Examensarbeit, 2004
94 Seiten, Note: 1,3
EINLEITUNG
I Zur Grundlageneinheit von Musik und Rhetorik
I.1 Die Frage nach der Grundlageneinheit: Die Verbindung von ars musica und ars oratoria im Bildungswesen des 16. bis 18. Jahrhunderts
I.1.1 Zwischenbilanz: Grundlageneinheit im Bildungswesen
I.1.2 Folgen: Die Rhetorisierung der Musik (nach Gurlitt)
I.2 Grundlageneinheit einer musikalischen Rhetorik im Wesen von Musik und Sprache
II Zur Lehre von den musikalisch-rhetorischen Figuren
II.1 Intention und Wirkung der theoretischen Schriften einer „musikalischen Rhetorik“ am Beispiel Joachim Burmeisters und Christoph Bernhards
II.1.1 Einschub: Definitionsprobleme – Zum Figurbegriff in Sprache und Literatur
II.2 Zur Figurenlehre bei Burmeister und Bernhard
II.2.2 Der Figurbegriff bei Joachim Burmeister
II.2.3 Der Figurbegriff bei Christoph Bernhard
II.3 Zwischenbilanz
III Bach und die Rhetorik – Drei Schlaglichter
III.1 Zur rhetorischen Schulbildung Bachs
III.2 Der Scheibe-Birnbaum-Disput – Das Zeugnis J. A. Birnbaums
III.2.1 Wandel im Zeichen der Frühaufklärung – Gottscheds und Scheibes Figurbegriff
III.2.2 Scheibes Kritik an Bach – eine Eingrenzung
III.3 Anmerkungen zu einer Analyse
IV Schluss: Bilanz (und Ausblick?)
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Annahme einer traditionellen „musikalischen Rhetorik“, die als theoretische Grundlage für das Werk von Johann Sebastian Bach dient. Ziel ist es, die Tragfestigkeit der in der Grundlagenforschung postulierten Verbindung zwischen Musik und Rhetorik im 16. bis 18. Jahrhundert durch eine Analyse ausgewählter Figurenlehren und biographischer Anhaltspunkte zu überprüfen.
II.2.2 Der Figurbegriff bei Joachim Burmeister
Über den biographischen Hintergrund Joachim Burmeisters ist bereits oben (s. S. 22) das für unsere Fragestellung Entscheidende gesagt worden. Auch seine Intention und mögliche Einflussfaktoren auf die Wirkung seiner Schriften wurden diskutiert. Jetzt soll es darauf ankommen, den Figurbegriff Burmeisters zu erörtern und ihm denjenigen Bernhards gegenüberzustellen.
Als Grundlage für diese Diskussion soll vor allem Burmeisters abschließendes Hauptwerk, die Musica Poetica von 1606, dienen.
Auch wenn die Figurenlehre der entscheidende Teil der „musikalischen Rhetorik“ in Burmeisters Musica Poetica ist, so gehen die Analogiebildungen und Ableitungen aus der Rhetorik darüber hinaus. Burmeister nennt beispielsweise das Kapitel über die Kombination von Konsonanzen „De Consonantiarum Syntaxi in Harmoniam“, womit er auf die Vorstufe der eigentlichen Redekunst in der Rhetorik, die Syntax bzw. Grammatik hinweist.
Auch die Einteilung der verschiedenen Stile, die ein Kernstück der Musica Poetica bildet, sowie deren Bezeichnungen sind der Rhetorik entnommen.
EINLEITUNG: Erläutert die Fragestellung zur Existenz einer rhetorischen Tradition im Werk Bachs und setzt die Auswahl der Untersuchungsschwerpunkte fest.
I Zur Grundlageneinheit von Musik und Rhetorik: Untersucht die historisch-theoretischen Fundamente der Verbindung von Rhetorik und Musik im Bildungskontext des 16. bis 18. Jahrhunderts.
II Zur Lehre von den musikalisch-rhetorischen Figuren: Analysiert die Figurenlehren von Burmeister und Bernhard als unterschiedliche Ansätze musiktheoretischer Systematisierung.
III Bach und die Rhetorik – Drei Schlaglichter: Beleuchtet Bachs rhetorische Schulbildung sowie den Disput zwischen Scheibe und Birnbaum als Kontext für die Analyse Bachscher Musik.
IV Schluss: Bilanz (und Ausblick?): Fasst die Ergebnisse zusammen und hinterfragt kritisch den in der Forschung verbreiteten Konsens zur rhetorischen Deutbarkeit von Bachs Musik.
Musikalische Rhetorik, Johann Sebastian Bach, Figurenlehre, Joachim Burmeister, Christoph Bernhard, Musik-Text-Verhältnis, Bildlichkeit, Musiktheorie, Barock, Kontrapunkt, Disput, Hermeneutik, Kompositionslehre, Affektenlehre.
Die Arbeit hinterfragt die häufig vorausgesetzte, direkte Verbindung zwischen der Rhetorik und dem musikalischen Schaffen Johann Sebastian Bachs. Sie prüft, ob die Musik Bachs tatsächlich in einer rhetorischen Tradition steht, die ihre Deutung zwingend macht.
Die zentralen Themen sind die historische Grundlageneinheit von Musik und Rhetorik im Bildungswesen, die Entwicklung musikalischer Figurenlehren sowie die Übertragbarkeit rhetorischer Prinzipien auf die Kompositionspraxis.
Die zentrale Frage lautet: Gibt es eine für die Komposition tatsächlich fruchtbare Tradition der musikalischen Rhetorik, die zu Bach führt, oder handelt es sich um eine spätere, terminologische Analogiebildung?
Die Arbeit nutzt eine kritische Bestandsaufnahme und historische Kontextualisierung, wobei sie primär musiktheoretische Traktate (Burmeister, Bernhard) analysiert und diese mit neuerer musikwissenschaftlicher Forschung (z.B. Forchert, Dahlhaus) in Beziehung setzt.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Grundlagentexten zur Musik und Rhetorik, den Vergleich der Figurenlehren von Burmeister und Bernhard sowie die Anwendung dieser Erkenntnisse auf Bachs rhetorische Ausbildung und den berühmten Scheibe-Birnbaum-Disput.
Zu den Schlüsselbegriffen gehören die „musikalische Rhetorik“, der Figurbegriff, das Verhältnis von Text und Musik, die Imitatio, der Kontrapunkt und der Begriff der „Natürlichkeit“ im Kontext der Frühaufklärung.
Der Autor stellt fest, dass Bach zwar rhetorischen Unterricht erhielt, dieser jedoch eher ein formales Gerüst der forensischen Rhetorik vermittelte, welches kaum direkten, normativen Einfluss auf die Kompositionspraxis gehabt haben dürfte.
Während Burmeister ein übergeordnetes, fast gelehrtes System der „musikalischen Rhetorik“ entwirft, bleibt Bernhard als praktizierender Musiker stärker der Kontrapunktlehre verhaftet und sieht Figuren eher als lizenziöse Abweichungen vom Satzgefüge.
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