Fachbuch, 2001
31 Seiten
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
1. Originalität als Wert
2. Das poetologische Diktat des "Neuen" und der Kanon
3. Genauere Festlegung des Anwendungsbereichs des Abweichungsbegriffs
4. Ist Originalität als solche ein ästhetischer Wert?
5. Seit wann gibt es "Abweichungspoetik"?
6. Ist ,,Abweichungspoetik" auf jegliche Literatur anwendbar?
7. Die Gegenposition zur Abweichungspoetik
8. Indien
9. China
10. Japan
11. "Literarische-" und "kulturelle" Texte
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die in Deutschland dominierende "Abweichungspoetik", welche die Wirkung von Literatur primär durch die Abweichung vom normalen Sprachgebrauch erklärt. Ziel ist es, diese Theorie als eine eurozentrische Sichtweise zu entlarven, indem sie mit komparatistischen Erkenntnissen aus außereuropäischen Traditionen (Indien, China, Japan) sowie mit historischen und kulturwissenschaftlichen Perspektiven konfrontiert wird.
Das poetologische Diktat des "Neuen" und der Kanon
Nach Harald Fricke, dem bedeutendsten Vertreter der Abweichungspoetik (1995, 523f.), ist eine "Künstlerische Abweichung eine Verletzung natürlicher Verhaltensgesetze, die eine nachweisbare Funktion erfüllt" (meine Hervorhebungen), indem sie "eine Beziehung herstellt, die ohne diese Abweichung so nicht bestünde. Diese Beziehung muss eine empirisch nachweisbare Disposition zur Erzeugung bestimmter Publikumswirkungen besitzen dies kann eine werkinterne oder auch eine werkexterne Beziehung sein." Im Stiften neuer Beziehungen liegt das Schöpferische der "Abweichungen", die deshalb akzeptiert werden.(6) Thomas Anz hat in seiner Beschreibung von Frickes Ansatz (1984, 128ff.) m. E. den normenschaffenden (im Gegensatz zum normenbrechenden) Charakter bedeutender Literatur nicht genügend hervorgehoben.
Man kann aber auch, mit Ulrich Schulz-Buschhaus (und vor ihm Theodor W. Adorno), in diesem Stiften neuer Beziehungen bzw. künstlerischer Möglichkeiten für den Autor eine „erstickende Last" sehen, „die ihn umso mehr behindert, je entschiedener sich sein Schaffen seit der Romantik unter dem poetologischen Diktat des 'Neuen' vollzieht." Für ihn "schwinden nämlich zugleich die Originalitätsresourcen, die für Gelingen und Geltung speziell moderner Kunstwerke vonnöten sind." Thomas Mann hat bekanntlich diesen Zustand hinsichtlich der Gattung des Romans beklagt. Für den originell sein wollenden (und müssenden) Autor "ist der Kanon also nicht mehr ein Schatzhaus, sondern ein Ensemble erledigter Möglichkeiten, die dem Künstler vorwiegend als Restriktionen entgegentreten. [...] Je mehr der Kanon des Verbotenen [Adornos Formulierung] an Traditionsbestand absorbiert, umso geringer wird für den Künstler das Material, das Originalität und Authentizität garantiert. Wo jedes Wort authentisch und erstmalig gesprochen sein soll, ist unvermeidlich bald die Grenze zum Verstummen erreicht."
Originalität als Wert: Dieses Kapitel erläutert, wie literaturwissenschaftliche Schulen den Fokus auf originellen Sprachgebrauch als ästhetisches Kriterium legten und welche Rolle dabei Konzepte wie "Verfremdung" und "Konkretisieren" spielen.
Das poetologische Diktat des "Neuen" und der Kanon: Die Analyse von Harald Frickes Abweichungspoetik wird mit der Auffassung gegenübergestellt, dass das Zwang zur ständigen Innovation für Autoren zur Belastung werden kann.
