Lizentiatsarbeit, 2006
133 Seiten, Note: summa cum laude
EINFÜHRUNG
Forschungslage und Begriffserklärung
Quellen und Aufbau der Arbeit
1. Die Definition der sozialpolitischen Angst
1.1. Das Weltbild: christliche Vorstellungswelten
1.1.1. Weltende und Sünde
1.1.2. Teufel- und Hexenglauben
1.2. Das Menschenbild: soziale Abgrenzungsmerkmale
1.2.1. Zugehörigkeitszeichen: äusserliche Merkmale und Kleidung
1.2.2. Körpermerkmale und Verhaltensweisen des Bösen
1.2.3. Heldentum und die Angst vor Angstverdacht
1.2.4. Mutlosigkeit und Armut
1.3. Gemeinschaften: individuelle und kollektive Angstvorstellungen
1.3.1. Die Klostergemeinschaft und die Angst der Mönche
1.3.2. Die Lebensgemeinschaft und die Ängste des weltlichen Mannes
1.3.2.1. Liebe und Ehe
1.3.2.2. Unkeuschheit und Kuckuckskind
1.3.2.3. Nachkommenschaft und erbberechtigte Söhne
1.3.2.4. Fremde und Mitmenschen
2. Die Rezeption der sozialpolitischen Angst
2.1. Die Kommunikation
2.1.1. Mündliche Überlieferung der Angst
2.1.2. Angstverbreitung durch Klerus und Obrigkeit
2.1.3. Die Hexen, die jedermann doch nur mit der eigenen Zunge geschaffen hat
2.2. Die Angsträume
2.2.1. Das Haus: Schutzlosigkeit und Enge
2.2.2. Die Stadt: Überbevölkerung, Lebenserwartung und Fortpflanzung
2.3. Individuelle und kollektive Reaktionsmechanismen
2.3.1. Das Misstrauen des geistlichen und weltlichen Mannes
2.3.2. Exkurs: Beispiel Kollektivängste
2.3.2.1. Hungersnöte
2.3.2.2. Pest
2.3.2.3. Krieg
2.3.3. Reaktionen auf Raumabgrenzung und Engeerfahrung
2.3.3.1. Städtische Abwehrreaktionen
2.3.3.2. Verursacher der Angstwellen und Angst-Aggressions-Antagonismus
3. Die Einflüsse auf das kollektive Gedächtnis
3.1. Politische Vorstellungswelten und die Angst als Instrument der Ordnungserhaltung
3.1.1. Vereinigung von Haus- und Regierungsmacht
3.1.2. Regierungsführung und Strafandrohung
3.1.3. Erste demokratische Strukturen und Gruppenabgrenzung
3.2. Kirchliche Vorstellungen der Krankenheilung und ihre Auswirkungen auf moderne Denkmuster
3.2.1. Abgrenzung von der „Krankheit“ Aberglauben
3.2.2. Rationalität und Neubeurteilung der Angst
3.2.3. Krankenheilung und Kollektivausschluss
3.2.4. Melancholie und Isolation
4. Zusammenfassung und Vergleich (Neuzeit und Gegenwart)
4.1. Welt- und Menschenbild
4.1.1. Abgrenzung und Mitmenschen
4.1.2. Angstverdacht und Mittel der Angstabwehr
4.2. Angstverbreitung und Bildung
4.3. Enge und Lebenserwartung
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und kulturelle Prägung der sogenannten „sozialpolitischen Angst“ in der Schweiz zwischen 1300 und 1800. Ziel ist es, zu analysieren, wie Welt- und Menschenbilder, gesellschaftliche Strukturen sowie institutionelle Machtverhältnisse kollektive Ängste erzeugten, instrumentalisieren und wie diese Prozesse das kollektive Gedächtnis sowie moderne Angstauffassungen beeinflussen.
1.1.1. Weltende und Sünde
Die allgemeine Lebensgestaltung der Christen war ganz auf den Tag des Jüngsten Gerichts ausgerichtet, da man erwartete, dass das Ende der Welt in unmittelbarer Zukunft eintreten würde. In der Deutung von Naturereignissen, die als Vorzeichen des Weltendes gesehen wurden, gab es keine konfessionellen Unterschiede. Bis ins 18. Jh. wurden diese mit Ereignissen (u.a. Seuchen, Stürmen und Wetterlagen) in Verbindung gebracht und galten als göttliche Botschaft an den Menschen. F. Platter berichtet von einem Erlebnis: „Es ging zuvor ein Geschrei aus, auf Magdalenentag, den 22. Juli, würde der jüngste Tag kommen, was die Angst desto größer machte bei denen, die glaubten, diese Wetter wären die Vorboten“.
