Doktorarbeit / Dissertation, 2007
281 Seiten
1. Die Grundlagen der Polizeikontrolle
1.1 Ein Exempel aus der polizeilichen Praxis: „Die Bernauer Wache“
1.2 Beschreibung des staatlichen Gewaltmonopols
1.2.1 Das Monopol physischer Gewaltsamkeit
1.2.2 Bestimmung des Begriffes „Polizei“ im Sinne der Fragestellung
1.2.3 Organisation der Polizei in der Bundesrepublik Deutschland
1.2.4 Regelungen für das Polizeihandeln
1.2.5 Sachliche Zuständigkeit
1.2.6 Aufgabe der Gefahrenabwehr
1.2.7 Repressive Aufgaben
1.2.8 Befugnisse
1.3 Machtbegrenzende Regelungen
1.3.1 Rechtsstaatsprinzipien
1.3.1.1 Gewaltenteilung
1.3.1.2 Verfassungsbindung aller staatlichen Gewalt
1.3.1.3 Gesetzmäßigkeit der Verwaltung
1.3.1.4 Wesentlichkeitstheorie
1.3.1.5 Bestimmtheitsgebot
1.3.1.6 Rechtsschutz
1.3.1.7 Verantwortungszurechenbarkeit
1.3.1.8 Willkürverbot
1.3.1.9 Begründungszwang
1.3.1.10 Anspruch auf Gehör
1.3.1.11 Öffentlichkeitsgebot
1.3.1.12 Vermutung der Rechtstreue
1.3.1.13 Legalitätsprinzip
1.3.1.14 Distanzgebot
1.3.1.15 Recht auf ein faires Verfahren
1.3.1.16 Übermaßverbot
1.3.2 Grundrechte
1.3.2.1 Menschenwürdegarantie
1.3.2.2 Freie Entfaltung der Persönlichkeit
1.3.2.3 Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit
1.3.2.4 Freiheit der Person
1.3.2.5 Gleichheitssatz
1.3.2.6 Meinungsfreiheit
1.3.2.7 Pressefreiheit
1.3.2.8 Versammlungsfreiheit
1.3.2.9 Kunstfreiheit
1.3.2.10 Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis
1.3.2.11 Freizügigkeit
1.3.2.12 Unverletzlichkeit der Wohnung
1.3.2.13 Anspruch auf effektiven Rechtsschutz
1.3.3 Weitere machtbegrenzende Grundsätze und Faktoren
1.3.3.1 Trennungsgebot
1.3.3.2 Föderaler Aufbau der Bundesrepublik
1.3.3.3 Die „Polizeifestigkeit“ des Versammlungsrechts
1.3.3.4 Richtervorbehalt
1.3.3.5 Richtermonopol
1.3.3.6 Zweckbindung von Daten
1.3.3.7 Trennung von Prävention und Repression
1.3.3.8 Strafdrohung
1.4 Gründe für eine Kontrolle
1.4.1 Konflikt mit machtbegrenzenden Regeln und Tendenz zur (legalen) Machterweiterung
1.4.2 Problem des Beamtentums als vordemokratische Institution
1.4.3 Separierung von der Gesellschaft
1.4.4 Übergriffe
1.5 Maßstäbe der Kontrolle
1.6 Voraussetzungen effektiver Kontrolle
1.7 Zusammenfassung
2. Beschreibung der bestehenden Kontrollsituation
2.1 Parlamentarische Kontrolle
2.1.1 Handlungskontrolle durch Gesetze
2.1.2 Kontrolle durch Parlamentsausschüsse
2.1.3 Kontrolle durch Pflicht zur Auskunfts- und Informationserteilung
2.1.4 Das Innenministerium als kontrollfreie Zone
2.1.5 Zusammenfassung
2.2 Juristische Kontrolle
2.2.1 Strukturbedingungen
2.2.2 Strafjustiz
2.2.2.1 Sachbearbeitung durch Polizei und Staatsanwaltschaft
2.2.2.2 Gerichtliche Entscheidungen zu einzelnen Ermittlungshandlungen
2.2.2.3 Richterliche Tätigkeit im Zwischen- und Hauptverfahren
2.2.3 Zivilrechtliche Streitigkeiten
2.2.4 Verwaltungsgerichtlicher Rechtsschutz
2.2.5 Rechtsschutz durch das Landes- und Bundesverfassungsgericht
2.2.6 Zusammenfassung
2.3 Exekutivkontrolle der Polizei
2.3.1 Dienstaufsichtsbeschwerden
2.3.2 Einsprüche gegen Bußgeldbescheide
2.3.3 Widersprüche gegen belastende Verwaltungsakte
2.3.4 Landesdatenschutzbeauftragte
2.3.5 Remonstrationen
