Fachbuch, 2008
91 Seiten
Einleitung
Der Beitrag der Psychoanalyse
Die Bedeutung der frühen Kindheit
Zur Bindungstheorie
Familie, Erziehungsstil und psychoanalytische Theorie
Neurotische Formen der Kriminalität nach Alexander/Staub u.a.
Psychopathische Formen der Kriminalität
Zusammenfassung
Der Beitrag des Behaviorismus
Der lerntheoretische Ansatz
Die Theorie der differentiellen Assoziation von Sutherland
Die Theorie der differentiellen Gelegenheiten von CLOWARD/OHLIN
Zur Medienwirksamkeitsforschung
Zusammenfassung
Der Beitrag der geschlechtsspezifischen Sozialisationsforschung
Zur Sozialisation der Jungen
Zur Bedeutung der Mutter in der Kleinkindzeit
Problematische Mutter-Rollen
Die Rolle des Vaters
Problematische Rollen als Vater
Der Mythos der männlichen Überlegenheit
Die Erwartungen der Eltern an die Söhne
Jungen in der Schule
Schulische Überlegenheit der Mädchen
Männer und Alkohol
Männer und Homosexualität
Zur Sozialisation der Mädchen
Krankheit und Heilung:
Schönheitsideal oder Schlankheitswahn?
Geschlechtsspezifische Aspekte
Zusammenfassung
Der Beitrag des Interaktionismus
Der labeling-approach von Sack
Akten-Analyse von Brusten/Müller
Kriminalität als Resultat eines Interaktionsprozesses
Totale Institutionen nach GOFFMAN
Verbrecher-Stereotyp und Dunkelziffer-Problematik
Definitions-, Interaktions- und Selektionsprozesse nach SACK und BECKER
White-Collar-Kriminalität nach SUTHERLAND
Zusammenfassung
Diskussion
Der Beitrag der sozialstrukturellen Anomietheorie
Die ursprüngliche Anomietheorie von DURKHEIM
Die Anomietheorie von MERTON
Die Theorie der Bandendelinquenz von COHEN
Die Subkulturtheorie von Miller
Zusammenfassung
Diskussion
Zur Aktualität der Anomietheorie
Anomische Strukturen der Postmoderne
Desintegrationstendenzen der postmodernen Gesellschaft
Der Beitrag des Marxismus
Kriminalität als unbewusster Protest des Proletariats
Entfremdung als Ursache abweichenden Verhaltens
Ein Beispiel für Klassenrecht nach K. MARX
Kritik der Klassenjustiz
Zusammenfassung
Der Beitrag der Sozialpsychologie
Ansätze bei Freud in „Totem und Tabu"
Vergeltung, Sühne und Rache bei ALEXANDER/STAUB
Die Funktion der Strafjustiz in Klassengesellschaften
Die Straflust der autoritären Persönlichkeit
Zusammenfassung
Diskussion
Der Beitrag der Sexualwissenschaft
Sexualunterdrückung nach W. REICH
Kulturanthropologische Studien
Die sexualwissenschaftlichen Thesen REICHs
Freie Erziehung nach NEILL
Abweichendes Verhalten durch Sexualunterdrückung
Resultate empirischer Sexualforschung
Zusammenfassung
Das Ziel der Arbeit ist es, eine Einführung in die vielfältigen sozialwissenschaftlichen Theorien zu geben, die abweichendes und kriminelles Verhalten erklären. Dabei wird explizit auf eine täterzentrierte psychologische Sichtweise verzichtet und stattdessen gesellschaftliche, zwischenmenschliche und erzieherische Einflüsse in den Vordergrund gestellt, um ein kritischeres Verständnis für Kriminalisierungsprozesse und die Funktion von Strafjustiz und Sozialisation zu fördern.
Neurotische Formen der Kriminalität nach Alexander/Staub u.a.
Kriminalität als neurotisches Konfliktlösungsmuster hat die Psychoanalyse wohl am meisten beschäftigt. Die Ursachen der Grundstruktur neurotischer Krimina-lität liegen in den Sozialisationsbedingungen der frühen Kindheit, in der zu starke und rigide Identifikations- oder Unterwerfungsprozesse stattgefunden haben. Das daraus resultierende viel zu strenge und tyrannische Über-Ich reißt die Herrschaft über die Gesamtpersönlichkeit an sich und unterdrückt die Triebansprüche des Es rigoros. Die Triebansprüche des Es können nicht modifiziert und verarbeitet werden und verfallen strikter Verdrängung. Äußere Konfliktsituationen oder Durchbrüche verdrängter und aufgestauter Triebimpulse bahnen sich möglicherweise in symbolischen kriminellen Handlungen einen Weg zur Motilität. Der kriminellen Handlung liegen keine bewussten Motive zugrunde, sondern die Tat fungiert als ein alloplastisches neurotisches Symptom. Alloplastisch bedeutet nach außen gewendet. Alle Triebansprüche, besonders sexuelle Regungen, werden von einem tyrannischen Gewissen verdrängt und in Schach gehalten, so dass sie sich unter Umständen nur in symbolischer Form einen Weg zur Befriedigung bahnen können.
