Bachelorarbeit, 2007
76 Seiten, Note: 1,0
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Begriffsbestimmungen
1.3 Forschungsstand
1.4 Methodik und Quellen
1.5 Aufbau
2 Theoretischer Rahmen
2.1 Policy-Transfer
2.2 Konditionalität
2.2.1 Finanzielle und politische Konditionalität
2.2.2 Vor- und Nachteile von Konditionalität
2.2.3 Die Mitgliedschaftskonditionalität der EU: Instrumente, Dimensionen und Probleme
3 Minderheitenschutz in der EU
3.1 Ansatz der EU: Individuelle Rechte versus Gruppenrechte und doppelter Standard
3.2 Rechtliche Bestimmungen
3.3 Minderheitenschutz in der Außendimension
4 Minderheiten in Estland
4.1 Historischer Hintergrund der Minderheitenproblematik in Estland
4.2 Konträre Definitionen des Minderheitenbegriffs
5 Analyse
5.1 Kriterien: „Wirksamkeit“
5.2 Unterzeichnung völkerrechtlicher Verträge unter dem Druck der EU
5.3 Gesetzgebung und politische Praxis
5.3.1 Die Staatsangehörigkeitsgesetzgebung
5.3.2 Politische Partizipation
5.3.3 Antidiskriminierung
5.3.4 Die sprachliche Dimension
5.3.5 Bildung
5.4 Maßnahmen zur Integration
5.4.1 Staatsangehörigkeit
5.4.2 Politische und gesellschaftliche Partizipation
5.4.3 Antidiskriminierung
5.4.4 Die sprachliche Dimension
5.4.5 Bildung und Kultur
5.5 Zwischenfazit: Ist der Minderheitenschutz in Estland gewährleistet?
6 Schlussbetrachtung
6.1 Fazit
6.2 Ausblick
7 Quellen- und Literaturverzeichnis
7.1 Primärquellen
7.2 Sekundärliteratur
7.3 Zeitungsartikel
7.4 Internetquellen
7.5 Befragung
Diese Arbeit untersucht die Wirksamkeit der EU-Konditionalität als Instrument zum Policy-Transfer im Bereich des Minderheitenschutzes am Beispiel der russischsprachigen Minderheit in Estland zwischen 1991 und 2006. Die zentrale Forschungsfrage lautet, inwieweit demokratische Konditionalität ein geeignetes Mittel darstellt, um Minderheitenrechte erfolgreich von der europäischen auf die nationale Ebene zu übertragen.
1.1 Problemstellung
Mit dem Beitritt von acht mittel- und osteuropäischen Staaten zur Europäischen Union (EU) am 1. Mai 2004 ist gleichzeitig eine große Anzahl an ethnischen Minderheiten zu Einwohnern der EU geworden. Mit ihnen rückte ein neues Politikfeld auf die Agenda der EU: der Minderheitenschutz. Zu seiner Gewährleistung in den neuen Mitgliedstaaten stellte die EU 1993 mit den Kopenhagener Kriterien Bedingungen auf, die ausdrücklich auf die Notwendigkeit eines umfassenden Minderheitenschutzes in den Beitrittskandidaten verwiesen. Im Blickfeld der EU standen dabei besonders der Schutz der Rechte der Sinti und Roma in Mittel- und Osteuropa sowie der russischsprachigen Minderheit im Baltikum.
Gegenstand dieser Arbeit ist die russischsprachige Minderheit in der Republik Estland (im Folgenden: „Estland“), die knapp ein Drittel der Bevölkerung des nördlichsten Staates des Baltikums ausmacht. Die Krawalle in Tallinn im April 2007, ausgelöst durch den Abbau eines sowjetischen Kriegerdenkmals, zeigen deutlich, dass das Spannungsverhältnis zwischen der Titularnation und der russischsprachigen Minderheit noch immer ein großes Gewaltpotenzial birgt.
Den Beginn dieses Spannungsverhältnisses markieren der Zusammenbruch der Sowjetunion (UdSSR) sowie die Wiedererlangung der Unabhängigkeit Estlands 1991. Die Neuorganisation des estnischen Staates erfolgte anhand ethnischer Linien; alle anderen ethnischen Gruppen wurden von der politischen und wirtschaftlichen Umgestaltung ausgeschlossen und hatten so kein politisches Forum, ihre eigenen Rechte einzufordern. Erst nach heftiger Kritik internationaler Akteure und später auch estnischer Akademiker konnten sich in Estland erste Maßnahmen zum Minderheitenschutz im Zuge einer beginnenden Integrationspolitik entwickeln, die in der Literatur auch als „Ethno-Nationalismus“ (Lauristin/ Heidmets 2002: 47) bezeichnet wird.