Genauere Festlegung des Anwendungsbereichs des Abweichungsbegriffs: Hier wird differenziert, ob Abweichungen als Realität der Kunstgeschichte, als künstlerisches Programm oder als Bewertungskriterium zu verstehen sind.
Ist Originalität als solche ein ästhetischer Wert?: Es wird argumentiert, dass Originalität zwar mit ästhetischem Wert zusammenfallen kann, jedoch nicht identisch mit diesem ist.
Seit wann gibt es "Abweichungspoetik"?: Das Kapitel zeigt auf, dass der Fokus auf Originalität ein spezifisch "westliches" Phänomen ist, das historisch erst ab der Renaissance an Bedeutung gewann.
Ist ,,Abweichungspoetik" auf jegliche Literatur anwendbar?: Anhand von Beispielen aus mündlichen Traditionen und altorientalischen Literaturen wird hinterfragt, ob eine universelle Anwendung der Originalitäts-Messlatte gerechtfertigt ist.
Die Gegenposition zur Abweichungspoetik: Als Kontrast wird das Ideal der meisterhaften Nachahmung und der Erfüllung anerkannter Normen dargestellt, wie es in manchen Traditionen vorherrscht.
Indien: Das Kapitel erläutert, warum in der indischen Ästhetik weniger das Genie oder die Originalität, sondern die Konvention und die Intensität der Ausführung im Vordergrund stehen.
China: Die Analyse chinesischer Literaturkritik zeigt die Hartnäckigkeit von Regeln, Mustern und einer handwerklichen Auffassung von Literatur auf, die westliche Konzepte hinterfragt.
Japan: Die Ausführungen betonen den Traditionalismus und die Kontinuität in den japanischen Künsten, die weitgehend unabhängig von modernen Innovationsdruck agieren.
"Literarische-" und "kulturelle" Texte: Unter Bezugnahme auf Aleida Assmann wird die Unterscheidung zwischen autonomer Literatur und kulturellen Texten erläutert, um die Begrenztheit westlicher ästhetischer Maßstäbe zu unterstreichen.
Abweichungspoetik, Originalität, Eurozentrismus, Kanonbildung, Literaturtheorie, Komparatistik, Ästhetische Werte, Regelbefolgung, Traditionskultur, Innovationsästhetik, Interkulturelle Literaturwissenschaft, Sprachverarbeitung, Konkretisieren, Normen, Poetik.
Die Arbeit analysiert kritisch die in Deutschland verbreitete "Abweichungspoetik" und hinterfragt deren Anspruch auf universelle Gültigkeit für die Literaturwissenschaft.
Im Zentrum stehen die Konzepte von Originalität, Kanonbildung, Regelbefolgung sowie die interkulturelle Perspektive auf Literatur in Asien versus dem Westen.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die Abweichungspoetik eine eurozentrische Sichtweise darstellt, die für Literaturen anderer Kulturen und Epochen nur begrenzt anwendbar ist.
Die Untersuchung basiert auf einem komparatistischen Ansatz, der literaturtheoretische Konzepte mit Erkenntnissen aus Sprachpsychologie, Philosophie und interkulturellen Studien kontrastiert.
Der Hauptteil analysiert die historischen Grundlagen westlicher Originalitätskriterien, vergleicht diese mit den Normen indischer, chinesischer und japanischer Literaturen und unterscheidet zwischen "literarischen" und "kulturellen" Texten.
Abweichungspoetik, Originalität, Eurozentrismus, Kanonbildung, interkulturelle Literaturwissenschaft und Innovationsästhetik.
Indien dient als Beispiel, um zu verdeutlichen, dass in anderen Kulturen nicht das individuelle Genie, sondern Training und die Einhaltung konventioneller Regeln hochgeschätzt wurden.
Der Autor plädiert für einen "gemäßigten Relativismus" und warnt davor, spezifisch westliche, moderne ästhetische Maßstäbe unreflektiert auf außereuropäische Literaturen zu projizieren.
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