Magisterarbeit, 2007
84 Seiten, Note: sehr gut (1,0)
1. Einleitung
2. Der unfreie Leser – Das Frühwerk Reiner Kunzes
2.1 „Die Zukunft sitzt am Tische“
2.1.1 „Am Rande bemerkt“ – Optimistische Parteilichkeit
2.1.2 Der bevormundete Leser
2.1.3 „Vom Zarten“ – Der unterschätzte Leser
2.2 „Vögel über dem Tau“
2.2.1 „Antwort“ – Vorzeichen eines freieren Lesers
2.3 „Aber die Nachtigall jubelt“
2.3.1 „Prolog“ – Die selbst gewählte Finsternis des dogmatischen Lesers
3. Der freie Leser in unfreier Welt – Reiner Kunzes Werke bis zur Übersiedlung in die BRD (1959 – 1977)
3.1 „Widmungen“
3.1.1 „Horizonte“ – Selbstfindung in der Deutungspluralität
3.1.2 Poetische Verteidigung des Ich
3.2 „Sensible Wege“
3.2.1 „Am Briefkasten“ – Dialektik des Mitteilens und Verschweigens
3.3 „Zimmerlautstärke“
3.3.1 „Angeln an der Grenze“
3.3.2 Der Leser als Angler – Rezeption als Grenzüberschreitung
4. Übersiedlung in die BRD – Die Rolle des Lesers in der Lyrik Reiner Kunzes nach 1977
4.1 Die Übersiedlung – Biographischer Bruch und dichterische Kontinuität
4.2 „Auf eigene Hoffnung“
4.2.1 „Politiker, eines meiner Bücher lobend“
4.2.2 Der gegen Ideologie immunisierte Leser
5. Die Rolle des Lesers in der Lyrik Reiner Kunzes – Eine Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des Lesers in der Lyrik von Reiner Kunze und analysiert, wie der Dichter durch spezifische Wirkungsstrukturen den Rezipienten zu einer aktiven Sinnkonstitution führt. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich diese Leserrolle in Abhängigkeit von den biographischen Wendepunkten des Autors und dem damit einhergehenden poetologischen Wandel verändert hat.
Am Rande bemerkt
Ich Arbeiterjunge
Nahm Platz
Am Wirthaustisch saßen,
Seelisch leidend,
Eine Dame
(Korpulent,
Mit schwarzen Börstchen auf den Lippen),
Schnitzelschneidend
Ein Herr.
Ihm quollen über Kragenklippen
Das Genick und Backenfleisch:
„Ich war früher auch nicht reich,
Das heißt… direkt
War ich es nicht.“
Er wischte mit dem Taschentuch
Prustend über sein Gesicht.
Und leiser:
„Doch das Proletarische…
Ist nicht unsere Gegenwart.“
- Die Dame kaute -
„Meine Art
Ist auch die bessere Gesellschaft.“
Und sie schaute,
Daß sie keiner höre.
Als sie fragte,
Ob wohl die Vergangenheit
Nochmals wiederkehre.
Statt der Antwort
Griff der Herr –
Zum leeren Glas.
Ach, mir taten diese Menschen leid,
Hatten nicht die Gegenwart,
Nicht die Vergangenheit,
Und auch die Zukunft
War nicht mehr die ihre,
Weil sie lächelnd schon
Am Tische saß.
1. Einleitung: Die Einleitung etabliert das theoretische Fundament der Arbeit durch den Bezug auf Wolfgang Isers Konzept des impliziten Lesers und formuliert das zentrale Anliegen, den dialogischen Charakter von Kunzes Lyrik zu analysieren.
2. Der unfreie Leser – Das Frühwerk Reiner Kunzes: Dieses Kapitel behandelt die frühen Gedichtbände, die stark von einer funktionsästhetischen Tendenz geprägt sind und den Leser in einem marxistischen Erwartungshorizont binden.
3. Der freie Leser in unfreier Welt – Reiner Kunzes Werke bis zur Übersiedlung in die BRD (1959 – 1977): Hier wird der Wandel zur autonomen Ästhetik beleuchtet, in dem Kunze beginnt, durch Leerstellen und Offenheit eine produktive Leseraktivität zu fordern.