2.3.6 Verhaltenskontrolle durch Weisungen
2.3.7 Zusammenfassung
2.4 Kontrolle durch europäische Gremien
2.5 Alternative Kontrollbemühungen
2.6 Kontrolle durch einzelne Bürger
2.7 Kontrolle durch Medien
3. Bewertung der Kontrollprozesse
4. Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Polizeien
5. Weitere Kontrollmöglichkeiten
6. Gesamtzusammenfassung und Folgerungen
Das Hauptziel der vorliegenden Arbeit ist es, Umfang und Wirkungsgrad der bestehenden Kontrollvorkehrungen für die Polizei im Land Brandenburg zu ermitteln. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, durch wen, wie und mit welchem Erfolg die Polizei, die als Exekutivorgan das staatliche Gewaltmonopol repräsentiert, einer demokratischen Kontrolle unterliegt, um individuelle Freiheitsrechte zu schützen.
1.1 Ein Exempel aus der polizeilichen Praxis: „Die Bernauer Wache“
Zu Beginn der 90er Jahre wurden vietnamesische Zigarettenverkäufer, die in Berlin und einigen ostdeutschen Städten anzutreffen waren, als eine neuartige, gravierende Gefahr für die "innere Sicherheit" Deutschlands ausgemacht. Nach der Angliederung der DDR wurden ehemalige Ostblock-Gastarbeiter nicht mehr in den Betrieben benötigt. Sie waren daher unerwünscht und wurden zunehmend rechtlos gestellt. Eine legale Arbeitsaufnahme war den meisten nicht mehr möglich und so flüchteten sich einige in den Straßenhandel mit unversteuerten Zigaretten, um auf diese Weise ihre Existenz zu sichern. Die Politik konnte nun auf dieses (hausgemachte) Kriminalitätsproblem fokussieren. Vietnamesen erschienen in den (von den Medien verstärkten) Darstellungen der "Sicherheitsexperten" pauschal als Problemgruppe. Das "organisierte Verbrechen" des Handeltreibens mit Zigaretten wurde nicht nur dramatisiert, sondern auch ethnisiert, indem alle Vietnamesen (schon aufgrund ihrer unverschuldet schlechten Lebensumstände) als im Zweifel kriminalitätsgeneigt verdächtigt wurden. Die Rede war sogar von einem "Ameisenheer" krimineller Ausländer und der Begriff "Zigarettenmafia" etablierte sich. In dieser Situation fühlte sich die Polizei berufen, besonders hart und entschlossen gegen die "Illegalen" vorzugehen. Was diese dann am Ende der Hatz im Polizeigewahrsam an Demütigungen und Schmerzen zu ertragen hatten, ist exemplarisch für den Umgang der Polizei mit solchen Menschen, die nur eine sehr geringe "Beschwerdemacht" besitzen.
Eine Mitarbeiterin der Berliner Ausländerberatungsstelle Reistrommel e.V. erfuhr im Jahre 1993 von Landsleuten ihres vietnamesischen Ehemannes, dass diese regelmäßigen Übergriffen durch Polizisten ausgesetzt waren. Beim Reistrommel e.V. gründete sie eine Arbeitsgruppe, die es sich zur Aufgabe machte, Betroffene anzusprechen und zunächst einmal Gedächtnisprotokolle zu sammeln. (Aufgrund dieser Recherchen wurde die Zahl der Polizeiübergriffe auf mehrere hundert geschätzt; nur 27 Betroffene konnten jedoch motiviert werden, ihre Erfahrungen auch schriftlich niederzulegen.)
Bereits die Lektüre der Gedächtnisprotokolle nur bezüglich der Geschehnisse in der kleinen, am Rande Berlins gelegenen Polizeiwache Bernau illustriert überdeutlich, wie massiv und alltäglich die Übergriffe waren.
