Magisterarbeit, 2006
102 Seiten, Note: 1,0
EINLEITUNG
I. BUNDESREPUBLIKANISCHE ERINNERUNGSKULTUR UND GESCHICHTSDEBATTEN SEIT 1945
A. „ERINNERUNGSKULTUR“ UND „KULTURELLES GEDÄCHTNIS“
i. Nietzsche, Halbwachs, Freud – Drei Gedächtniskonzepte
ii. Jan Assmann: Das „kulturelle Gedächtnis“
B. IM „TÄTERGEDÄCHTNIS“ DER DEUTSCHEN ERINNERUNGSKULTUR
i. Die „Unfähigkeit zu trauern“ nach 1945
ii. Kritik der 60er Jahre
iii. Eine Frage der Erinnerung – die 80er und 90er Jahre
II. GÜNTER GRASS’ NOVELLE IM KREBSGANG ALS DISKURSIVER BEITRAG ZU EINEM „DEUTSCHEN OPFERGEDÄCHTNIS“
A. IM KREBSGANG ALS INDIKATOR
i. Geschichte und Gedächtnis – Drei Generationen
ii. Geschichte und Politik – „Drittes Reich“, DDR und Bundesrepublik
iii. Geschichte und (Neue) Medien – Orale und totale Medien
B. IM KREBSGANG ALS FAKTOR
i. „Befreiender Tabubruch“ – Rezeption und Zirkulation der Novelle Im Krebsgang
ii. „Das Thema war lange reif“ – Der Wiederbelebung des Diskurses um „Die Deutschen als Opfer“
III. KAMPF UM DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS
A. „WARUM ERST JETZT?“ – DEUTSCHE ERINNERUNGSKULTUR IM UMBRUCH
i. Historische Transformationsprozesse im weltpolitischen Kontext
ii. „Mediatisierung des Gedächtnisses“ – die Stunde der Zeitzeugen
B. GESCHICHTSWISSENSCHAFT UND LITERATUR – FAKTEN UND FIKTIONEN DES KOLLEKTIVEN GEDÄCHTNISSES
SCHLUSSBETRACHTUNG
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der deutschen Erinnerungskultur von einem Fokus auf die „Tätervergangenheit“ hin zu einem verstärkten „Opferdiskurs“ am Beispiel von Günter Grass’ Novelle Im Krebsgang. Die zentrale Forschungsfrage zielt darauf ab, wie der literarische Text als Indikator und Faktor für diesen gesellschaftlichen Wandel fungiert und welche Rolle dabei Generationengedächtnisse, geschichtspolitische Rahmenbedingungen sowie mediale Einflüsse spielen.
i. Nietzsche, Halbwachs, Freud – Drei Gedächtniskonzepte
Vordererst ist Friedrich Nietzsche zu nennen, der nicht nur mit seiner Kritik an der Sprache als „Meer von Metaphern“ die postulierte „adequatio rei“ der Zeichen und eine unmittelbare Objektivität in Frage gestellt, sondern auch in seiner Schrift Zur Genealogie der Moral auf den Zusammenhang zwischen Gedächtnis und Soziabilität hingewiesen hat. Für Nietzsche ist die Genealogie der Moral eine zeitgleiche Genealogie des Gedächtnisses innerhalb des Prozesses der Züchtigung des Menschen. Der Mensch, „dieses notwendig vergessliche Tier, an dem das Vergessen eine Kraft, eine Form der Gesundheit darstellt, hat sich ein Gegengewicht angezüchtet, ein Gedächtnis [...] – für die Fälle nämlich, das versprochen werden soll.“ Das individuelle „Ich“ wird geopfert und durch das Gedächtnis auf ein kollektives „Wir“ eingeschworen. Der Mensch wird verbindlich und zu einem berechenbaren Mitglied der Gemeinschaft.
