Magisterarbeit, 2007
78 Seiten, Note: 1
1. Einleitung
2. Stoffgeschichte
2.1. Überlieferung (A und B)
2.2. Gattung (B)
3. Historische Textbedeutung
3.1. Didaxe
3.2. Fiktionalität
3.3. Didaxe und Fiktionalität
4. Textauthentizität
4.1.Vorlagen-Strategie
4.2. Fakten-Strategie
4.3. Missions-Strategie
4.4. Prolog-Strategie
4.5. Motiv-Strategie
5. Orientinszenierung als Vorbereitung der doppelten Didaxe
5.1. Topographische Realitäten
5.2. Realität der Wunderwesen
5.3. Grippîa als möglicher originärer Inszenierungsbruch
6. Negative Didaxe
6.1. Die unhöfische Gesellschaft des rîche
– Bruch von staete, triuwe und mâze
6.2. Reaktion des höfischen Helden auf eine unhöfische Gesellschaft:
– violencia
6.3. Die unhöfische Gesellschaft von Grippîa
– Bruch von mâze und minne
6.4. Reaktion des höfischen Helden auf eine unhöfische Gesellschaft:
– curiositas
7. Positive Didaxe
7.1. Lebermeer und Magnetberg
7.2. weise
7.3. Arimaspî
7.3.1. plathüeve
7.3.2. ôren
7.3.3. prechamî
7.3.4. cânâan
7.4. môrlant
7.5. jêrusalêm
8. Resümee
Die wissenschaftliche Arbeit untersucht die narrative Struktur und didaktische Funktion des mittelalterlichen Versepos "Herzog Ernst" (Fassung B). Ziel ist es, die These zu widerlegen, dass der Held einen klassischen Aufstiegs- und Bewährungsweg durchläuft, und stattdessen ein Konzept der "doppelten Didaxe" aufzuzeigen, welches das höfische Tugendsystem durch positive und negative Beispiele pädagogisch vermittelt.
4.5. Motiv-Strategie
Die Orientinszenierung kennzeichnet sich durch eine weitere und überaus gewichtige Authentizitätsstrategie, die wegen ihrer, das ganze Werk durchziehenden, referentiellen Komplexität nicht singulär und abschließend erörtert werden kann. Im Kapitel 5 soll sie darum erst einmal abstrakt behandelt werden und im weiteren Orientgeschehen in den einzelnen Handlungsstationen knapp dargelegt werden. Die Rede ist von der Versatzstück oder Motiv-Strategie, mit der es folgendermaßen zu tun ist:
Mit dem Orient verhält es sich diametral anders als mit dem Reich - denn wollte man die Existenz verschiedener reichsgeschichtlicher Begebenheiten anzweifeln, könnte im konkreten Fall auf die Reichsgeschichte verwiesen werden. Im Orient jedoch ist das wunder dominant, was natürlich ein Beleg-Problem zur Untermauerung der Fiktionalitäts-Leugnung als Voraussetzung der Didaxe hervorruft, denn man muss hierbei bedenken, dass der mhd. Begriff wunder eine eher religiöse als phantastische Konnotation besitzt und keineswegs eine womöglich märchenhafte Natur des folgenden Geschehens hervorheben soll - schließlich wurden auch die Wunder des Neuen Testaments als höchst real angesehen. Aber auch diese bedurften der Beglaubigung durch Verweise auf die schriftlichen Vorlagen der Erzählung (bei den Wundern des NT wäre es die Gegebenheit der Bibel als geschriebenes Wort Gottes).
Hingegen lassen sich in großen Abschnitten der Orientreise Ernsts kaum Anspielungen auf vom Dichter eruierte schriftliche Quellen finden. Dieser verfolgt hier also eine andere und letztlich effektivere Strategie als den langfristig ermüdenden Quellenverweis. Er setzt vielmehr auf den Wiedererkennungseffekt verschiedenster Versatzstücke und Motive um so eine unhinterfragbare auctoritas auszurichten, wobei er sich aus der vertrauten antiken und orientalischen Literatur gleichermaßen bedient, die er als Fundgrube altbekannter und leicht wiederzuerkennender Topoi instrumentalisiert. Dabei greift er interessanterweise ihre spezifische Funktion im ursprünglichen Werkzusammenhang nicht an, sondern kombiniert sie: zum Beispiel werden der Magnetberg als altes Symbol der Sünde an dem das Schiff des Lebens zerschellt und die aus der Antike bekannten Greifen insofern kombiniert, dass sich eine stimmige Geschichte ergeben kann.
