Essay, 1975
16 Seiten
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Vier Chansons. Versuch einer sprechkundlichen Deutung
Die Anregung aus Frankreich
Die Antwort des deutschen „Brettls“
Die Antwort deutscher Lyrik
Sprachrohr sozialer Anklage und politischer Agitation, der Song
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, einen sprechkundlichen Interpretationsansatz für Vortragsdichtung wie das Chanson und den Song zu etablieren, um die Wechselwirkungen zwischen schriftlich fixiertem Text und lebendiger Schallform im Vortrag zu analysieren. Dabei wird untersucht, wie psychologische Bedingungen und die Sprechsituation des Dichters die Struktur literarischer Erzeugnisse prägen und wie diese Erkenntnisse den Vortrag durch einen Chansonnier beeinflussen.
Die Anregung aus Frankreich
Bei diesem Brief bebt mir der Leib Im kalten Fieber. Wenn du es liest, was ich hier schreib', Ist es vorüber – Seit Mitternacht schlaf ich nicht mehr, Mein klein' Toinette, Ein dumpf Geräusch dringt zu mir her Von La Roquette.
Mein Bittgesuch wies man zurück. Für mein Verbrechen Der Präsident will mein Genick Nun einmal brechen. Zu oft begnadigen geht nicht an – Das ist's - ich wette; Von Zeit zu Zeit muss einer 'ran Auf La Roquette.
Die Nacht war lang; herein zu mir Scheint bleich der Morgen. Bald sind die Herrn vor meiner Tür, Die mich besorgen. Gendarmen stehn in Reih' und Glied Rings um die Stätte, Das Volk heult -ein Begräbnislied Auf La Roquette.
Das rührt mich nicht - ich bin kein Tropf! Nur dass der Kragen Vom Hemde muss, eh' sie den Kopf Vom Hals mir schlagen! Die Schere hat nicht viel Gefühl Bei der Toilette, Und früh am Morgen ist es kühl Auf La Roquette.
Mit festen Schritten will ich gehn Zur Guillotine, Und keiner soll mich wanken sehn! Vor der Maschine! Verdammt, wenn mir der Nacken zuckt, Steckt er im Brette, Bevor ich in den Sand gespuckt Auf La Roquette!
Vier Chansons. Versuch einer sprechkundlichen Deutung: Einführung in die sprechkundliche Interpretation als Methode, um die Entstehungsbedingungen von Vortragsdichtung zu verstehen und ihren idealen Vortrag vorzubereiten.
Die Anregung aus Frankreich: Analyse des Hinrichtungsliedes "A La Roquette" von Aristide Bruant, welches die Verschiebung der Sprechrichtung und die psychologische Grenzsituation eines Mörders thematisiert.
Die Antwort des deutschen „Brettls“: Untersuchung von Ernst von Wolzogens "Madame Adele", wobei der Fokus auf dem Prestige der französischen Vorbilder und der kontrastreichen Darstellung von Vergangenheit und Gegenwart liegt.
Die Antwort deutscher Lyrik: Interpretation von Ringelnatz' "Seepferdchen" als durchkomponiertes Lied, das eine kompliziertere Sprechsituation und eine betrachtende Distanz gegenüber den beiden vorangegangenen Beispielen aufweist.
Sprachrohr sozialer Anklage und politischer Agitation, der Song: Untersuchung des sozialistischen Songs am Beispiel von Tucholskys "Roter Melodie", der auf Nuancen verzichtet und als aufrüttelndes Instrument für den "großen Raum" dient.
Sprechkundliche Interpretation, Chanson, Song, Vortragsdichtung, Schallform, Aristide Bruant, Ernst von Wolzogen, Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky, Sprechsituation, Sprechrichtung, Soziales Pathos, Kabarett, Literaturwissenschaft, Interpretation
Die Arbeit beschäftigt sich mit der sprechkundlichen Analyse von Vortragsdichtung wie dem Chanson und dem Song, um die Wechselwirkung zwischen dem Text und seiner lebendigen Darstellung zu erforschen.
Die zentralen Themen sind die theoretische Fundierung der sprechkundlichen Interpretation, die Analyse konkreter Chanson-Beispiele sowie die Unterscheidung zwischen künstlerischem Anspruch und politischer Agitation.
Das Ziel ist es, neue literaturwissenschaftliche Kategorien für Gattungen zu finden, die bisher primär als Unterhaltungsliteratur abgetan wurden, und deren kulturelle Bedeutung durch den sprechkundlichen Ansatz aufzuzeigen.
Es wird die sprechkundliche Methode angewandt, die bei der Analyse der Texte die psycho-physischen Voraussetzungen des Autors, die Sprechsituation und die Intention des Vortragenden in den Mittelpunkt stellt.
Der Hauptteil analysiert vier konkrete Beispiele – von französischen Vorbildern über das deutsche Kabarett bis hin zum politischen Song von Tucholsky – und arbeitet die unterschiedlichen Vortragsdynamiken heraus.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Sprechkundliche Interpretation, Chanson, Song, Schallform, Vortragsdichtung und Sprechsituation präzise charakterisieren.
Der Autor unterscheidet, dass das literarische Chanson auf intime Nuancen und eine feine sprachliche Gestaltung setzt, während der politische Song durch eine lautstarke, pathetische Sprache auf die Wirkung in großen Räumen und die Beeinflussung von Massen ausgerichtet ist.
Die Sprechrichtung dient als Analyseinstrument, um festzustellen, wen der Sprecher in verschiedenen Strophen adressiert – ob das Publikum, das Gegenüber (wie Toinette) oder ob er sich in einer monologischen Meditation befindet.
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