Bachelorarbeit, 2007
69 Seiten, Note: 2,0
1. Einleitung
2. Verteilungsgerechtigkeit und Kompensation
2.1 Warum Verteilen ein Problem der Gerechtigkeit ist
2.1.1 Soziale Ungleichheit
2.1.2 Formen der Verteilungsgerechtigkeit
2.1.3 Bedarfsprinzip
2.1.4 Leistungsprinzip
2.2 Chancen und Gerechtigkeit
2.2.1 Bildung und Einkommen
2.2.2 Vererbte Ungleichheiten – schichtspezifischer Zugang zu Bildung
2.2.3 Gerechtigkeitsvorstellungen der Deutschen
2.2.4 Von der Chancengleichheit zur Chancengerechtigkeit
3. John Rawls „Theorie der Gerechtigkeit“
3.1 Das Ziel der Gerechtigkeit
3.2 Der Urzustand und die Wahl der Grundsätze
3.3 Der Vorrang der Freiheit
3.4 Prinzipien der Verteilung
3.4.1 Ansprüche auf Grundgüter und Existenzminimum
3.5 Die Rolle der Chancengleichheit in der Theorie der Gerechtigkeit
3.6 Rawls und die Chancengerechtigkeit
4. Amartya Sens „Verwirklichungschancen-Ansatz“
4.1 Freiheit und Unterschiedlichkeit von Menschen
4.2 Capabilities and functionings
4.3 Der „evaluative space“ und interpersonale Vergleiche
4.4. Sen und die Chancengerechtigkeit
5. Schluss
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, einen definierten Begriff der Chancengerechtigkeit an den Gerechtigkeitstheorien von John Rawls und Amartya Sen zu messen, um zu prüfen, inwieweit diese Theorien soziale Kompensationen im Sinne einer gerechten Chancenverteilung rechtfertigen können.
1. Einleitung
Der Vorsitzende der FDP, Guido Westerwelle, sagte in einer Rede auf dem Dreikönigstreffen der FDP im Januar 2005: „Sozial ist eben nicht die noch so intelligente Verteilung von staatlichen Leistungen. Sozial ist, was Arbeit schafft.“ Wird der etwas inhaltsleere Begriff des Sozialen ergänzt durch Begriffe wie Gerechtigkeit oder Solidarität, um die es in dieser Rede auch ging, dann scheint der FDP-Vorsitzende den gesamten Gerechtigkeitsdiskurs der vergangen Jahrzehnte absichtlich oder unabsichtlich auf einmal vom Tisch zu wischen und ihn auf einen kleinen Teilausschnitt zusammenzuschmelzen. Soziale Gerechtigkeit sei demnach ein bloßes Messinstrument gesellschaftlicher Effizienz und eine Gesellschaft dann gerecht, wenn alle oder wenigstens der größte Teil in Lohn und Brot stünden. Dass sich die Frage nach sozialer Gerechtigkeit nicht ganz so einfach beantworten lässt, zeigt schon der Unwille vieler Menschen einen Arbeitsplatz anzunehmen, der nicht ihren Qualifikationen entspricht oder aber beispielsweise die Unzufriedenheit mit einer lediglich befristeten Stelle. Das Gerechtigkeitsempfinden hat also auch etwas mit Zufriedenheit mit der eigenen sozialen Lage zu tun oder allgemeiner gesagt: mit dem Wohlbefinden.
Manche Eltern müssen ihre Kinder über immer längere Zeiträume finanziell unterstützen und bekommen im Alter weniger zurück: die Umkehrung des Generationenvertrags. Ein anderer Aspekt ist also die mangelnde Perspektive, die beklagt wird, denn eine Teilzeitarbeit oder ein bezahltes Praktikum tragen selten zum persönlichen Fortschritt oder sozialen Aufstieg bei. Gerechtigkeit lässt sich nicht nur auf Effizienz reduzieren, sie ist eine moralische Forderung. Soziale Ungleichheit liegt vor, wenn „Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den wertvollen Gütern einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten.“ Aus dem Tatbestand der sozialen Ungleichheit lassen sich dann Gerechtigkeitsforderungen ableiten, wenn systematische Vor- oder Nachteile mit einer sozialen Position verbunden sind. Dass bestimmte Berufe oder Positionen mit mehr oder weniger Gehalt verbunden sind, bedeutet nicht zwangsläufig, dass es auch ungerecht zugeht. Ungerecht wäre es aber, wenn systematische Ungleichheiten z.B. aufgrund des Geschlechts oder der Schichtzugehörigkeit produziert würden.
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den aktuellen Diskurs um soziale Gerechtigkeit in Deutschland und führt den Begriff der Chancengerechtigkeit als moralische Forderung ein.
2. Verteilungsgerechtigkeit und Kompensation: Dieses Kapitel analysiert soziale Ungleichheit, verschiedene Gerechtigkeitsprinzipien und die Bedeutung von Bildungschancen in Deutschland.
3. John Rawls „Theorie der Gerechtigkeit“: Eine tiefgehende Untersuchung von Rawls' Grundsätzen, dem Urzustand und der Rolle der Chancengleichheit in seinem Modell.
4. Amartya Sens „Verwirklichungschancen-Ansatz“: Analyse des Capability Approachs als Gegenentwurf, der individuelle Fähigkeiten und tatsächliche Freiheiten stärker in den Fokus rückt.
5. Schluss: Abschließende Betrachtung, die festhält, dass soziale Kompensation heute nicht mehr nur über materielle Umverteilung, sondern über die Maximierung individueller Verwirklichungschancen erfolgen sollte.
Chancengerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit, John Rawls, Amartya Sen, Capability Approach, Verteilungsgerechtigkeit, soziale Ungleichheit, Bildungszugang, Grundgüter, Verwirklichungschancen, Differenzprinzip, Sozialstaat, Freiheit, Leistung, Kompensation.
Die Arbeit untersucht, wie soziale Ungleichheit durch das Prinzip der Chancengerechtigkeit legitimiert werden kann und ob die Gerechtigkeitstheorien von Rawls und Sen diesen Anforderungen genügen.
Die zentralen Themen sind Verteilungsgerechtigkeit, Bildungsungleichheit, die Kritik an bestehenden Gerechtigkeitskonzeptionen sowie der Vergleich zwischen dem Rawls'schen Modell und dem Capability Approach.
Das Ziel ist es, den Begriff der Chancengerechtigkeit theoretisch herzuleiten und zu messen, inwieweit Rawls und Sen zur Lösung heutiger Probleme der sozialen Ungleichheit beitragen können.
Die Arbeit nutzt die Analyse und den kritischen Vergleich zweier bedeutender politisch-philosophischer Gerechtigkeitstheorien sowie eine Einbettung in die empirische Realität des deutschen Sozialstaats.
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Verteilungsgerechtigkeit, die detaillierte Untersuchung der Rawls’schen Theorie sowie eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Verwirklichungschancen-Ansatz von Amartya Sen.
Wesentliche Begriffe sind Chancengerechtigkeit, Capability Approach, Differenzprinzip, soziale Mobilität, Verwirklichungschancen und Gerechtigkeitsdiskurs.
Während Rawls den Fokus auf die Grundstruktur einer Gesellschaft und die faire Verteilung von Grundgütern legt, betont Sen die tatsächlichen individuellen Möglichkeiten und Freiheiten (Capabilities) eines Menschen.
Der Autor kritisiert, dass Rawls’ Prinzip fairer Chancen oft zu kontraintuitiven Ergebnissen führt und die individuelle Bedürfnis- und Fähigkeitsstruktur sowie den intergenerationellen Aspekt der Ungleichheit vernachlässigt.
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