1. Einleitung: Darstellung der Ausgangslage des Helden im idealisierten "rîche" und Vorstellung der These einer "doppelten Didaxe" statt einer klassischen Entwicklungsgeschichte.
2. Stoffgeschichte: Untersuchung der Überlieferungslage der Fassungen A und B sowie die Einordnung des Werkes als Spielmannsepik.
3. Historische Textbedeutung: Erörterung der pädagogischen Funktion des Epos und des mittelalterlichen Fiktionalitätsbewusstseins, das zwischen "fictum" und "factum" kaum unterscheidet.
4. Textauthentizität: Analyse narrativer Strategien (Vorlagen-, Fakten-, Missions-, Prolog- und Motiv-Strategie), mit denen der Autor den Wahrheitsanspruch der Erzählung beglaubigt.
5. Orientinszenierung als Vorbereitung der doppelten Didaxe: Erklärung der Orientreise als didaktisches Werkzeug, wobei topographische Realitäten und Wunderwesen zur Absicherung des autoritativen Rahmens dienen.
6. Negative Didaxe: Untersuchung der Reichskrise und der Episode "Grippîa" als negative Beispiele für den Bruch höfischer Tugenden wie staete, triuwe und mâze.
7. Positive Didaxe: Analyse der Aventiure-Stationen nach Grippîa, in denen der Held durch ritterliche Taten im Dienst des Königs oder für Schwächere positive Tugenden exemplifiziert.
8. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Bauprinzipien und Bestätigung, dass die Didaxe das zentrale Strukturprinzip des "Herzog Ernst" darstellt.
9. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur Forschungsarbeit.
Herzog Ernst, Spielmannsepik, doppelte Didaxe, Mittelalter, Höfische Tugendlehre, Fiktionalität, Authentizität, Orientrezeption, Motiv-Strategie, Wunderwesen, triuwe, mâze, staete, Kreuzzug, ritterliches Tugendsystem.
Die Arbeit analysiert das mittelhochdeutsche Versepos "Herzog Ernst" unter dem Aspekt, wie der Text als pädagogisches Lehrwerk für ein adliges Publikum funktioniert.
Die zentralen Felder umfassen die Gattungsgeschichte, die Authentizitätsstrategien des Dichters, die Darstellung des Orients und die Vermittlung höfischer Verhaltensnormen.
Der Autor möchte belegen, dass Herzog Ernst kein Individuum ist, das eine Charakterentwicklung durchläuft, sondern ein starrer Typus, dessen Handeln der exemplifizierenden Vermittlung des höfischen Tugendsystems dient.
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse angewandt, die intertextuelle Bezüge und die mittelalterliche Rezeptionsästhetik in den Mittelpunkt stellt.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von "negativer Didaxe" (Reichsverlust, Grippîa) und "positiver Didaxe" (Aventiuren, Bewährung im Dienst), ergänzt durch eine tiefgehende Analyse der Authentizitätskonzepte.
Schlüsselbegriffe wie "doppelte Didaxe", "Spielmannsepik", "höfisches Tugendsystem" und "Fiktionalitätsleugnung" beschreiben den Kern der Untersuchung am präzisesten.
Grippîa wird als Spiegelbild des Reiches gedeutet, in dem höfische Tugenden maßlos übersteigert oder pervertiert werden, um dem Zuhörer durch das "schlechte Beispiel" das korrekte Verhalten vor Augen zu führen.
Gott fungiert als Garant für den Heilsplan, dessen ständige Präsenz im Text den "Herzog Ernst" in den Kontext christlicher Normen rückt und den Helden letztlich legitimiert.
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