Während der ganzen Epoche beherrschte die Angst vor der göttlichen Bestimmung nach dem Ableben die Menschen. Spätestens seit dem 16. Jh. bestand in Europa ein religiöser Grundkonsens, der sich in der Orientierung auf das Diesseits richtete. Einerseits war die Heilsvermittlung durch die Kirche unbestritten, andererseits war die Auffassung dominierend, nach der jeder Christ durch eigene religiöse Leistung zur eigenen und zur gesellschaftlichen Heilserlangung beitragen konnte und sollte. Es lag also in der Entscheidung des Menschen ein christliches oder ein sündiges Leben zu führen. U. Bräker erzählt, wie der Gedanke an die Endzeit sowie die Eigenverantwortung in ihm „allerley jammerhafte Vorstellungen“ aufkommen liess und er durch diese „alle Freud` und Muth“ verlor.
1. Die Definition der sozialpolitischen Angst: Dieses Kapitel erläutert das christliche Weltbild, soziale Abgrenzungsmechanismen und kollektive Angstvorstellungen, die das Verständnis des Individuums und der Gemeinschaft prägten.
2. Die Rezeption der sozialpolitischen Angst: Hier werden Kommunikationswege, die Bedeutung von Angsträumen wie Haus und Stadt sowie individuelle und kollektive Reaktionsmechanismen wie Hexenprozesse und Krisenbewältigung analysiert.
3. Die Einflüsse auf das kollektive Gedächtnis: Der Fokus liegt auf der politischen Instrumentalisierung von Angst zur Ordnungserhaltung, den Einflüssen kirchlicher Krankheitsvorstellungen auf moderne Denkmuster und der Rolle von Melancholie sowie Isolation.
4. Zusammenfassung und Vergleich (Neuzeit und Gegenwart): Das abschließende Kapitel setzt die historischen Erkenntnisse in Bezug zum gegenwärtigen Gesundheitsverständnis und analysiert Kontinuitäten in der gesellschaftlichen Angstbewältigung.
Sozialpolitische Angst, Hexenwahn, Kollektivgedächtnis, Mentalitätsgeschichte, Christentum, Sündenvorstellung, Angstabwehr, Raumabgrenzung, Moderne, Melancholie, Machtstrukturen, Gesellschaftliche Normen, Aberglaube, Angstverdacht, Psychosoziale Gesundheit
Die Lizentiatsarbeit untersucht die sozialpolitische Angst in der Schweiz zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert, wobei sie aufzeigt, wie religiöse und gesellschaftliche Normen Angst erzeugten und instrumentalisierten.
Die Untersuchung umfasst das Welt- und Menschenbild der Neuzeit, die Rolle der Kirche bei der Angstverbreitung, die psychologische Bedeutung von "Angsträumen" wie Haus und Stadt sowie die Rolle des kollektiven Gedächtnisses.
Das Hauptziel ist es, ein Verständnis für die Entstehung sozialpolitisch induzierter Angst zu schaffen und zu prüfen, ob es historisch bedingte Zusammenhänge zur gegenwärtigen Angstauffassung und Gesundheitswahrnehmung in der Gesellschaft gibt.
Es handelt sich primär um eine mentalitätsgeschichtliche und kulturhistorische Analyse, die mit historischen Quellen, Chroniken, autobiografischen Aufzeichnungen und zeitgenössischen Literaturzeugnissen arbeitet.
Der Hauptteil analysiert die Definition der Angst, ihre Rezeption durch Kommunikation und Raumabgrenzung sowie die verschiedenen Einflüsse, die bis heute auf das kollektive Gedächtnis einwirken.
Wichtige Begriffe sind Sozialpolitische Angst, Hexenverfolgung, Kollektivgedächtnis, Mentatitätsgeschichte, Angstabwehr und der Wandel von theologischen zu medizinischen Angstdeutungen.
Während die Angst der Mönche stark durch ihre klösterliche Isolation und die Distanz zum realen Leben geprägt war, fürchtete der weltliche Mann vor allem den Verlust der familiären Kontrolle, des Vermögens und den sozialen Ehrverlust.
Die Hexenverfolgung wird als ein zentrales, gesellschaftlich-politisches Instrument zur Angstabwehr und Disziplinierung begriffen, das besonders in Krisenzeiten bei der armen Bevölkerung zur Anwendung kam.
Die Arbeit diskutiert, wie moderne psychologische Begriffe wie Sozialphobie oder soziale Angststörung als neue Kategorisierungen für historische Phänomene dienen, die früher primär als Sündenfall oder Charakterfehler galten.
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