Magisterarbeit, 2005
112 Seiten, Note: 2
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Einleitung
Teil I: Geschichte und Gegenwartssituation von Mensch und Welt und die Notwendigkeit des Weltethos
1. Die Achsenzeit - ein epochaler Paradigmenwechsel
1.1. Die Kumulation der Bewußtseinsentwicklung in der Achsenzeit
1.2. Die geschichtlichen Auswirkungen der Achsenzeit
2. Die Jetztzeit - ein globaler Paradigmenwechsel
2.1. Die wesentlichen Ursachen des derzeitigen Paradigmenwechsels
2.2. Parallelen der Achsenzeit zur Postmoderne
3. Perspektiven der Zukunft
Teil II: Der Mensch zwischen Welt und Transzendenz - Zu Karl Jaspers Menschenbild
4. Die Frage nach dem Sein des Menschen
4.1. Die Weisen des Seins im Raume des Umgreifenden
4.1.1. Zum Begriff des Umgreifenden
4.2. Das Umgreifende als das Sein an sich
4.3. Das Umgreifende, das der Mensch ist
4.3.1. Die objektiven Weisen des Menschseins
4.3.2. Die Existenz als mögliche Seinsweise des Menschen
4.4. Die Vernunft als Bindeglied und das Beziehungsgeflecht der Weisen des Umgreifenden
5. Die Möglichkeiten des existentiellen Seins des Menschen
5.1. Freiheit als Grundbedingung existentieller Entfaltung
5.1.1. Freiheit als Wille, Wahl und Entschluß
5.1.2. Freiheit und Notwendigkeit
5.1.3. Freiheit zum Du
5.2. Das Zu-sich-selbst-Kommen in der Kommunikation
5.2.1. Die objektiven Weisen der Kommunikation
5.2.2. „Einsamkeit“ und „liebender Kampf“ - Zu Problematik und Prozeß der existentiellen Kommunikation
5.2.3. Grenzenlose Kommunikation als Weg zum Menschen oder: Kommunikation aus dem „philosophischen Glauben“
5.3. Das Sich-selbst-Verwirklichen in den Grenzsituationen
5.3.1. Das Erfahren der Existenz in der Grenzsituation „Tod“
Teil III: Der Mensch als „ethische Existenz“ - Karl Jaspers´ Ethikverständnis in Auseinandersetzung mit Hans Küngs „Projekt Weltethos“
6. Die ethische Lebenshaltung des existentiellen Menschen
6.1. Das Prinzip des Unbedingten im existentiellen Sein des Menschen
6.1.1. Das unbedingte Sein des existentiellen Menschen
6.1.2. Das ethische Bewußtsein des existentiellen Menschen
6.2. Ethisches Handeln als „existentielles Sollen“
6.2.1. Das Beispiel der Lüge
7. Ethische Existenz und die Moral der Religionen
7.1. Philosophischer Glaube und Offenbarungsglaube - Eine ethische Kontroverse
7.1.1. Die Begründung des ethisch Unbedingten aus einem philosophischen Glauben und aus dem Offenbarungsglauben
7.1.2. Das Unbedingte aus deontologischer und teleologischer Perspektive und die Rolle der Vernunft im religiösen Denken
7.2. Kategorien moralisch-sittlichen Verhaltens aus ethischer Existenz
7.2.1. Die Stufenfolge ethisch-sittlichen Handelns im Verhältnis von Gut und Böse
7.2.2. Möglichkeiten moralisch-sittlichen Verhaltens aus ethischer Existenz
7.3. Die Goldene Regel als handlungsleitendes Prinzip
7.3.1. Die Mehrdeutigkeit der Goldenen Regel
7.3.2. Die Frage der Akzeptanz der Goldenen Regel
Schlußbetrachtung
Die vorliegende Arbeit untersucht das Menschenbild von Karl Jaspers und dessen Potenzial als philosophisches Fundament für Hans Küngs „Projekt Weltethos“. Das zentrale Ziel ist es, zu eruieren, ob eine globale Verständigung über ethische Grundwerte lediglich durch Appelle an die Vernunft möglich ist, oder ob es dazu eines grundlegend neuen Bewusstseins bedarf, welches aus der existenziellen Erfahrung des Einzelnen erwächst.
4.1. Die Weisen des Seins im Raume des Umgreifenden
Wenn der Mensch aus der Ungeborgenheit und Not seines Daseins heraus zu fragen beginnt, warum die Dinge sind, wer er selbst ist und was Wahrheit sei, muß er erst einmal erkennen, daß es „vielerlei Sein“ gibt.
Da ist zunächst die den Menschen umgebende gegenständlich-sinnliche Welt mit ihren innerweltlichen Dimensionen von Natur und Energie, aber auch Raum und Zeit oder den menschlichen Gedankenkonstruktionen und Phantasien, kurz: das Sein als das Wirkliche - als Objektsein. Diese Wirklichkeit aber zerfällt bei näherem Hinsehen in viele Wirklichkeiten, die sich vielleicht verflüchtigen wie beispielsweise ein Gedanke, der nicht auch durch Anschauung zur Erfahrung und dadurch zu einer von ebenso vielen Wahrheiten geworden ist. Das Objektsein ist also die Vorstellung eines Ganzen der empirischen Welt, soweit sie nicht in unmittelbarem Bezug zum Menschen selbst steht, sozusagen noch ein Sein an sich oder ein Ansichsein, wie Jaspers es formuliert.
