Diplomarbeit, 2006
111 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
2. Staatskonzepte
2.1. Soziologische Staatstheorie von Max Weber
2.2. Juristische Staatlichkeit – der Staat im Völkerrecht
2.3. Sicherheit, Wohlfahrt, Legitimität – die drei Kernfunktionen von Staatlichkeit
3. Theorien zum Staatszerfall
3.1. Das Konzept des Neopatrimonialismus
3.2. Renos Konzept des afrikanischen Staates als „shadow state“
3.3. Wallensteens Konzept der „under-consolidated“ und „over-extended states“
3.4. Zartmans Extremfall des „collapsed state“
3.5. Indikatoren von Staatenzerfall bei Baker/Ausnik, Norton/Miskel und der „State Failure Task Force“
3.6. Synthese: Indikatoren von Staatenzerfall im Fallbeispiel Sierra Leone
3.7. Münklers Konzept der Neuen Kriege
4. Der Staat in Afrika
5. Überblick über die geschichtliche Entwicklung Sierra Leones nach der Unabhängigkeit
5.1. Die Entwicklung Sierra Leones von der Unabhängigkeit bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges
5.2. Die Entwicklung Sierra Leones von Beginn des Bürgerkrieges 1991 bis zu den Wahlen 2002
6. Begünstigende Faktoren von Staatszerfall und Bürgerkrieg in Sierra Leone auf internationaler Ebene
6.1. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone als Spill-over-Effekt des Konflikts in Liberia?
6.2. Der Einfluss Nigerias und der ECOMOG
6.3. Die UN-Mission UNAMSIL als Stabilitätsanker für einen fragilen Frieden?
6.4. Zwischenfazit: Bewertung der äußeren Einflussfaktoren
7. Strukturfaktoren auf nationaler Ebene
7.1. Demographische Faktoren und die Verknappung von natürlichen Ressourcen
7.2. Cleavages innerhalb der Gesellschaft Sierra Leones
7.3. Das koloniale Erbe – „Ruling through traditional chiefs“
7.4. Der illegale Diamantenhandel als Quelle des Konflikts?
7.5. Zwischenfazit: Bewertung der Strukturfaktoren auf nationaler Ebene
8. Prozessfaktoren von Staatszerfall und Bürgerkrieg in Sierra Leone auf nationaler Ebene
8.1. Die Etablierung neopatrimonialer Strukturen
8.2. Der Aufbau eines Schattenstaates unter Siaka Stevens
8.3. Reformversuche unter Momoh
8.4. Wirtschaftliche und sozialen Folgen des Verfalls staatlicher Strukturen
8.5. Zwischenfazit: Bewertung der Privatisierung staatlicher Funktionen durch Stevens und Momoh
9. Der Bürgerkrieg als letzter Anstoß zum Kollaps der staatlichen Strukturen
9.1. Die Entstehung der RUF
9.2. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone – vom Groll zur Gier?
9.3. Andere Akteure während des Bürgerkrieges
9.4. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone als Neuer Krieg?
9.5. Zwischenfazit
10. Resümee
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen des Staatenzerfalls und des Bürgerkriegs in Sierra Leone im Zeitraum von 1991 bis 2002. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage verfolgt, welche endogenen und exogenen Faktoren zur Erosion der staatlichen Strukturen führten und inwiefern diese Prozesse durch politisches Handeln der Eliten sowie internationale Einflüsse begünstigt wurden.
3.1 Das Konzept des Neopatrimonialismus
Abgeleitet ist der Begriff des Neopatrimonialismus von Max Webers Herrschaftstypologie. Unter Patrimonialismus versteht Max Weber einen Fall von traditioneller Herrschaft, in dem der Fürst die Ausübung der Regierung über sein Territorium ebenso organisiert wie die Ausübung seiner Hausgewalt, sich also auf einen ihm persönlich verantwortlichen Verwaltungs- und Militärapparat stützt. Eine Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Sphäre existiert im Patrimonialismus nicht. Die persönliche Autorität des Herrschers, der ungebunden durch Gesetze seine Macht durch ihm loyale Klienten durchsetzt, garantiert eine selektive Sicherheit für die Bevölkerung.
Die rational-bürokratische Herrschaft bei Max Weber grenzt sich von dieser Form traditioneller Herrschaft dadurch ab, dass hier eine klare Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre vorgenommen wird. Übertragen auf die afrikanischen Verhältnisse ist Neopatrimonialismus als „personalisierte Machtausübung durch alle gesellschaftlichen Ebenen hindurch“ anzusehen.
