Magisterarbeit, 2006
474 Seiten, Note: 1,15
Einleitung: Bildungsbegriff und Bildung als interdisziplinäres Forschungsfeld
Kapitel 1: Vom ständisch geprägten Schulwesen zum dreigliedrigen Schulsystem (in Deutschland)
1.1 Ideengeschichtliche Wurzeln einer Schule für alle Kinder
1.1.1 Erste Forderungen nach einer Bildung für alle Menschen: Johann Amos Comenius (1592-1670)
1.1.2 Der Versuch, das öffentliche Schulwesen zu strukturieren: Marquis de Condorcet (1743-1794)
1.1.3 Preußens Reformpläne unter Fichte, von Humboldt und von Süvern: Neuhumanismus und Folgezeit
1.1.4 Gründung der Lehrervereine
1.2 Allgemeine Schulpflicht und Mädchenbildung im 19. Jahrhundert
1.3 Schulkompromisse in der Weimarer Republik
1.4 Nationalsozialistische Schulpolitik
1.5 Die Zeit nach 1945: Wiederherstellung des dreigliedrigen Schulsystems
1.6 Schulreform und Bildungsexpansion von 1965 bis 1990
1.7 Die Zeit nach PISA
Kapitel 2: Das jetzige Bildungssystem in Deutschland und Bayern
2.1 Das dreigliedrige Bildungssystem in Deutschland, sowie bayerische Besonderheiten
2.2. Durchlässigkeit im Schulsystem
2.3. Ein Blick auf die Bildungsdiskussionen heute im Vergleich zu den 1960/1970er Jahren
2.4. Überblick über die Positionen der Parteien in Bayern, bzw. der im Bundestag vertretenen Parteien, zur Bildungspolitik, mit spezieller Anmerkung zu den PISA Ergebnissen
2.4.1 Bildungspolitische Leitsätze der CDU/CSU
2.4.2 Die Bildungspolitik der bayerischen SPD
2.4.3. Die neue Bildungspolitik der Grünen
2.4.4. Die Bildungskampagne der FDP
2.4.5. Die Bildungspolitik der Linkspartei
Kapitel 3: Bildungsungleichheit und Bildungsentscheidungen
3.1 Theorien der Bildungssoziologie
3.2 Ausgewählte soziologische Theorien zu Bildungsentscheidungen
3.3 Erste These: Bevorzugung „bestimmter“ Kinder
3.4 Zweite These: Unterschiedliche Begabungen?
Kapitel 4: Zur Dualität: Zentrum und Peripherie
4.1. Urbanisierung und Segregation
4.1.1 Urbanisierung als erste Stufe im Verstädterungsprozess
4.1.2 Das Phänomen der Segregation
4.2 Suburbanisierung, Des- und Counterurbanisierung
4.3 Reurbanisierung und aktuelle politische Tendenzen
4.4 Schrumpfungsprozesse in Stadt und Land
4.5 Peripherisierung
4.6 Regionale Disparitäten
4.7 Stadt- und Landbevölkerung
Kapitel 5: Forschungspraxis und Methodik
5.1 Forschungstagebuch
5.1.1 Unsere Vorstudie: Das Forschungspraktikum (FOPA)
5.1.2 Unsere qualitative Zusatzstudie: Langzeitprojekt (LAPO)
5.1.3 Unsere Hauptstudie: Die Magisterarbeit (MA)
5.2 Praktische Durchführung
5.2.1. Konzeption des Fragebogens
5.2.1.1. Der Kinderfragebogen (KB)
5.2.1.2. Der Elternfragebogen (EB)
5.2.2. Vorbereitungsphase, Genehmigungsverfahren und Durchführung
5.2.3. Thesenerstellung
5.2.4. Datenkodierung, Dateneingabe und Datenauswertung
5.3. Methodik
5.3.1. Die Stichprobe
5.3.2. Der Rücklauf
5.3.3. Bayerisch-Schwaben
5.3.3.1. Die Stadt Augsburg
5.3.3.2. Die Landkreise in Bayerisch-Schwaben
5.3.4. Die wichtigsten Kennwerte aus unserer Forschung
Kapitel 6: Thesen: Begründungen, Theorien, Inhalte und Ergebnisse
6.1. Schüler der ländlichen Regionen Schwabens sind nach wie vor benachteiligt.
6.2. Stadt-Eltern sind bildungsorientierter als Land-Eltern. Für Land-Eltern hat die Hauptschule einen höheren Stellenwert als Vorbereitung auf einen praktischen Beruf. Stadt-Eltern ziehen einen möglichst hohen Schulabschluss vor.
6.3. Die Schulwahlentscheidungen am Ende der Grundschulzeit sowie die Lehrerempfehlungen richten sich nach der Schichtzugehörigkeit der Eltern.