4. Übersiedlung in die BRD – Die Rolle des Lesers in der Lyrik Reiner Kunzes nach 1977: Das Kapitel untersucht die Kontinuität in Kunzes Poetik nach der Übersiedlung und analysiert, wie er auch im Westen gegen ideologische Scheuklappen und Vereinnahmung anschreibt.
5. Die Rolle des Lesers in der Lyrik Reiner Kunzes – Eine Zusammenfassung: Die Zusammenfassung bündelt die Ergebnisse und betont, dass Kunzes Dichtung dem Leser stets eine gleichwertige Rolle beim Hervorbringen des ästhetischen Gegenstandes zuweist.
Reiner Kunze, Lyrik, Rezeptionsästhetik, Impliziter Leser, Wirkungsstrukturen, Wolfgang Iser, DDR-Literatur, Poetik, Autonomie der Kunst, Dialogizität, Sinnkonstitution, Dialektik, Literaturtheorie, DDR-Kulturpolitik, Leserrolle
Die Arbeit analysiert die Rolle des Lesers innerhalb des lyrischen Gesamtwerks von Reiner Kunze. Sie untersucht, wie der Dichter durch den Einsatz spezifischer sprachlicher und struktureller Mittel den Leser dazu bewegt, über bloße Illustration hinaus aktiv am Sinnaufbau des Textes teilzunehmen.
Zentrale Themen sind die Entwicklung der Leserlenkung von einer belehrenden Funktionsästhetik in der Frühphase hin zu einer hochoffenen, dialogischen Poetik, die Autonomie und individuelles Urteilsvermögen des Lesers als zentrales Anliegen betrachtet.
Das primäre Ziel ist es, den Beitrag des Lesers zur Realisierung des Kunstwerks zu beschreiben und aufzuzeigen, wie sich dieser Beitrag durch den biographischen und poetologischen Wandel von Reiner Kunze verändert hat.
Als methodische Grundlage dient primär die Rezeptionsästhetik, insbesondere das Konzept des „impliziten Lesers“ nach Wolfgang Iser. Zudem werden literaturhistorische und biographische Kontexte der DDR-Geschichte herangezogen.
Der Hauptteil gliedert sich entlang der Schaffensphasen Reiner Kunzes. Er analysiert die Entwicklung vom Frühwerk über die Zeit der inneren Emigration und der "Widmungen" bis hin zu den Werken in der Bundesrepublik und verdeutlicht dies anhand von detaillierten Gedichtanalysen.
Wichtige Begriffe sind Rezeptionsästhetik, Wirkungsstrukturen, Impliziter Leser, Autonomie der Kunst, poetische Wirklichkeitsaneignung und die Dialektik von Mitteilen und Verschweigen.
Im Frühwerk wird der Leser innerhalb eines vorgegebenen, stark ideologisch geprägten Erwartungshorizonts gehalten, was kaum Spielraum für individuelle Sinnkonstitution lässt. In späteren Bänden hingegen wird der Leser als gleichberechtigter, schöpferischer Partner gefordert, der durch „Leerstellen“ und Paradoxa zur eigenen Urteilsbildung angeregt wird.
Dieses Prinzip erlaubt es Kunze, sich trotz staatlicher Repression und Zensur kritisch zu äußern, ohne den unmittelbaren Vorwurf der Hetze zu riskieren. Der Leser, der über ähnliche Erfahrungen im totalitären System verfügt, kann diese „Leerstellen“ durch solidarisches Mitdenken und Rückgriff auf gemeinsame Bezugsrahmen füllen.
Die Sonne fungiert als Metapher für Erkenntnis und ästhetische Freiheit. Dass sie aus dem Gedicht des Auerhahns verbannt wird, illustriert den Zwang zur Anpassung an die Eule (als Metapher für staatliche Zensur). Für den Leser dient dieses Gedicht als negatives Lehrstück über die Folgen des Verzichts auf poetische Eigenständigkeit.
Es thematisiert die physische Trennung durch die Staatsgrenze. Die Poesie fungiert hier als einzige Möglichkeit, die Grenze zwischen Menschen zu überwinden, indem sie durch das metaphorische Bild das Kritische „fehler“ im System verschlüsselt mitteilt und den Leser einlädt, diese Chiffren in einem intimen Rezeptionsakt zu deuten.
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