Examensarbeit, 2007
71 Seiten, Note: 1,0
1 Einleitung
2 Das Gesellschaftsbild in den Südstaaten der USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts
2.1 Das Bild der true woman
2.2 Die Entwicklung zur new woman
2.3 Handlung und Rezeption des Romans
3 Zwischen passiver Prinzessin und autonomer Göttin – die Frauenfiguren in The Awakening
3.1 Weibliche Attribute aus Grimms Märchen in Bezug auf The Awakening
3.1.1 Schlafende Schönheiten
3.1.2 Hexe und weise Frau
3.2 Ausgewählte Frauenfiguren aus der griechischen Mythologie und ihre mögliche Bedeutung für den Roman
3.2.1 Analogien zu Göttinen
3.2.1.1 Aphrodite
3.2.1.2 Athene
3.2.1.3 Artemis
3.2.2 Die Furcht vor der Zauberin
3.2.2.1 Hekate
3.2.2.2 Medea
3.2.2.3 Circe
3.2.2.4 Medusa
3.2.3 Ungehorsame Frauen
3.2.3.1 Philomel
3.2.3.2 Psyche
3.2.4 Das Bild der guten und schlechten Ehefrau in der griechischen Mythologie und in The Awakening
3.2.4.1 Edna und der Ehebruch in der griechischen Mythologie
3.2.4.2 Adèle, die brave Ehefrau
4 Eine Umkehr der Geschlechter in The Awakening – Vermännlichung und Verweiblichung
4.1 Dornröschen
4.2 Ikarus
5 Ein weiblicher Kosmos in The Awakening
5.1 Die Insel
5.2 Das Meer
5.3 Der Mond
5.4 Die Sonne
6 Schlussbetrachtung
Die Arbeit untersucht Kate Chopins Roman "The Awakening" hinsichtlich seiner symbolischen Bezüge zu Grimms Märchen und der griechischen Mythologie, um Ednas Emanzipationsprozess und ihre Kritik an den gesellschaftlichen Normen des 19. Jahrhunderts zu analysieren.
3.1.1 Schlafende Schönheiten
In mehreren Märchen kommt es vor, dass das Mädchen in einen Schlaf versetzt wird. Das kann ganz explizit sein wie bei Dornröschen, die nach dem Stich an der Spindel hundert Jahre lang schläft, oder durch den vermeintlichen Tod von Schneewittchen, die – schon im Sarg – von ihrem Prinzen wach geküsst wird. Rapunzel ist in einem Turm eingesperrt, der sie von der Außenwelt trennt, Schneeweißchen und Rosenrot werden zu Rosenbüschen. Hierbei handelt es sich um einen implizierten Schlaf, der aber nicht offen als solcher ausgesprochen wird. Der Schlaf im Märchen kann also als eine Art Verzauberung gesehen werden, die das Mädchen für eine bestimmte Zeit isoliert.
Tiefenpsychologisch betrachtet kann man diese Phase als Reifungsprozess verstehen, in dem das Mädchen seine Adoleszenz hinter sich lässt und als junge Erwachsene erwacht. Damit steht es in Verbindung mit dem Erlangen der sexuellen Reife - es verschläft sozusagen die Zeit seiner ersten Menstruation und erwacht im biologischen Sinne als Frau. In dem Märchen Dornröschen wird diese Verbindung ganz deutlich, da sie sich an der Spindel sticht und ein symbolischer Blutstropfen aus ihrem Finger quillt, bevor sie in Schlaf versinkt. Dieser Blutstropfen dürfte somit das Blut ihrer ersten Menstruation darstellen. Diann Rasch-Feja nennt zwei Formen der Reifung im Märchen: Die physisch-sexuelle Reife und die emotionale Reife, die zur Individualität führt. Damit liefert sie einen Anhaltspunkt, der sich mit Ednas Schlaf vergleichen lässt: Auch sie durchlebt eine Phase der inneren Wandlung zu einem anderen Selbstverständnis, allerdings passt ihr Erwachen nicht ganz mit dem Erwachen im Märchen zusammen, denn „das Erlangen der physischen und psychischen Reife nach der vollendeten Ablösung von den Eltern drückt sich bei den adoleszenten Mädchen [...] stets [in der] Bereitschaft zur Ehe aus.“ Davon kann in Ednas Fall keine Rede sein, eher entfernt sie sich noch von dem obligatorischen „wedlock“.