Um in Estland einen mit europäischen und völkerrechtlichen Normen konsistenten Minderheitenschutz zu gewährleisten, wandte die EU demokratische Konditionalität in Form von Beitrittskriterien an. Ziel dieser Arbeit ist, den Wirksamkeitsgrad dieses Instruments zu bestimmen. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob sich demokratische Konditionalität eignet, eine Policy – in diesem Falle den Minderheitenschutz – von der europäischen auf die nationale Ebene zu übertragen.
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problemstellung des Minderheitenschutzes in Estland ein, definiert die verwendeten Begrifflichkeiten und erläutert die methodische Vorgehensweise sowie den Aufbau der Arbeit.
2 Theoretischer Rahmen: Hier werden die Grundlagen des Policy-Transfers sowie die Theorie der Konditionalität, insbesondere der demokratischen und Acquis-Konditionalität, analysiert und als Analyseinstrumente für die Arbeit aufbereitet.
3 Minderheitenschutz in der EU: Dieses Kapitel befasst sich mit dem historischen und rechtlichen Ansatz der EU zum Minderheitenschutz, beleuchtet den Konflikt zwischen individuellen Rechten und Gruppenrechten und diskutiert die Außen- sowie Binnendimension der EU-Politik.
4 Minderheiten in Estland: Der Fokus liegt auf dem historischen Hintergrund der Minderheitenproblematik seit der Unabhängigkeit Estlands sowie einer kritischen Auseinandersetzung mit den konträren Definitionen des Minderheitenbegriffs.
5 Analyse: Den Hauptteil bildend, untersucht dieses Kapitel anhand der selbst entwickelten Kriterien die estnische Gesetzgebung, politische Praxis und Integrationsmaßnahmen und bewertet deren Wirksamkeit im Kontext der EU-Konditionalität.
6 Schlussbetrachtung: Dieses Kapitel zieht ein Fazit über die Wirksamkeit der Konditionalität als Instrument zum Policy-Transfer und wagt einen Ausblick auf die zukünftige Entwicklung des Minderheitenschutzes in Estland.
7 Quellen- und Literaturverzeichnis: Hier sind sämtliche verwendete Primär- und Sekundärquellen, Internetquellen sowie die durchgeführte Befragung dokumentiert.
Europäische Union, Estland, Minderheitenschutz, Konditionalität, Policy-Transfer, Integrationspolitik, Staatsangehörigkeitsrecht, Russische Minderheit, Menschenrechte, Demokratisierung, Compliance, Minderheitenrechte, Politische Partizipation, Nation-Building, Transformation.
Die Arbeit untersucht, ob die Europäische Union durch die Anwendung von Konditionalität erfolgreich Standards für den Minderheitenschutz in Estland etablieren konnte und wie effektiv dieses Instrument den politischen Wandel beeinflusst hat.
Zu den zentralen Themen gehören die Theorie des Policy-Transfers, das Konzept der politischen Konditionalität, der rechtliche Status von Minderheiten innerhalb der EU sowie die spezifische gesellschaftliche und politische Situation der russischsprachigen Minderheit in Estland.
Das primäre Ziel ist es, den Wirksamkeitsgrad der demokratischen Konditionalität der EU bei der Übertragung des Minderheitenschutzes von der europäischen auf die nationale Ebene Estlands zu bewerten.
Die Untersuchung basiert auf einer Primär- und Sekundärquellenanalyse, ergänzt durch Informationen aus Zeitungsartikeln und einer Expertenbefragung. Zudem wurde ein eigenes theoretisches Analyseschema entwickelt.
Der Hauptteil analysiert konkret die estnische Gesetzgebung, die politische Praxis, Antidiskriminierungsmaßnahmen sowie den Bereich Bildung und Kultur im Kontext der EU-Vorgaben.
Wichtige Begriffe sind EU-Konditionalität, Minderheitenschutz, Policy-Transfer, Estland, russischsprachige Minderheit, Staatsangehörigkeitsrecht und politische Partizipation.
Die EU fördert liberale Standards und Minderheitenrechte, während Estland stark auf nationalstaatliche Traditionen und das ius sanguinis-Prinzip setzt, was die Integration der russischsprachigen Bevölkerung erschwert.
Obwohl die EU legislative Anpassungen erzwingen konnte, fehlte es oft an einem nachhaltigen internen Konsens (Ownership) in Estland, weshalb einige Maßnahmen eher deklaratorischer Natur blieben oder nur vordergründig dem Beitrittsstreben dienten.
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