Examensarbeit, 2006
102 Seiten, Note: 1,0
1. „O Hermann, dir verdanken wir das!“ – Einleitung
2. „Geschichte in Natur“ – Eine Mythentheorie
3. Die Nation – „Ein Gewebe von Mythen“
4. Deutsche „Erinnerungsorte“
5. „ ... liberator haud dubie Germaniae ...“ – Arminius , die Varusschlacht und die römische Überlieferung
6. Deutsche Nationsbildung und Hermannsmythos
6.1 Deutsche Nationsbildung
6.2 „Ein Erlediger Teutscher Nation“ – Die Entdeckung des Arminius und der deutschen Geschichte
6.3 „ ... weil wir noch durch ihn sind ...“ – Arminius zu Beginn der deutschen Nationalbewegung
6.4 „Schwinge auch ferner dein Schwert...“ – Die deutsche Nationalbewegung beim Übergang zur Massenbewegung
7. „ ... als Vereinigungspunkt für alle Herzen ...“ – Hermann im Kaiserreich
8. „Germania-Pils und Thusnelda-Schnittchen“ – Ein Mythos wird Geschichte
9. Fazit und Ausblick
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Funktion des Arminiusmythos und analysiert dessen zentrale Rolle bei der Herausbildung einer deutschen nationalen Identität sowie seine Auswirkungen auf das Selbstbild im Kaiserreich.
1. „O Hermann, dir verdanken wir das!“ – Einleitung
Das ist der Teutoburger Wald, Den Tacitus beschrieben, Das ist der klassische Morast, Wo Varus stecken geblieben. Hier schlug ihn der Cheruskerfürst, Der Hermann, der edle Recke; Die deutsche Nationalität, Sie siegte in diesem Drecke. [...] O Hermann, dir verdanken wir das! Drum wird dir, wie sich gebühret, Zu Detmold ein Monument gesetzt; Hab selber subskribieret.1
Wer an den Cheruskerfürsten Hermann (laut römischer Überlieferung eigentlich Arminius) denkt, dem fällt das Hermannsdenkmal in Detmold ein. Die zitierten Verse aus Heinrich Heines im Jahre 1844 veröffentlichtem Wintermärchen zeigen, dass es dem Dichter 31 Jahre vor Vollendung des Nationaldenkmals nicht anders ging. Mit dem Verweis auf das Hermannsdenkmal, dessen Entstehungsgeschichte sich wie diejenige der deutschen Nation beinahe durch das gesamte 19. Jahrhundert zog, wird auch deutlich, dass Arminius eine nicht unwesentliche Bedeutung für die Bildung dieser Nation hatte. Heines Zeitgenossen war diese Verbindung völlig selbstverständlich – in der Varusschlacht fand in ihren Augen die Geschichte der deutschen Nation ihren Ursprung. Aber Heines Sichtweise ist eine besondere. Vergleicht man dessen wenige Verse mit anderen Umsetzungen des Arminiusstoffes bis zu seiner Zeit, kann mit Recht von einem Bruch innerhalb der Arminiusdichtungen gesprochen werden.2 Mit seiner ungewöhnlichen Satire übt er Kritik an dem „Drecke“, welcher der „deutschen Nationalität“ zum Siege verhalf, und er meint damit den Mythos, den die unzähligen „Hermannsschlachten“ begründet hatten und der aus seiner Sicht der zeitgenössischen Nationalbewegung einen ungünstigen Anstrich gab.
1. „O Hermann, dir verdanken wir das!“ – Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung des Arminiusmythos für die deutsche Nationalwerdung ein und thematisiert kritische Perspektiven wie die von Heinrich Heine.
2. „Geschichte in Natur“ – Eine Mythentheorie: Das Kapitel erläutert das Verständnis von Mythen, insbesondere basierend auf Roland Barthes, und zeigt deren Funktion auf, Geschichte in eine unbezweifelbare „Natur“ zu verwandeln.
3. Die Nation – „Ein Gewebe von Mythen“: Hier wird analysiert, wie Nationen durch gemeinsame, oft idealisierte und konstruierte Geschichten anstelle tatsächlicher Ereignisse legitimiert werden.
4. Deutsche „Erinnerungsorte“: Das Kapitel behandelt den symbolischen Charakter von Orten, Personen und Ereignissen, die zur Stützung eines kollektiven nationalen Gedächtnisses dienen.
5. „ ... liberator haud dubie Germaniae ...“ – Arminius, die Varusschlacht und die römische Überlieferung: Diese historische Analyse untersucht die spärliche antike Quellenlage und wie deren subjektive Deutungen die spätere Mythenbildung erst ermöglichten.
6. Deutsche Nationsbildung und Hermannsmythos: Dieses Kapitel betrachtet die verschiedenen Phasen der deutschen Nationsbildung und die Rolle des Mythos darin.
7. „ ... als Vereinigungspunkt für alle Herzen ...“ – Hermann im Kaiserreich: Es wird analysiert, wie der Mythos im gegründeten Kaiserreich zur staatssichernden Mahnung an die innere Einheit wurde.
8. „Germania-Pils und Thusnelda-Schnittchen“ – Ein Mythos wird Geschichte: Dieses Kapitel beschreibt den Bedeutungsverlust des politischen Mythos nach den Weltkriegen und dessen ironische oder rein touristische Rezeption.
9. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Rolle des Arminiusmythos als Identitätsfigur zusammen und stellt Fragen zur heutigen Bedeutung nationaler Mythen in einem geeinten Europa.
Arminiusmythos, Hermannsdenkmal, deutsche Nationalbewegung, Nationsbildung, Erinnerungsorte, Roland Barthes, Varusschlacht, Identitätsbildung, politischer Mythos, Kaiserreich, Kollektives Gedächtnis, Symbolgeschichte, Nationalstaat, Symbolpolitik, Geschichtskritik.
Die Arbeit untersucht den Arminiusmythos als Instrument der deutschen Nationalbildung vom Humanismus bis zur Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
Zentrale Themen sind die Entstehung und Funktionsweise nationaler Mythen, die Rolle von Geschichtsschreibung zur Identitätsbildung und die spezifische Ausgestaltung des Hermannsmythos in verschiedenen historischen Phasen.
Das Ziel ist zu klären, wie sich der Arminiusmythos entwickelte, welche Rolle er für die deutsche Identität spielte und wie er die Nationsbildung beeinflusste.
Die Arbeit basiert auf einer Analyse von Literatur, Kunstwerken, Denkmalen und politischen Diskursen unter Anwendung semiotischer Mythentheorien (nach Barthes) und geschichtswissenschaftlicher Konzepte zur Nationsbildung (z.B. von Hroch).
Der Hauptteil analysiert chronologisch die Rezeption des Arminius von der Entdeckung durch Humanisten über die Befreiungskriege bis hin zur Instrumentalisierung im Kaiserreich.
Schlüsselbegriffe sind Arminiusmythos, Nationsbildung, Identitätsbildung, Erinnerungsorte, Symbolpolitik und Kollektives Gedächtnis.
Während er in den Befreiungskriegen zur Mobilisierung gegen äußere Feinde diente, fungierte er im Kaiserreich primär als staatssichernde Mahnung zur inneren Einheit.
Die Lücken und subjektiven Deutungen römischer Autoren boten den perfekten Resonanzboden für spätere Generationen, den Mythos den eigenen ideologischen Bedürfnissen anzupassen.
Das Denkmal dient als zentrales Anschauungsobjekt für die semiotische Analyse des Mythos und verdeutlicht die verschiedenen Stadien der politischen Funktionalisierung.
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