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Staatenzerfalls in Westafrika ein und stellt die These auf, dass der Zusammenbruch in Sierra Leone durch ein Bündel an endogenen und exogenen Faktoren erklärt werden muss.
2. Staatskonzepte: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe der Staatlichkeit anhand soziologischer und juristischer Theorien sowie der Kernfunktionen Sicherheit, Wohlfahrt und Legitimität.
3. Theorien zum Staatszerfall: Hier werden theoretische Ansätze wie der Neopatrimonialismus, das Konzept des „shadow state“ und Münklers „Neue Kriege“ zur Erklärung von Staatszerfallsprozessen vorgestellt.
4. Der Staat in Afrika: Dieses Kapitel erörtert die historische Entwicklung und die spezifischen Herausforderungen des postkolonialen Staates in Afrika.
5. Überblick über die geschichtliche Entwicklung Sierra Leones nach der Unabhängigkeit: Eine historische Darstellung der politischen Entwicklung Sierra Leones von der Unabhängigkeit 1961 bis zum Ende des Bürgerkriegs 2002.
6. Begünstigende Faktoren von Staatszerfall und Bürgerkrieg in Sierra Leone auf internationaler Ebene: Untersuchung externer Einflüsse, insbesondere der Auswirkungen des liberianischen Konflikts sowie der Rolle von Nigeria, ECOMOG und UNAMSIL.
7. Strukturfaktoren auf nationaler Ebene: Analyse langfristiger Faktoren wie demografischem Druck, ethnischen Cleavages und dem kolonialen Erbe für die Staatsschwäche.
8. Prozessfaktoren von Staatszerfall und Bürgerkrieg in Sierra Leone auf nationaler Ebene: Untersuchung der Etablierung neopatrimonialer Strukturen und der Privatisierung staatlicher Funktionen unter den Regimes von Stevens und Momoh.
9. Der Bürgerkrieg als letzter Anstoß zum Kollaps der staatlichen Strukturen: Detaillierte Analyse der Entstehung der RUF, des Verlaufs des Krieges und der Transformation der beteiligten Akteure.
10. Resümee: Dieses Kapitel fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen und bestätigt die These, dass der Staatenzerfall das Resultat eines komplexen Zusammenspiels innergesellschaftlicher und internationaler Faktoren ist.
Staatenzerfall, Sierra Leone, Bürgerkrieg, Neopatrimonialismus, Shadow State, RUF, ECOMOG, UNAMSIL, Diamantenhandel, politische Elite, Klientelismus, Konfliktanalyse, fragile Staatlichkeit, Ressourcenfluch, Postkolonialismus.
Die Arbeit analysiert die Ursachen für den Zerfall staatlicher Strukturen und den darauffolgenden zehnjährigen Bürgerkrieg in Sierra Leone.
Die Arbeit fokussiert sich auf Theorien zum Staatszerfall, die Analyse neopatrimonialer Herrschaftsstrukturen, die Auswirkungen internationaler Akteure sowie die Rolle ökonomischer Ressourcen wie Diamanten.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie ein komplexes Bündel aus innergesellschaftlichen Missständen und externen Einflussfaktoren zur Erosion des Staates in Sierra Leone führte.
Die Arbeit verwendet eine qualitative Analyse und den Vergleich von Fallstudien auf Basis der Drei-Mal-drei-Felder-Matrix von Ulrich Schneckener.
Der Hauptteil befasst sich mit der historischen Entwicklung Sierra Leones, der Analyse nationaler Struktur- und Prozessfaktoren sowie der Untersuchung internationaler Einflussfaktoren und des Bürgerkriegs als neuem Kriegstypus.
Staatenzerfall, Neopatrimonialismus, Shadow State, RUF, Diamantenhandel und fragile Staatlichkeit.
Der Diamantenhandel diente als Hauptfinanzquelle für die RUF und korrupte Eliten, was den Konflikt durch ökonomische Anreize verlängerte und die staatlichen Institutionen schwächte.
Die Arbeit kritisiert die ECOMOG-Mission aufgrund ihrer zweifelhaften Legitimation, der einseitigen Parteinahme für die Regierung und der teils destruktiven Rolle nigerianischer Truppen.
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass der Bürgerkrieg in Sierra Leone viele Merkmale neuer Kriege (Ökonomisierung, nichtstaatliche Akteure) aufweist, warnt jedoch davor, diese mit dem Etikett „neu“ zu stark von klassischen Kriegen abzugrenzen.
Der Autor schließt, dass die politischen Eliten eine zentrale Verantwortung für den Staatszerfall tragen, merkt aber an, dass sie in einem von strukturellen Defiziten geprägten System agierten.
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