Wissenschaftlicher Aufsatz, 2008
42 Seiten
0. Problemaufriß
I. Methodisches
II. Enzyklopädisches
III. Weltkrieg I: „Türkenrummel“
IV. Nachkrieg I:Deutsche Schuld
V. Nachkrieg II: Gegendiskurse
VI. „ ... der Ermordete ist schuldig“
VII. Kemalismus: „Atatürkien“ als ein Armenien ohne Armenier
VIII. Nachkrieg III: „Flüchtlingsproblem“
IX. „Furchtbare Wahrheit“
X. Weltkrieg II: „Die türkische Gleichung“
XI. Epilog: Die Resolution des Deutschen Bundestags 2005 als Kontinuitätsbruch
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion und Wirksamkeit negativer Armenierbilder in Deutschland zwischen 1913 und 1943. Der Autor analysiert systematisch, wie koloniale, imperialistische und nationalsozialistische Diskurse den Völkermord an den Armeniern legitimierten oder leugneten, und reflektiert dabei die Kontinuität dieser Feindbilder innerhalb der deutschen Gesellschaft sowie deren politische Instrumentalisierung.
Methodisches
Mein wissenschaftlicher Aufsatz übers Armenierbild in deutschen Texten aus drei Jahrzehnten ist in mehrfacher Hinsicht ein ´mittlerer´ Beitrag – wenn auch nicht im fachsoziologischen Sinn Robert King Mertons („middle ranged theory“). Ich versuche erstens und durchaus ´narrativ´, eine mittlere Kontinuitätslinie, auch des „Verlusts der humanen Orientierung“ (Ralph Giordano) in Deutschland 1913-1943, nachzuzeichnen, beginne also zeitlich kurz v o r dem Destruktionsereignis im Osmanischen Staat während des Ersten Weltkriegs, das im armenischen Selbstverständnis „Medz Aghed“ (die große Katastrophe) heißt und in der (sozial-) wissenschaftlichen Forschung Völkermord, Genozid oder Armenozid (früher „Armeniermord“) genannt wird. Ich beende diese chronologisch-linear angelegte mittlere ´tour d´ horizon´ mit totalitären – neokolonialistischen, faschistischen, nationalsozialistischen - Armenierbildern.
Was die erinnernd vorgestellten Texte betrifft, so bleibe ich zweitens sowohl unterhalb der ´großen´ Erzählebene etwa von Franz Werfels zuerst 1933 erschienenem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ [6] als auch oberhalb nur fachspezialistischer Darstellungen und Hinweise, etwa der deutschen Orientologie. Als Methode wende ich, drittens, eine mittlere Erzählform an, die dadurch und deshalb wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, weil sie durch Offenlegen der Quellen intersubjektiv überprüfbar ist, gleichwohl aber einen doppelten Verzicht aufweist: nämlich sowohl auf alle Quantifizierungen als auch auf alle Vergleiche mit Armenierbildern in anderen, dem Deutschen Reich historisch vergleichbaren, europäischen Gesellschaften des genannten Zeitraums der drei Jahrzehnte.
0. Problemaufriß: Einleitung in die Thematik der Armenierbilder in Deutschland, beginnend mit einem Bericht des deutschen Botschafters von 1913.
I. Methodisches: Darlegung des narrativen Ansatzes und der diskursanalytischen Methode, die sich von quantitativen Analysen abgrenzt.
II. Enzyklopädisches: Analyse der Darstellung Armeniens in der zeitgenössischen „Enzyklopädie des Islam“ vor und nach dem Ersten Weltkrieg.
III. Weltkrieg I: „Türkenrummel“: Untersuchung der deutschen Kriegspropaganda und der ideologischen Konstruktion der deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft.
IV. Nachkrieg I:Deutsche Schuld: Aufarbeitung der nach dem Krieg publizierten kritischen Aufklärungstexte und der Rolle der Deutsch-Armenischen Gesellschaft.
V. Nachkrieg II: Gegendiskurse: Analyse der Rechtfertigungsstrategien deutscher Militärs und Politiker in ihren Memoiren nach 1918.
VI. „ ... der Ermordete ist schuldig“: Historische Einordnung des Prozesses gegen Salomon Teilirian nach der Ermordung Talaat Paschas.
VII. Kemalismus: „Atatürkien“ als ein Armenien ohne Armenier: Betrachtung der kemalistischen Politik und der Etablierung der neuen Türkei als ein Armenien ohne Armenier.
VIII. Nachkrieg III: „Flüchtlingsproblem“: Darstellung der Marginalisierung der „armenischen Frage“ in den 1920er Jahren.
IX. „Furchtbare Wahrheit“: Untersuchung der rassistischen Ideologisierung des Armenierbildes im Nationalsozialismus und der Einordnung in die NS-Rassenideologie.
X. Weltkrieg II: „Die türkische Gleichung“: Analyse der politisch-strategischen Instrumentalisierung der Türkei während des Zweiten Weltkriegs durch das NS-Regime.
XI. Epilog: Die Resolution des Deutschen Bundestags 2005 als Kontinuitätsbruch: Bewertung der Bundestagsresolution als Wendepunkt in der offiziellen deutschen Erinnerungskultur.
Armenozid, Völkermord, Deutschland, Diskurse, Osmanisches Reich, Jungtürken, Waffenbrüderschaft, Antisemitismus, Rassenideologie, Armenische Frage, Erinnerungskultur, Deutsche Schuld, Holocaust, Kemalismus, Kontinuität.
Die Arbeit analysiert die drei Jahrzehnte umfassende Geschichte der Armenierbilder in Deutschland zwischen 1913 und 1943 und untersucht, wie diese Diskurse den Genozid an den Armeniern begleiteten, rechtfertigten oder verdrängten.
Die zentralen Felder sind die Rolle Deutschlands als Verbündeter des Osmanischen Reiches, die diskursive Konstruktion antiarmenischer Feindbilder, die Leugnung des Völkermords in politischen und wissenschaftlichen Milieus sowie die Verbindung dieser Diskurse zum späteren Holocaust.
Ziel ist es, die Kontinuitätslinie des „Verlusts der humanen Orientierung“ in Deutschland aufzuzeigen und zu verstehen, wie das Wissen über den Armenozid in der deutschen Gesellschaft gehandhabt und politisch-ideologisch instrumentalisiert wurde.
Der Autor wählt einen narrativen Ansatz im Sinne einer diskursiven Textanalyse, die sich bewusst von streng quantitativen oder rein fachspezifischen Analysen abhebt, um ein breites Spektrum an zeitgenössischen Äußerungen kritisch zu kommentieren.
Der Hauptteil spannt den Bogen von den ersten Vorboten des Ersten Weltkriegs über die Zeit der Weimarer Republik bis hin zur faschistischen Ideologie im „Dritten Reich“, wobei verschiedene Textgattungen von Memoiren bis zu wissenschaftlichen Enzyklopädien analysiert werden.
Die zentralen Begriffe sind Armenozid, Völkermord, deutsch-türkische Waffenbrüderschaft, Rassenideologie, Antisemitismus und die „armenische Frage“.
Mustafa Kemal wird als zentraler Akteur analysiert, dessen „neue Türkei“ das dystopische Konzept eines „Armeniens ohne Armenier“ realisierte, was im damaligen deutschen Diskurs teilweise hymnisch unterstützt wurde.
Sie wird als bedeutender Kontinuitätsbruch gewertet, da der Bundestag zum ersten Mal die organisierte Vertreibung und Vernichtung akzeptierte, wenn auch das Wort „Völkermord“ im offiziellen Text vermieden wurde.
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