6.4. Mädchen, besonders in den ländlichen Regionen, werden nach wie vor benachteiligt, und zwar einerseits aufgrund des traditionellen Rollenverständnisses der Eltern und andererseits aufgrund des heimlichen Lehrplans.
6.5. Die Jungen aus der Stadt sind die großen Verlierer der Bildungsexpansion.
6.6. Die Land-Frau erlangt ihre soziale Bestätigung über Kinder, die Stadt-Frau über ein erfolgreiches Berufsleben.
6.7. Bereits in den Köpfen 10-Jähriger herrscht ein ausgeprägtes Schichtbewusstsein. Je höher die Schicht der Kinder, desto klarer ist die Vorstellung über Schulbildung und Berufsziel.
6.8. Stadt-Eltern streben eine möglichst hohe Schulbildung für ihre Kinder an. Sie wollen um jeden Preis verhindern, dass ihr Kind auf eine Hauptschule (=“Restschule“) gehen muss.
6.9. Die Investitionen in die außerschulische Bildung sind in Stadt und Land gleich hoch und schichtabhängig. Ganztagesschulen würden die vorhandene Chancenungleichheit verbessern.
6.10. Das dreigliedrige Schulsystem ist veraltet, fördert die soziale Ungleichheit und benachteiligt die Kinder auf dem Land.
6.11. Lehrer sind vor allem in der Stadt gesellschaftlich nicht angesehen – auf dem Land genießt der Lehrer noch mehr Autorität und Ansehen. Lehrern wird besonders die Kompetenz bei Übergangsentscheidungen abgesprochen.
6.12. Der Bildungsnotstand in Deutschland ist die Folge eines Erziehungsnotstandes.
6.13. Die Einführung des G8 in Bayern ist für Eltern ein Grund ihr Kind nicht auf das Gymnasium zu schicken, um ihm den Leistungsdruck, der nach PISA sowieso enorm gestiegen ist, zu ersparen.
6.14. Bayern hat kein Interesse an der Integration von ausländischen SchülerInnen.
6.15. Was beeinflusst die Schulwahl?
6.16. Ergebnisse ohne Hypothesenbindung
6.16.1. Hat die Konfession irgendeinen Einfluss auf die Schullaufbahn?
6.16.2. Einstellungen der Eltern zu Schule und Beruf nach Kinderanzahl, Nationalität, Schicht und Wohnort
6.16.3. Wollen Eltern und Kinder auf dieselbe Schule wechseln?
6.16.4. Sind sich Eltern und Kinder bezüglich des Notendurchschnitts einig?
6.16.5. Wer half den Eltern bei der Entscheidung und wer half den Kindern?
6.16.6. Was sind die Lieblingsfächer der Kinder?
6.16.7. Nicht berücksichtigte Fragen
Resümee
Die Arbeit untersucht Bildungsentscheidungen beim Übertritt von der Grundschule auf weiterführende Schularten in Bayern im Vergleich zwischen Stadt und Land. Die zentrale Forschungsfrage ist, inwiefern soziale Herkunft, Bildungsaspirationen der Eltern und der Wohnort die Schullaufbahn von Kindern beeinflussen und ob hierbei strukturelle Benachteiligungen existieren.
Einleitung: Bildungsbegriff und Bildung als interdisziplinäres Forschungsfeld
Das Thema dieser Arbeit heißt Bildung. Genauer: Es geht um Bildungsentscheidungen, und zwar an einer speziellen und in Deutschland auch Lebens entscheidenden Stelle: dem Übertritt von der Grundschule auf eine weiterführende Schulart. Bevor wir jedoch ins Detail gehen, muss zuerst die Begrifflichkeit geklärt sein. Von was sprechen wir? Was ist eigentlich Bildung? Wir fragten Kinder, Eltern, Lehrer: und erhielten keine eindeutige Auskunft. Wir wälzten Lexika: das war genauso schwierig. Bildung als Bürgerrecht? Für alle? Aber was genau für alle? Und wenn Bildung „für“, dann muss es auch Bildung „von“ geben. Von wem kommt Bildung? Kommt Bildung von der Institution Schule, vertreten durch die Lehrerschaft? Oder von den Eltern? Wer Bildung weitergeben will, muss sie ja erst einmal selbst besitzen. Ist Bildung ein Gut oder eine Ware? Kann man Bildung vielleicht kaufen? Muss man sie haben oder kommt man ohne sie aus? Was ist nun Bildung?