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der mythologischen Bezüge und Begründung der Herangehensweise zur Untersuchung von Chopins Gesellschaftskritik.
2 Das Gesellschaftsbild in den Südstaaten der USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Beleuchtung des historischen Hintergrunds und der Konfrontation zwischen dem "Cult of True Womanhood" und der aufkommenden "new woman".
3 Zwischen passiver Prinzessin und autonomer Göttin – die Frauenfiguren in The Awakening: Analyse der Romanfiguren durch den Vergleich mit Märchengestalten und griechischen Göttinnen.
4 Eine Umkehr der Geschlechter in The Awakening – Vermännlichung und Verweiblichung: Untersuchung der Rollenumkehr am Beispiel der Motive von Dornröschen und Ikarus.
5 Ein weiblicher Kosmos in The Awakening: Deutung der natürlichen Umgebung (Insel, Meer, Mond, Sonne) als Ausdruck von Ednas innerer Identitätssuche.
6 Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung der mythologischen Verschlüsselung als Mittel der Gesellschaftskritik im Roman.
Kate Chopin, The Awakening, Griechische Mythologie, Grimms Märchen, Edna Pontellier, Weiblichkeit, Patriarchat, Identitätssuche, Feminismus, Symbolik, Literaturwissenschaft, Frauenfiguren, Emanzipation, Mythos, Gesellschaftskritik
Die Hausarbeit untersucht den Roman "The Awakening" von Kate Chopin unter dem Aspekt, wie mythologische Bilder aus Grimms Märchen und der griechischen Mythologie zur Konstruktion der Gesellschaftskritik und der Charakterisierung der Protagonistin Edna Pontellier beitragen.
Zentrale Themen sind die viktorianische Geschlechterrolle, die Bedeutung der Weiblichkeit in einer patriarchalischen Gesellschaft sowie die psychologische und mythische Symbolik von Schlaf, Natur und geschlechtsspezifischen Rollenbildern.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Kate Chopin durch den Rückgriff auf klassische Mythen und Märchen subtile Kritik an den rigiden gesellschaftlichen Strukturen des späten 19. Jahrhunderts übt und Edna als eine Frau porträtiert, die versucht, sich aus diesen Zwängen zu befreien.
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die mythologische und märchenhafte Motive strukturell auf die Romanfiguren und Handlungsverläufe anwendet und durch tiefenpsychologische sowie feministische Perspektiven ergänzt.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Frauenfiguren als Märchen- oder Göttinnen-Analogien, eine Analyse von Rollenumkehrungen (Vermännlichung der Heldin) und eine Betrachtung der Natur als symbolischen weiblichen Kosmos.
Typische Schlüsselbegriffe sind Kate Chopin, The Awakening, Mythologie, Märchen, Identitätssuche, Emanzipation, Patriarchat und Weiblichkeit.
Mlle. Reisz wird nicht nur als "Hexe" (im Kontext der Märchen-Negativfiguren), sondern primär als "weise Frau" und Mentorin für Edna gesehen, die ihr hilft, ihre Autonomie zu entdecken und die Gefahr der Verzauberung (gesellschaftliche Unmündigkeit) zu erkennen.
Das Ikarus-Motiv dient zur Verdeutlichung der Geschlechterumkehr, bei der Edna die Rolle des männlichen Helden übernimmt, der durch seinen Fluchtversuch aus dem "Labyrinth" der Konventionen in den "Sturz" (den Selbstmord) führt, was die Tragik der damaligen gesellschaftlichen Grenzen für Frauen unterstreicht.
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