Der Feuerteufel, der Pyromane, der von mächtigen Regungen unbewusst dazu getrieben wird, Brände zu legen (und dabei oftmals sexuell erregt wird oder gar Orgasmus hat), oder der Kleptomane, der zwanghaft wieder und wieder bestimmte oft unnütze Dinge stehlen muß, sind wohl klassische Beispiele für neurotische Kriminalität. FREUD hat auch den „Verbrecher aus Schuldgefühl"beschrieben, der von unbewussten Schuldgefühlen, z. B. wegen Onanie, Phantasien oder verbotener Wünsche, zur kriminellen Tat getrieben wird, und der es oft so einzurichten versteht, dass er auch schnell erwischt wird. Nach Tilman MOSER besteht das Gros der Jugendkriminalität aus solcher neurotischen Kriminalität, die durch pubertäre Triebschübe ausgelöst wird (MOSER 1970). Das Wissen um neurotisch bedingte Kriminalität, um die Existenz eines Verbrechens aus Schuldgefühl, ist deshalb so wichtig, weil die Massenmedien normalerweise ein Bild vom Verbrecher zeichnen, das sich durch zielgerichtetes Handeln, wohlüberlegte Bereicherungssucht und volle Zurechnungsfähigkeit auszeichnet.
Der Beitrag der Psychoanalyse: Untersucht Kriminalität als Symptom für frühkindliche Störungen und neurotische Konfliktlösungsmuster, wobei die Bedeutung von Identifikation und Gewissensbildung im Zentrum steht.
Der Beitrag des Behaviorismus: Betrachtet Kriminalität als erlerntes Verhalten durch Modell-Lernen und differentielle Kontakte zu delinquenten Milieus.
Der Beitrag der geschlechtsspezifischen Sozialisationsforschung: Analysiert, wie Rollenbilder und Sozialisationserfahrungen von Jungen und Mädchen zu unterschiedlichen Formen abweichenden Verhaltens führen.
Der Beitrag des Interaktionismus: Fokussiert auf den Etikettierungs-Ansatz und die Rolle von Kontrollinstanzen bei der Konstruktion von Kriminalität durch Stigmatisierung und Selektionsprozesse.
Der Beitrag der sozialstrukturellen Anomietheorie: Erklärt abweichendes Verhalten durch das Auseinanderklaffen von kulturell definierten Zielen und realen Chancen in der Sozialstruktur.
Der Beitrag des Marxismus: Versteht Kriminalität als (oft unbewussten) Protest gegen Klassenjustiz, Entfremdung und die ökonomischen Bedingungen des Kapitalismus.
Der Beitrag der Sozialpsychologie: Untersucht die sozialen Funktionen von Bestrafung und das Bedürfnis der Gesellschaft nach Sündenböcken sowie die Rolle der autoritären Persönlichkeit.
Der Beitrag der Sexualwissenschaft: Analysiert den Zusammenhang zwischen repressiver Sexualmoral und der Entstehung antisozialer sowie krimineller Impulse.
Kriminalität, abweichendes Verhalten, Psychoanalyse, Sozialisation, Anomietheorie, Labeling-Approach, Klassenjustiz, Entfremdung, Sexualmoral, Stigmatisierung, Selektionsprozesse, autoritäre Persönlichkeit, Sozialstruktur, Jugendkriminalität, Interaktionismus.
Das Buch bietet eine Einführung in verschiedene sozialwissenschaftliche Theorieansätze zur Erklärung von abweichendem und kriminellem Verhalten, wobei der Fokus auf gesellschaftlichen Strukturen und Sozialisationsprozessen liegt.
Die zentralen Themen umfassen die Psychoanalyse, den Behaviorismus, geschlechtsspezifische Sozialisation, den Interaktionismus (Labeling-Approach), die Anomietheorie, den Marxismus, Sozialpsychologie und Sexualwissenschaft.
Das Ziel ist es, den Blick von einer rein täterzentrierten Kriminologie hin zu einer sozialwissenschaftlichen Analyse zu verschieben, die gesellschaftliche Rahmenbedingungen und den Einfluss von Kontrollinstanzen in den Vordergrund stellt.
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der kritischen Zusammenführung und Diskussion bestehender soziologischer, psychologischer und kriminologischer Theorieansätze sowie empirischer Studien basiert.
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene theoretische Beiträge, die das abweichende Verhalten jeweils aus der Sicht ihrer spezifischen Disziplin (z.B. Psychoanalyse, Marxismus, Anomietheorie) beleuchten und deren praktische Relevanz, etwa für die Strafjustiz oder Prophylaxe, diskutieren.
Wichtige Begriffe sind Kriminalität, Sozialisation, Stigmatisierung, Klassenjustiz, Anomie, Entfremdung und Sexualmoral.
Laut dem Text wurzelt neurotische Kriminalität in einem zu strengen Über-Ich und dient als alloplastisches Symptom zur Entlastung bei unbewussten Schuldgefühlen, während die psychopathische Form aus defizitären Sozialisationsprozessen und einer Schwäche des Über-Ichs resultiert.
Sie besagt, dass kriminelles Verhalten wie alles andere Verhalten gelernt wird, indem eine Person innerhalb ihres Sozialisationsprozesses häufige, intensive und priorisierte Kontakte zu kriminellen Gruppenkulturen unterhält.
Dieser Ansatz legt dar, dass Kriminalität keine inhärente Eigenschaft eines Individuums ist, sondern durch soziale Definitionen, Stigmatisierung und die Aktivitäten von Kontrollinstanzen (wie Justiz und Polizei) erst als solche konstruiert wird.
Der Marxismus kritisiert, dass das Rechtssystem und die Strafjustiz ein Machtinstrument der herrschenden Klassen sind, um die eigenen Interessen zu sichern und die Unterklassen durch selektive Strafverfolgung sowie einseitige Definitionen von Recht und Unrecht in Schach zu halten.
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