Diplomarbeit, 2006
143 Seiten, Note: 1,5
Einleitung
1. These I: Die Marktökonomie des digitalen Kapitalismus intensiviert die Arbeit, entgrenzt die moderne Arbeitsgesellschaft mit seinen geschlechtsspezifischen Implikationen und ignoriert die reproduktive Arbeit und Leistung von Frauen und Männern - dadurch Privatisierung dieses Problems und den damit verbundenen Kosten jeglicher Art - gleichzeitig nutzt der Markt die reproduktive Arbeit als kostenlose Ressource
1.1. Die Arbeitsgesellschaft
1.1.1. Was ist Arbeit?
1.1.2. Arbeit in der Postmoderne
1.1.2.1. Charakteristika der Postmoderne
1.1.2.2 Die Arbeitsgesellschaft der Postmoderne
1.1.2.3. Geschlechterentgrenzung und Abwertungsprozesse der Reproduktionsarbeit in der postmodernen Arbeitsgesellschaft
1.2. Zusammenhänge zwischen Arbeit und Familie
1.2.1. Erwerbsarbeitsbeteiligung von Eltern
1.2.2. Arbeit, Elternschaft und Zeit
2. These II: Die Familie ist eine brüchige Basis für die heile Welt – Traditionalisierungsschub und Überforderungstendenz des Systems Familie im Spagat zwischen Integrations- und Funktionsaspekt
2.1. Was sind Familien?
2.2. Familienentwicklung und Haushalt
2.3. Wandel der Familie im Spiegel der amtlichen Statistik
2.3.1. Familienformen in der Haushaltsstatistik
2.3.2. Materielle Situation der Familien mit Kindern
2.3.2.1.Einkommenssituation von Familien
2.3.2.2. Wohnen
2.3.2.3. Ausgaben für die Lebenshaltung
2.4. pTheoretisch-soziologische Zugänge zu Familie
2.4.1. Strukturfunktionale Systemtheorie der Familie
2.4.2. Neuere Systemtheorie nach Luhmann
2.4.3. Interaktionistische Familientheorie
2.5. Ambivalente Strukturen und Bewältigungskonstellationen
2.6. Familie als Institution
2.6.1. Familienrhetoriken
2.6.2. Verrechtlichungstendenzen von Familie
2.7. Leistungen von Familien
3. These III: Kindheit – eine segregierte, minorisierte und machtvoll ohnmächtige Daseinsform, die den Betreuungspersonen den Spagat der Integration in eine kinderfeindliche Welt abverlangt
3.1. Was ist Kindheit?
3.2. Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf die Kindheit
3.2.1. Kinder als Außenseiter der Gesellschaft?
3.2.1.1.„Schonraum Kindheit“
3.2.1.2. Die Evolutionsbiologisch anthropologische Sicht
3.2.1.3. Der Wert von Kindern
3.2.2. Charakteristik der Kindheit in komplexen Gesellschaften
3.2.2.1.Wandel der Eltern-Kind-Beziehung und Auswirkungen auf die Kindheit
3.2.2.2. Wandel der modernen Kindheit
3.3. Auswirkungen auf die Elternschaft
3.3.1. Auswirkungen der veränderten Eltern-Kind-Beziehung auf die Elternschaft
3.3.1.1. Modernes Exposé
3.3.1.2. Avandgardistisches Exposé
3.3.1.3. Elterlicher Umgang mit den neuen Herausforderungen
3.3.2. Auswirkungen und Anforderungen der gewandelten Kindheit auf die Eltern
4. These IV: Familiale Arbeit liegt im Spannungsfeld zwischen Frustration und Abwertung und Möglichkeiten persönlicher Sinntiefen und Entwicklung
4.1. Geschlechterverhältnisse und die darin eingelassene Bewertung und Verteilung der familialen Arbeit
4.1.1. Philosophisches
4.1.2. Muttermythos und Geschlechterschmerz
4.1.3. Kulturelle Fesseln der Verteilung von Reproduktionsarbeit
4.1.3.1. Soziologie der Partnerschaft oder: Warum die Reproduktionsarbeit einseitig zu Lasten der Frau bleibt
4.1.3.2. Geschlechterkontrakttheorie
4.1.3.3. Empirie der Ungleichheit in familialen Lebensformen
4.1.4. Care und Bürgerrechte sowie die Privatisierung der Sorge
4.2. Zur Charakteristik von Familienarbeit
4.2.1. Auswirkungen eines Biographiewechsels
4.2.2. Regeln der der Familienarbeit
