Examensarbeit, 2006
139 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
2. Erinnerung und Gedächtnis – Zur (Re-)Konstruktion von Vergangenheit
2.1 Der gesellschaftspolitische Umgang mit der NS-Vergangenheit
2.1.1 Erinnerungsdiskurse in Deutschland
2.1.2 Globalisierung der NS-Vergangenheit
2.2 Das kollektive Gedächtnis
2.2.1 Das kommunikative Gedächtnis
2.2.2 Das kulturelle Gedächtnis
2.3 Zum Verhältnis von Gedächtnis, Literatur und Geschichte
3. (Re-)Konstruktionen von Vergangenheit in aktuellen Prosatexten
3.1 „Am Beispiel meines Bruders“ von Uwe Timm
3.1.1 Uwe Timm - Aufarbeitung deutscher Vergangenheit und eigene Identitätssuche
3.1.2 Die Familie Timm – (Re-)Konstruktion von Vergangenheit durch mündliche Erzählungen
3.1.3 (Re-)Konstruktion von Vergangenheit anhand von Briefen und Tagebucheinträgen
3.1.4 Die Loyalitätsbeziehungen innerhalb der Familie Timm
3.2 „Unscharfe Bilder“ von Ulla Hahn
3.2.1 Das intergenerationelle Gespräch – ein Versuch „blinde Flecken“ zu füllen
3.2.2 Die Wehrmachtsausstellung – kulturelles und kommunikatives Gedächtnis
3.2.3 Hahns Plädoyer für „unscharfe Bilder“
3.3 „Der Verlorene“ von Hans-Ulrich Treichel
3.3.1 Der Ich-Erzähler – Bedrohung der Identität
3.3.2 Die Darstellung der Nachkriegsjahre – Die Dominanz der Vergangenheit in der Gegenwart
4. Zusammenfassung und Ausblick
Die vorliegende Arbeit untersucht aus literaturwissenschaftlicher Perspektive die (Re-)Konstruktion von Vergangenheit in der aktuellen deutschen Literatur. Ziel ist es zu analysieren, wie in den ausgewählten Romanen „blinde Flecken“ bzw. Leerstellen im kollektiven Geschichtsbewusstsein dargestellt und der Wahrnehmung zugeführt werden, wobei insbesondere die Transformation von Täter- in Opferperspektiven kritisch hinterfragt wird.
1. Einleitung
„Die Zukunft der Vergangenheit hat begonnen, und sie wird eine Gegenwart sein, in der uns nicht mehr die Überlebenden zu unserem Geschichtsbewusstsein verhelfen. Wir werden uns selber helfen müssen.“ So schilderte der Historiker Norbert Frei im Jahre 2004 die gegenwärtige Situation der Gedenkkultur in Deutschland. Im folgenden Jahr jährte sich der Tag des Kriegsendes am 8. Mai zum 60. Mal und zwei Tage später wurde das „Mahnmal für die ermordeten Juden in Europa“ in Berlin mit einem feierlichen Festakt eröffnet, so dass das Jahr 2005 ganz im Zeichen von Erinnerung und Gedenken stand.
Doch gerade dieses Mahnmal hatte zuvor eine Debatte über das Für und Wider veranlasst, die als beispiellos in der deutschen Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten gelten kann. Die Kritiker befürchteten, dass mit der Errichtung eines Denkmals in der Hauptstadt der Bundesrepublik ein „Schlussstrich“ unter die Erinnerungsarbeit an den Holocaust gezogen werden könnte, während Befürworter in der Erbauung einen weiteren Schritt zur Anerkennung der deutschen Schuld sahen.
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle deutsche Gedenkkultur und führt in die Thematik der „blinden Flecken“ im Geschichtsbewusstsein ein, die Gegenstand der literaturwissenschaftlichen Untersuchung der Arbeit sind.
2. Erinnerung und Gedächtnis – Zur (Re-)Konstruktion von Vergangenheit: Dieses Kapitel erarbeitet die theoretischen Grundlagen zum gesellschaftspolitischen Umgang mit der NS-Vergangenheit sowie zu den Konzepten des kollektiven, kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses.
3. (Re-)Konstruktion von Vergangenheit in aktuellen Prosatexten: Der Hauptteil analysiert exemplarisch die Werke von Uwe Timm, Ulla Hahn und Hans-Ulrich Treichel hinsichtlich ihrer literarischen Darstellung von Vergangenheitsbewältigung und familiären Erinnerungsstrukturen.
4. Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit resümiert die Analyseergebnisse und betont die Bedeutung der Literatur als Medium, um Leerstellen im kollektiven Gedächtnis zu füllen und kritische Perspektiven auf die deutsche Geschichte zu eröffnen.
Erinnerungskultur, Holocaust, Nationalsozialismus, kollektives Gedächtnis, kommunikatives Gedächtnis, kulturelles Gedächtnis, Familienroman, Generationenkonflikt, Uwe Timm, Ulla Hahn, Hans-Ulrich Treichel, Täter-Opfer-Verhältnis, Leerstellen, Geschichtsbewusstsein, Literaturwissenschaft.
Die Hausarbeit setzt sich aus literaturwissenschaftlicher Perspektive mit der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit im Nationalsozialismus auseinander, insbesondere mit der Art und Weise, wie diese in der aktuellen Literatur rezipiert und (re-)konstruiert wird.
Zentrale Schwerpunkte sind der Paradigmenwechsel in der deutschen Erinnerungskultur, die Rolle des Familiengedächtnisses sowie der Umgang mit den „blinden Flecken“ der Geschichte, etwa Flucht, Vertreibung und die Rolle der Wehrmacht.
Das Ziel ist die Untersuchung der Frage, wie zeitgenössische Romane mit literarischen Mitteln versuchen, verdrängte oder verschwiegene Aspekte der NS-Zeit zu thematisieren und dabei die moralische Integrität der Elterngeneration kritisch zu hinterfragen.
Die Arbeit nutzt einen interdisziplinären Ansatz, der literaturwissenschaftliche Textanalysen mit Gedächtnistheorien (insbesondere Jan und Aleida Assmann) und sozialpsychologischen Erkenntnissen (Harald Welzer) verbindet.
Im Hauptteil werden drei Romane analysiert: Uwe Timms „Am Beispiel meines Bruders“, Ulla Hahns „Unscharfe Bilder“ und Hans-Ulrich Treichels „Der Verlorene“. Dabei wird untersucht, wie diese Werke familiäre Erinnerungskonstruktionen und Identitätssuchen abbilden.
Die wichtigsten Schlagworte sind Erinnerungskultur, Nationalsozialismus, Familiengedächtnis, Generationenkonflikt, Identitätskonstruktion und Literatur als Medium des Gedächtnisses.
Im Gegensatz zu vielen anderen Werken, die eine unkritische Opferrolle der Deutschen betonen, wählt Timm einen nüchternen, fast berichtsartigen Ansatz, der die familiäre Loyalität kritisch durchbricht und sich der moralischen Schuldverstrickung des Bruders und Vaters schonungslos stellt.
Die Ausstellung dient in „Unscharfe Bilder“ als katalytischer Auslöser für das intergenerationelle Gespräch zwischen Vater und Tochter, indem sie die Diskrepanz zwischen öffentlichem Geschichtswissen und der privaten, verdrängten Erinnerung des Vaters sichtbar macht.
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