Ein anderes und dem Objektsein gegenüber ist das Sein als Ichsein. Ich erlebe mich selbst als ein „Ich bin“ und bin es in dieser Weise einzig nur für mich. Für andere kann ich als unbestimmte Person durchaus auch Objekt sein, oder ich kann versuchen, mich selbst und meine Stellung in der Welt objektiv zu betrachten. In meinem Ichsein erfahre ich mich also zum einen ganz als ich selbst, zum anderen jedoch auch als Teil einer Ganzheit, die Ich und Welt in sich vereint, indem ich mir beider Seinsweisen und eines Mehr bewußt werde.
1. Die Achsenzeit - ein epochaler Paradigmenwechsel: Untersuchung der historischen Epoche, in der sich das menschliche Selbstbewusstsein fundamental von einem mythischen zu einem rationalen Denken wandelte.
2. Die Jetztzeit - ein globaler Paradigmenwechsel: Analyse der gegenwärtigen Krise der Lebensverhältnisse, die eine Transformation des Bewusstseins im Sinne eines Weltethos erfordert.
3. Perspektiven der Zukunft: Erörterung der Notwendigkeit, angesichts einer globalisierten Welt transnationale und transkulturelle Lebenswerte aus einem „Unbedingten“ zu schöpfen.
4. Die Frage nach dem Sein des Menschen: Darstellung der philosophischen Ontologie Jaspers', in der der Mensch als „Umgreifendes“ zwischen Immanenz und Transzendenz verortet wird.
5. Die Möglichkeiten des existentiellen Seins des Menschen: Untersuchung der Bedingungen für die Entfaltung echter Existenz durch Freiheit, Kommunikation und Grenzsituationen.
6. Die ethische Lebenshaltung des existentiellen Menschen: Begründung eines aus dem Selbstsein erwachsenden ethischen Sollens, das über bloße moralische Normen hinausgeht.
7. Ethische Existenz und die Moral der Religionen: Kontroverse zwischen philosophischem Glauben und Offenbarungsglauben sowie deren Bedeutung für moralisches Handeln in einer Weltgemeinschaft.
Karl Jaspers, Hans Küng, Projekt Weltethos, Existenz, Transzendenz, Achsenzeit, ethische Existenz, Philosophie, Freiheit, Kommunikation, Gewissen, Unbedingtes, Umgreifendes, Philosophischer Glaube, Goldene Regel
Die Arbeit untersucht das Menschenbild von Karl Jaspers und dessen Bedeutung für das „Projekt Weltethos“ von Hans Küng. Es wird analysiert, wie eine ethische Existenz, die aus einem tiefen, inneren Seinsverständnis entspringt, als Grundlage für ein friedliches globales Zusammenleben dienen kann.
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der Philosophie der Existenz von Jaspers, der Analyse historischer und gegenwärtiger Paradigmenwechsel, der Bedeutung von Kommunikation und Freiheit für das Selbstwerden sowie der Auseinandersetzung zwischen philosophischem Glauben und der Moral der Weltreligionen.
Ziel ist es, zu klären, ob Aufrufe zu einem Weltethos allein ausreichen, um eine gerechte Weltordnung zu schaffen, oder ob es zur Verwirklichung solcher Ideale grundsätzlich eines „neuen Menschen mit einem neuen Bewusstsein“ bedarf, das durch existenzielle Philosophie gewonnen wird.
Die Arbeit nutzt die philosophisch-analytische Methode. Sie stützt sich primär auf die Interpretation und Auseinandersetzung mit Karl Jaspers' existenzphilosophischen Hauptschriften sowie auf den Diskurs mit den Dokumentationen und Beiträgen zu Hans Küngs „Projekt Weltethos“.
Im Hauptteil werden die Weisen des Seins im Raume des „Umgreifenden“ (Dasein, Bewusstsein überhaupt, Geist, Existenz) dargelegt. Zudem wird der Prozess der Existenzerhellung in Grenzsituationen (wie dem Tod) und die Rolle des Gewissens als moralische Instanz im ethischen Handeln detailliert beschrieben.
Zu den zentralen Begriffen zählen die Existenz, die Transzendenz, das Umgreifende, der „liebende Kampf“, die existentielle Kommunikation, die Goldene Regel sowie die Unterscheidung zwischen dem philosophischen Glauben und dem Offenbarungsglauben.
Grenzsituationen wie der Tod oder die eigene Schuld führen den Menschen an die Grenzen seines Daseins. Jaspers zeigt, dass die schmerzliche, aber erschütternde Erfahrung dieser Grenzen den Menschen zwingt, sich nicht mehr nur als Dasein zu begreifen, sondern den Sprung zur eigentlichen Existenz und einem verantworteten Handeln zu wagen.
Die Autorin verdeutlicht durch die Analyse von Hans Reiner, dass die Goldene Regel zwar eine universale Grundformel darstellt, jedoch in ihrer Anwendung (Einfühlungsregel, Autonomieregel, Klugheitsregel) zu unterschiedlichen moralischen Interpretationen führt. Sie erfordert daher immer eine eigenständige, situationsbezogene Gewissensentscheidung des Handelnden.
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