4.2.3. Warum manche trotzdem noch Eltern werden
5. These V: Menschen im reproduktionsfähigen Alter entscheiden sich aus Verantwortungsbewusstsein für weniger Kinder, da sie, wenn sie sich für Kinder entscheiden, diese auch intensiv begleiten möchten
5.1. Demographie
5.1.1 Demographische Entwicklung in Deutschland
5.1.2. Auswirkungen der demographischen Entwicklung
5.1.3. Muster generativen Verhaltens
5.1.4. Zur Kritik der Bevölkerungswissenschaft
5.2. Generatives Verhalten im Spannungsfeld von Natur und Kultur
5.3. Was die individuelle Entscheidung für oder gegen Kinder beeinflusst
5.3.1. Hürden des Kinderwunsches
5.3.2. Kinderlosigkeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen des tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels von Arbeitsgesellschaft, Familie und Kindheit auf die moderne Elternschaft. Die zentrale Forschungsfrage ist dabei, wie die Intensivierung der Marktökonomie sowie veränderte strukturelle Anforderungen an die Erziehung von Kindern den Alltag von Eltern prägen, zu welchen Frustrationen oder Bewältigungsstrategien dies führt und warum sich Menschen trotz dieser erschwerten Bedingungen für die Elternschaft entscheiden.
1.1.1. Was ist Arbeit?
Laut dem Lexikon für Politik ist Arbeit folgendermaßen definiert: „A. ist eine spezifisch menschliche sowohl körperliche als auch geistige Tätigkeit, die vor allem dazu dient, die zur Existenzsicherung notwendigen Mittel zu beschaffen. Sie stellt aber auch immer eine technisch-kulturell geprägte Form der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umwelt dar. A. ist insofern ein gestaltender, schöpferisch-produzierender und sozialer, zwischen Individuen vermittelnder Akt. A. ist von zentraler Bedeutung für die Verteilung individueller Lebenschancen, das Selbstwertgefühl und die Stellung des einzelnen in der Gesellschaft.
Eine engere ökonomische Definition bindet den Begriff A. ausschließlich an die zur Herstellung von Gütern und Dienstleistungen - über Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt - vermittelte und entlohnte Erwerbs-A. Im politisch-ökonomischen Sinne ist A. der wichtigste Produktionsfaktor, der als Grundlage zur Entwicklung der Faktoren Boden, Kapital und technischer Fortschritt dient. Aus dieser Sicht wird auch zwischen Produktions- und Reproduktions-A. unterschieden und letztere traditionell insbesondere Frauen zugewiesen. Die Reproduktions-A. wird ausschließlich oder parallel zur Erwerbs-A. als Haus-, Familien-, Erziehungs- und Pflege-A. unentgeltlich ausgeübt. Die Unterscheidung nach selbständiger und unselbständiger A. zielt auf das Über- und Unterordnungsverhältnis (Weisungsbefugnis) im A.-Prozess und auf die Verantwortung für das Ergebnis der A. Die A.-Leistung selbst kann allerdings nicht von der jeweiligen Person des A.-Leistenden getrennt werden und ist erheblich von den gegebenen, durch Planung, Organisation und soziale Überlegungen beeinflussbaren A.-Bedingungen abhängig.
1. These I: Die Marktökonomie des digitalen Kapitalismus intensiviert die Arbeit, entgrenzt die moderne Arbeitsgesellschaft mit seinen geschlechtsspezifischen Implikationen und ignoriert die reproduktive Arbeit und Leistung von Frauen und Männern - dadurch Privatisierung dieses Problems und den damit verbundenen Kosten jeglicher Art - gleichzeitig nutzt der Markt die reproduktive Arbeit als kostenlose Ressource: Dieses Kapitel analysiert den Wandel der Arbeitsgesellschaft hin zum digitalen Kapitalismus und die damit einhergehende Abwertung der unbezahlten Reproduktionsarbeit.
