Ordnungssystem neu zu bewerten.
I. 1.3 Schneekatastrophe: Orientierungsverlust
Der langsame Prozess des allmählichen Wetterumbruchs und zugleich der ‚Entfärbung’ des Textes setzt sich auf dem Weg der Kinder zu den Großeltern fort. Hier häufen sich Indizien, die auf den dramatischen Wetterwandel schließen lassen: Sie finden ihren Ausdruck in einer ‚langsamen’ reihenden Aufzählung, die Ausdrücke wie „kein Schnee“, „Fahlroth“, „unbeschneit und ruhig“, „noch nicht gefroren“, „mit einer zarten Feuchtigkeit überzogen“, „kein Reif“, „baldigen Regen“ (204) enthält und somit das begriffliche Inventar der allmählichen Veränderung verzeichnet. Diese Begriffe stellen einen Bezug her zu den Beobachtungen am Morgen. Gerade durch ihre langsame Ausführlichkeit erhält diese Aufzählung ihre Bedeutsamkeit und zeigt nicht nur, „dass gerade die ‚Monotonie’ der Stifterschen Erzählweise geeignet ist, Spannung zu erzeugen, so dass es im Leser zu einem dialektischen Umschlag vom Zustand der Langeweile in den der Spannung kommt.“40 An derartigen Passagen kann zudem exemplarisch gezeigt werden, dass durch ihre Langsamkeit ‚Un-Ruhe’ in den Text gelangt, in dem sie, schon rein quantitativ, ihren Raum in der Diegesis bekommt, langsam in seine Strukturen einsickert und sie stetig verändert.
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet Stifters Ruf als "Poet der Langeweile" und formuliert das Ziel, die tiefere, chaotische Dynamik seiner Texte jenseits dieser oberflächlichen Zuschreibung freizulegen.
Strömungen und Tendenzen in einer schwierigen Zeit: Dieses Kapitel verortet Stifters Werk historisch im Biedermeier und thematisiert das Spannungsverhältnis zwischen Restauration und liberalem Aufbruch als Hintergrund für die Ambivalenz der Texte.
I. 1 „Bergkristall“ – (un)geordnete Erzählräume: Das Kapitel analysiert, wie in "Bergkristall" eine vermeintlich geordnete Welt durch den Einbruch unberechenbarer Naturgewalten destabilisiert wird.
I. 2 „Turmalin“ – Fragmentarische Lebensbilder: Hier wird untersucht, wie soziale Isolation und verschachtelte Wohnverhältnisse im "Turmalin" eine tiefgreifende Desintegration der Figuren spiegeln.
II. 1 Der Nachsommer – die ‚andere’ Rosen-Welt: Dieses Kapitel zeigt auf, wie "Der Nachsommer" durch ein striktes Ordnungssystem versucht, Störungen zu eliminieren, dabei aber selbst zur artifiziellen, fragilen Konstruktion wird.
II. 2 Welt des Nichts – „Der fromme Spruch“: Das Kapitel behandelt Stifters letzte Erzählung und zeigt, wie hier die Reduktion auf absolute Ordnung zu einer totalen Leere und einem "Sprachraum höchster Artifizialität" führt.
Adalbert Stifter, Biedermeier, Ordnung, Chaos, Erzählstrategien, Bergkristall, Turmalin, Der Nachsommer, Der fromme Spruch, Ambivalenz, Literaturtheorie, Erzählstruktur, Sprachlosigkeit, Sinnstiftung, Desintegration.
Die Arbeit analysiert Stifters Erzählwerk unter der Fragestellung, wie er das Verhältnis von Ordnung und Chaos gestaltet und welche narrativen Strukturen er einsetzt, um Ordnung zu etablieren oder deren Zerfall darzustellen.
Zentrale Themen sind die Dialektik von Ordnung und Unordnung, die Rolle der Sprache als Ordnungsinstrument, das Phänomen der "Abgründigkeit" im Biedermeier sowie die Analyse spezifischer Erzähltexte wie "Bergkristall" und "Der Nachsommer".
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Stifters Texte entgegen ihrer oft als langatmig oder rein idyllisch empfundenen Wahrnehmung eine "unruhige" Doppelbödigkeit besitzen, die den Leser mit den Grenzen menschlicher Ordnung und Sprache konfrontiert.
Die Untersuchung ist textzentriert und arbeitet stark erzähltheoretisch (unter Anlehnung an Genette sowie erzählstrategische Analysen), um die diskursive Konstruktion von Welt in den Texten zu erfassen.
Der Hauptteil ist zweigeteilt: Zuerst werden Texte mit "un-ordentlicher Ordnung" (Bergkristall, Turmalin) analysiert, danach solche mit einer scheinbar "ordentlichen Un-Ordnung" (Nachsommer, Der fromme Spruch), um die Radikalisierung von Ordnungsstrategien aufzuzeigen.
Wichtige Begriffe sind neben Ordnung und Chaos vor allem Diskurs, Histoire, Differenzlosigkeit, Artifizialität, Sprachlosigkeit, "Schule des Verstummens" und die Funktion des Erzählers als "Chronist".
Der Roman wird als ein extremes Beispiel für eine rigide, fast schon sterile Ordnungskonstruktion identifiziert, die durch ein komplexes System von Verboten ("Verbots-Grammatik") versucht, das Chaos vollständig aus dem Blickfeld zu verbannen.
Die Erzählung dient als Beispiel für das Scheitern von Lebensentwürfen und die Fragmentarisierung familiärer Strukturen, wobei der "Ehebruch" und die verschachtelten Räume eine zentrale Rolle bei der Dekonstruktion familiärer Ordnung spielen.
Das Fazit der Arbeit betont, dass es bei Stifter keine "echte" Synthese von Ordnung und Chaos gibt; stattdessen oszillieren die Texte zwischen dem Wunsch nach absoluter Sinnstiftung und dem "Nichts", das durch die gewaltsame Reduktion in der Sprache sichtbar wird.
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