Fachbuch, 1999
216 Seiten
Vorwort
Das unheimlich schweigende Land
Bertolt Brecht: Buckower Elegien (1953)
Einige Besonderheiten der späten Lyrik Brechts
Entfremdung und Verfremdung
Mühen der Ebenen?
Der einsame Segler
Überall zu Hause - überall fremd
Christa Wolf: Nachdenken über Christa T. (1968)
Das Motiv der Entfremdung bei Christa Wolf
Der Bruch mit der Kulturpolitik - Voraussetzungen des Textes
Sozialistischer Realismus und modernes Erzählen
Die Schwierigkeit, ”wir” zu sagen
Der Schlachtplan
Heiner Müller Zement (1972)
Das Weiße im Auge der Geschichte
Stücke im Stück
Befreiung der Lebenden und Toten
Die Intermedien
Erstes Intermedium: Das Ende des blindwütigen Schlachtens
Zweites Intermedium: Die Befreiung des Prometheus als Rettung der Götter
Drittes Intermedium: Der Bauplan Herakles'
Vom Teufelspakt zum Teufelskreis
Volker Braun Hinze-Kunze-Roman (1985)
Abweichungen von der Linie des Erzählens
Das ungleiche Paar: Verhältnisse von Hinze und Kunze
Eine utopische Körperschaft
Die leichteste Weise der Existenz: Kunst
Der Schluss: das Ende
Die Arbeit untersucht das literarische Potenzial von DDR-Literatur, Entfremdungsprozesse in der sozialistischen Gesellschaft darzustellen und durch eine nuancierte, subjektive Schreibweise kritisch zu hinterfragen, um so den Dialog zwischen Individuum und Gesellschaft neu zu beleben.
Das unheimlich schweigende Land
Bertolt Brecht: Buckower Elegien (1953)
Von Entfremdung wird hier vorerst wenig zu reden sein. Von Entfremdung wird in der DDR erst dann geredet werden, wenn es die eigenen Widersprüche des Sozialismus sind, mit denen Entfremdung als seine Gefährdung angesehen wird. Das geschieht, nachdem die Mauer steht, zu Beginn der sechziger Jahre. Hier ist es noch die Vergangenheit, die den Blickwinkel bestimmt, von ihr aus werden die Widersprüche der neuen Gesellschaft, die am 17. Juni 1953 zum eruptiven Ausbruch führen, erörtert. Noch ist es andere Angst, die dominiert, es ist Angst, die aus der deutschen Geschichte stammt. Vor allem geht es um die Folgen des Faschismus. Von den dreißiger Jahren an bis zum Tode Brechts ist Entfremdung, die Brecht kaum interessiert, für ihn vermutlich Teil dessen, was den Kapitalismus vor allem ausmacht: Ausbeutung und Unterdrückung der proletarischen Klasse, bis dahin, daß die Vernichtung nicht nur dieser Klasse droht, sondern die ganzer Völker und, wenn nicht Einhalt geboten werden kann, der ganzen Menschheit, die in seinen Untergang hineingezogen wird.
Das unheimlich schweigende Land: Analysiert Brechts späte Lyrik und die Auswirkungen des 17. Juni 1953 auf sein Werk und seine Wahrnehmung von Entfremdung.
Überall zu Hause - überall fremd: Untersucht Christa Wolfs Roman „Nachdenken über Christa T.“ als Ausdruck der Suche nach Individualität und Übereinstimmung im Sozialismus.
Der Schlachtplan: Analysiert Heiner Müllers „Zement“ im Kontext historischer Erfahrungen und der Darstellung von Revolution und Entfremdung.
Vom Teufelspakt zum Teufelskreis: Behandelt Volker Brauns „Hinze-Kunze-Roman“ als satirische Auseinandersetzung mit der Erstarrung sozialistischer Herrschaftsverhältnisse.
DDR-Literatur, Entfremdung, Sozialismus, Literaturtheorie, Bertolt Brecht, Christa Wolf, Heiner Müller, Volker Braun, Subjektivität, Geschichtsbewusstsein, Individuum, Gesellschaft, Herrschaftsverhältnisse, Realismus, Ästhetik.
Die Arbeit analysiert vier zentrale Autoren der DDR-Literatur – Bertolt Brecht, Christa Wolf, Heiner Müller und Volker Braun – hinsichtlich ihrer literarischen Auseinandersetzung mit dem Begriff und der Erfahrung von Entfremdung im Kontext der sozialistischen Gesellschaft.
Zentrale Themen sind das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, der Bruch mit politischer Ideologie, die Reflexion über Geschichte und die Suche nach authentischen Ausdrucksformen in einer verfestigten politischen Struktur.
Ziel ist es, die Aktualität und literarische Kraft dieser Texte aufzuzeigen, indem sie nicht als historisch abgeschlossene Dokumente, sondern als kritische, suchende Auseinandersetzung mit den Widersprüchen des modernen Lebens interpretiert werden.
Der Autor nutzt Ansätze der literarischen Hermeneutik und der Begriffsgeschichte, um durch detaillierte Textinterpretationen den geschichtlichen Entstehungskontext der Werke zu rekonstruieren und ihre Wirkungsmöglichkeiten zu befragen.
Der Hauptteil gliedert sich in vier große Abschnitte, die jeweils einen der genannten Autoren und deren spezifische Entfremdungskonstellationen, etwa Brechts Elegien oder Müllers Zement-Adaption, ausführlich interpretieren.
Die wichtigsten Schlagworte sind Entfremdung, DDR-Literatur, Sozialismus, Subjektivität, Gesellschaftskritik, Herrschaftsverhältnisse und literarische Moderne.
Der Autor zeigt auf, wie Literatur oft in einem spannungsvollen, konfliktgeladenen Prozess zwischen dem Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz und der Zensur der offiziellen Kulturpolitik stand, wobei er besonders die „Sklavensprache“ oder Satire als Mittel zur Artikulation von Kritik hervorhebt.
Die Figur des Knechts dient bei Braun dazu, die festgefahrenen, paradoxen Herrschaftsstrukturen im Sozialismus zu offenbaren, in denen der Knecht durch das Einverständnis mit dem Pakt seine eigene Unterdrückung mitproduziert.
Brecht nutzt die Elegie nicht mehr als reines Klagegenre, sondern wandelt sie um, um darin ein schmerzhaftes Nicht-Vorwärtskommen nach dem 17. Juni 1953 zu artikulieren und gleichzeitig den Dichter als handelndes, suchendes Subjekt zu positionieren.
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