Anders wiederum der „Pionier einer Soziologie des Gedächtnisses“ Maurice Halbwachs, dessen Arbeiten in den späten 80er Jahren wiederentdeckt wurden. Im Gegensatz zu Nietzsche beschreibt Halbwachs das „kollektive Gedächtnis“ nicht als brutalen, sondern als notwendigen individuellen Vorgang der Selbsteinordnung und Selbstvergewisserung innerhalb des sozialen Kollektivs. „Es gibt kein mögliches Gedächtnis außerhalb derjenigen Bezugsrahmen, deren sich die in der Gesellschaft lebenden Menschen bedienen, um ihre Erinnerungen zu fixieren“.
EINLEITUNG: Die Arbeit führt in die Ausgangsbeobachtung einer Verschiebung der deutschen Erinnerungskultur vom Täter- zum Opferdiskurs ein und definiert das Untersuchungsfeld anhand der Novelle Im Krebsgang.
I. BUNDESREPUBLIKANISCHE ERINNERUNGSKULTUR UND GESCHICHTSDEBATTEN SEIT 1945: Dieses Kapitel legt die theoretische Basis durch Gedächtniskonzepte und zeichnet die Phasen der deutschen Erinnerungsdiskurse sowie die Institutionalisierung des Gedenkens nach.
II. GÜNTER GRASS’ NOVELLE IM KREBSGANG ALS DISKURSIVER BEITRAG ZU EINEM „DEUTSCHEN OPFERGEDÄCHTNIS“: Hier wird die Novelle als Indikator und Faktor der Erinnerungskultur analysiert, wobei besonders die Generationen-Figurentrias und der mediale Einfluss untersucht werden.
III. KAMPF UM DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS: Das Schlusskapitel bettet den Diskurs um die Novelle in größere Transformationsprozesse ein, wie den Umbruch nach dem Kalten Krieg und die Mediatisierung des Gedächtnisses.
SCHLUSSBETRACHTUNG: Eine Zusammenfassung der Ergebnisse, die das Wechselspiel zwischen Literatur, Geschichtswissenschaft und öffentlicher Aufmerksamkeit bewertet.
Erinnerungskultur, Kulturelles Gedächtnis, Tätergedächtnis, Opfergedächtnis, Günter Grass, Im Krebsgang, Wilhelm Gustloff, Generationengedächtnis, Geschichtspolitik, Holocaust, Medialisierung, Oral History, Vergangenheitsbewältigung, Identität.
Die Magisterarbeit untersucht den Wandel der deutschen Erinnerungskultur, insbesondere die Entwicklung von einem primären Tätergedächtnis hin zu einem verstärkten Fokus auf deutsche Opfererfahrungen im Kontext des Zweiten Weltkriegs.
Die zentralen Felder sind die Gedächtnistheorie, die politische Instrumentalisierung von Geschichte (Geschichtspolitik), der Generationenkonflikt in der Erinnerungsarbeit sowie die Rolle der Medien bei der Konstruktion kollektiver Geschichtsbilder.
Ziel ist es, Günter Grass’ Novelle Im Krebsgang als literarischen Beitrag zu analysieren, der sowohl als Indikator für bestehende Debatten dient als auch als Faktor zur Formierung eines „neuen Opfergedächtnisses“ wirkt.
Die Arbeit nutzt eine kulturwissenschaftliche und diskursanalytische Herangehensweise, um Literatur in ihren historischen und gesellschaftspolitischen Kontext einzubetten.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbasis, eine detaillierte Textanalyse der Novelle sowie eine Einordnung des Werks in die größeren Transformationsprozesse der deutschen Erinnerungslandschaft.
Wesentliche Begriffe sind Erinnerungskultur, Tätergedächtnis, Opfergedächtnis, Generationengedächtnis und die Rolle der Medien bei der kollektiven Vergangenheitsbewältigung.
Tulla dient als Repräsentantin der Zeitzeugen-Generation, deren individuelle Erinnerung an den Untergang der Wilhelm Gustloff durch ihre mündliche Erzählweise als „lebendiges Gedächtnis“ charakterisiert wird, welches jedoch der institutionellen Einordnung widersteht.
Das Internet wird als neue, mächtige Stufe der Gedächtnisspeicherung (Tertiärmedien) analysiert, die einerseits demokratische Freiräume bietet, andererseits aber durch ihre Unbeständigkeit zur Manipulation und pseudohistorischen Pseudowahrheiten einlädt.
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