2. These II: Die Familie ist eine brüchige Basis für die heile Welt – Traditionalisierungsschub und Überforderungstendenz des Systems Familie im Spagat zwischen Integrations- und Funktionsaspekt: Hier wird die Familie als soziales System untersucht, das trotz Individualisierung gesellschaftlichen Integrationserwartungen ausgesetzt ist, die häufig zu Überforderung führen.
3. These III: Kindheit – eine segregierte, minorisierte und machtvoll ohnmächtige Daseinsform, die den Betreuungspersonen den Spagat der Integration in eine kinderfeindliche Welt abverlangt: Das Kapitel befasst sich mit dem Konstrukt der Kindheit in komplexen Gesellschaften und den Anforderungen, die dies an Eltern stellt, ihre Kinder in einer für sie oft feindlichen Umwelt zu schützen und zu fördern.
4. These IV: Familiale Arbeit liegt im Spannungsfeld zwischen Frustration und Abwertung und Möglichkeiten persönlicher Sinntiefen und Entwicklung: Hier liegt der Fokus auf der täglichen Familienarbeit, deren Belastung durch eine geringe gesellschaftliche Wertschätzung geprägt ist, während sie gleichzeitig für Eltern eine bedeutende Quelle der Sinnerfahrung darstellt.
5. These V: Menschen im reproduktionsfähigen Alter entscheiden sich aus Verantwortungsbewusstsein für weniger Kinder, da sie, wenn sie sich für Kinder entscheiden, diese auch intensiv begleiten möchten: Das letzte Kapitel analysiert demographische Entwicklungen und die psychologischen sowie sozioökonomischen Gründe, warum sich Menschen heute für weniger Kinder und eine intensivere Begleitung entscheiden.
Reproduktionsarbeit, Arbeitsgesellschaft, Familie, Kindheit, Elternschaft, Geschlechterverhältnisse, demographischer Wandel, Kinderarmut, Individualisierung, Sorgearbeit, Familienarbeit, Geschlechterrollen, Marktökonomie, Sozialisation, Erwerbsbiographie.
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen dem gesellschaftlichen Wandel von Arbeitswelt, Familie und Kindheit sowie deren konkrete Auswirkungen auf die heutige Elternschaft.
Die Schwerpunkte liegen auf der Krise der Reproduktionsarbeit, den soziologischen Familientheorien, der veränderten Konstruktion von Kindheit sowie der individuellen Entscheidungsfindung im Kontext demographischer Entwicklungen.
Das Ziel ist es, das "Leiden an der Reproduktion" in der heutigen Gesellschaft zu analysieren und zu verdeutlichen, dass Kinderarmut und Kinderlosigkeit weniger individuelle Egoismen widerspiegeln, sondern strukturelle Probleme der Vereinbarkeit darstellen.
Die Arbeit nutzt eine soziologische Analyse, die auf verschiedenen Thesen basiert und systemtheoretische sowie interaktionistische Ansätze verknüpft, um das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in Bezug auf Familienarbeit zu beleuchten.
Der Hauptteil gliedert sich in fünf Thesen, die den Druck durch den digitalen Kapitalismus, die Ambivalenzen der modernen Familie, die Segregation von Kindheit, die Belastung durch familiale Arbeit und die Motive für generatives Verhalten detailliert ausführen.
Die zentralen Begriffe sind Reproduktionsarbeit, Elternschaft, Individualisierung, Geschlechterrollen, Sorgearbeit und demographischer Wandel.
Der Titel hinterfragt kritisch, ob gesellschaftlich die Anerkennung und die Rahmenbedingungen für die Sorgearbeit (Reproduktion) im Zuge der marktwirtschaftlichen Intensivierung verschwinden oder entwertet werden.
Es hat sich ein Wandel vom autoritären Erziehungsstil hin zu einer emotionalisierten, auf "Wachsen lassen" basierenden Beziehung entwickelt, die von Eltern ein wesentlich höheres Maß an reflexiver Zuwendung und Ressourcenmanagement erfordert.
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