1. Die Grundlagen der Polizeikontrolle: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Fundamente, das staatliche Gewaltmonopol und die machtbegrenzenden Normen, an denen polizeiliches Handeln gemessen werden muss.
2. Beschreibung der bestehenden Kontrollsituation: Hier wird die institutionelle Analyse der parlamentarischen, juristischen und exekutiven Kontrollmechanismen in Brandenburg anhand praktischer Fallbeispiele durchgeführt.
3. Bewertung der Kontrollprozesse: Dieses Kapitel unterzieht die in Kapitel 2 erfassten Kontrollsituationen einer kritischen Analyse unter Berücksichtigung der in Kapitel 1 erarbeiteten Maßstäbe.
4. Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Polizeien: Es wird untersucht, inwieweit die brandenburgischen Erkenntnisse auf andere Bundesländer übertragbar sind, wobei eine weitgehende strukturelle Identität festgestellt wird.
5. Weitere Kontrollmöglichkeiten: Dieser Abschnitt diskutiert alternative Modelle zur Verbesserung der Polizeikontrolle, wie etwa unabhängige Ermittlungsinstanzen oder Polizei-Bürgerbeauftragte.
6. Gesamtzusammenfassung und Folgerungen: Die Arbeit schließt mit einer Bilanz der Ergebnisse, die eine gravierende Diskrepanz zwischen rechtsstaatlichem Anspruch und polizeilicher Wirklichkeit aufzeigt.
Polizeikontrolle, Gewaltmonopol, Rechtsstaat, Grundrechte, Brandenburg, Polizeiarbeit, Polizeigewalt, Parlamentarische Kontrolle, Justiz, Übergriffe, Dienstaufsicht, Menschenrechte, Polizeigesetz, Machtbegrenzung, institutionelle Analyse.
Die Dissertation untersucht die Problematik der Kontrolle der Polizei als staatlichem Exekutivorgan, fokussiert auf das Land Brandenburg, und beleuchtet das Spannungsfeld zwischen polizeilicher Machtausübung und rechtsstaatlichen Begrenzungen.
Die zentralen Themen umfassen die Beschreibung des staatlichen Gewaltmonopols, machtbegrenzende rechtsstaatliche Prinzipien, verschiedene Kontrollinstanzen (Parlament, Justiz, Exekutive) sowie die Analyse polizeilicher Übergriffe.
Das Ziel ist die Ermittlung des Umfangs und des Wirkungsgrads der bestehenden Kontrollvorkehrungen, um zu beurteilen, ob diese ausreichen, um Grundrechte gegenüber der Polizei wirksam zu sichern.
Der Autor nutzt einen deskriptiv-analytischen Ansatz unter Verwendung von Parlamentsdokumenten, Gerichtsentscheidungen, Zeitungsberichten, Schriftwechseln mit Behörden sowie teilnehmender Beobachtung von Konfliktfällen.
Im Hauptteil erfolgt eine systematische Erfassung und Bewertung der Kontrollsituation. Dabei werden Theorie (Grundlagen) und Praxis (institutionelle Analyse) gegenübergestellt und kritisch hinterfragt.
Wichtige Begriffe sind Polizeikontrolle, Gewaltmonopol, Rechtsstaatlichkeit, Grundrechte, polizeiliche Übergriffe, institutionelle Unabhängigkeit und institutionelle Kontrolle.
Der Fall dient als praktisches Exempel, um das Versagen von Kontrollmechanismen anschaulich zu demonstrieren und die Notwendigkeit effektiverer Überwachungsinstanzen zu unterstreichen.
Der Autor argumentiert, dass die Polizei eine traditionell militärähnliche Struktur aufweist, die sich von der Gesellschaft abschottet und Beamte dazu anhält, sich stärker dem Staat (bzw. dem Dienstherrn) als den Bürgern verpflichtet zu fühlen.
Der Autor bemängelt eine "Hierarchie der Glaubwürdigkeit", eine oft oberflächliche Prüfung bei Anträgen (Richtervorbehalt als Formalie) und eine zu große Nähe zwischen Justiz und Polizei, die eine effektive Objektivität erschwert.
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