Die schönste Definition fanden wir im Enzyklopädischen Handbuch der Pädagogik von 1903. Bildung hat, „wer nicht mit der Hand arbeitet, sich richtig anzuziehen und zu benehmen weiß und bei allen Dingen, von denen in Gesellschaft die Rede ist, mitreden kann“ (Paulsen, 1903, S. 658). Jetzt wissen wir, warum es mit der Bildung in Deutschland bergab geht. Das Volk der Dichter und Denker kann sich nicht mehr benehmen. Wenn man zu morgendlichen Schulanfangs- oder mittäglichen Schulendzeiten in der Straßenbahn fährt, macht diese Schlussfolgerung durchaus Sinn. Dr. Bueb, der jahrzehntelang das Eliteinternat Schloss Salem geleitet hat behauptet in seinem hochaktuellen Buch, dass der Bildungsnotstand in Deutschland die Folge eines allgemeinen Erziehungsnotstandes ist (vgl. Bueb, 2006, S. 13). Aber kann das wirklich sein? Ist Bildung nicht mehr als das? Und welche Aufgabe hat dann die Schule? Doch nur Wissensvermittlung? Hier allerdings schlägt PISA Alarm: auch keine guten Ergebnisse.
Kapitel 1: Vom ständisch geprägten Schulwesen zum dreigliedrigen Schulsystem (in Deutschland): Bietet einen historischen Abriss des deutschen Schulsystems von Comenius bis zur PISA-Zeit.
Kapitel 2: Das jetzige Bildungssystem in Deutschland und Bayern: Analysiert die aktuelle Struktur des deutschen und bayerischen Schulsystems sowie parteipolitische Positionen zur Bildungspolitik.
Kapitel 3: Bildungsungleichheit und Bildungsentscheidungen: Führt in bildungssoziologische Theorien, insbesondere Bourdieu, ein und begründet Thesen zu Leistungsbevorzugung und Begabung.
Kapitel 4: Zur Dualität: Zentrum und Peripherie: Untersucht stadtsoziologische Theorien zu Urbanisierung und räumlichen Disparitäten im Stadt-Land-Vergleich.
Kapitel 5: Forschungspraxis und Methodik: Beschreibt detailliert die Vorgehensweise der empirischen Studien (FOPA und Magisterarbeit) sowie die Konzeption der Fragebögen.
Kapitel 6: Thesen: Begründungen, Theorien, Inhalte und Ergebnisse: Präsentiert die 14 Hypothesen der Arbeit, deren theoretische Begründung und die empirischen Ergebnisse der eigenen Untersuchung.
Bildung, Bildungsentscheidung, Bildungsungleichheit, Schulsystem, Stadt-Land-Vergleich, Bayern, Schichtzugehörigkeit, PISA, Lehrerempfehlung, Bildungsexpansion, Sozialisation, Gymnasium, Hauptschule, Chancengleichheit, Bildungssoziologie.
Die Magisterarbeit untersucht die Zusammenhänge zwischen Bildungsentscheidungen am Ende der Grundschulzeit, dem Wohnort (Stadt vs. Land) und der sozialen Herkunft von Kindern in Bayern.
Die Schwerpunkte liegen auf Bildungssoziologie, der Bedeutung des Elternhauses, der Rolle des Schulsystems und den Auswirkungen gesellschaftlicher Disparitäten auf die Bildungsbiografien von Kindern.
Das Ziel ist es, aufzudecken, wie soziale und regionale Faktoren die Schullaufbahnentscheidungen beeinflussen und ob das dreigliedrige Schulsystem soziale Ungleichheit reproduziert.
Die Arbeit basiert auf einer quantitativen Befragung mittels Fragebögen bei Kindern der 4. Klasse und deren Eltern sowie einer qualitativen Zusatzstudie, ergänzt durch die Analyse vorhandener bildungspolitischer Studien.
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Geschichte und Soziologie des Bildungssystems (Kapitel 1–4) und einen empirischen Teil (Kapitel 6), in dem Hypothesen zu Bildungsungleichheit, Geschlechterrollen und regionalen Unterschieden anhand der eigenen Daten geprüft werden.
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Bildungssoziologie, Chancenungleichheit, Stadt-Land-Vergleich, Schichtbewusstsein und Bildungsentscheidungen charakterisiert.
Besonders überraschend war der signifikante Einfluss der Bildung der Mutter (im Vergleich zum Vater) auf die Schulwahl sowie der Befund, dass Kinder bereits in der Grundschule ein ausgeprägtes, schichtabhängiges Bewusstsein für ihre zukünftigen Schullaufbahnen entwickelt haben.
Die Mehrheit der befragten Eltern lehnt das G8 aufgrund des hohen Leistungsdrucks ab; sie sehen darin einen Grund, ihre Kinder nicht auf das Gymnasium zu schicken.
Die Studie identifiziert die unzureichende Sprachförderung und die segregierende Wirkung des bayerischen Schulsystems als Kernprobleme, die Migrantenkinder bereits früh benachteiligen.
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