Magisterarbeit, 1993
98 Seiten, Note: 2,00
I. Hilsenraths Roman "Der Nazi & der Frisör" - Ein literarischer Tabubruch?
1. Die Grundproblematik einer literarischen Darstellung des Holocaust
2. Über den Autor
3. "Der Nazi & der Frisör" - Eine inhaltliche Skizzierung
4. Satire, Groteske, Karnevaleske
5. Kriterien für eine Legitimation des Tabubruchs
II. "Die erfundene Wahrheit"
1. Sprachstil der Täter: zynisch, makaber, vulgär, und lyrisch
2. Groteske Momente des Entsetzlichen
3. Die 'Tragik des Möders' - Verwandlung von Mitleid in Selbstmitleid
4. Hitler als Prophet
III. Psychoanalytische Interpretation
1. Die Grundsituation: Unzufriedenheit und Wunschdenken
2. Die Banalität einer Psychologie des 'Bösen' und ihre Fehlinterpretation als 'Entschuldigungsanalyse'
3. Lustmomente der Selbsterhöhung
4. Verdrängung als Selbstschutz
5. Die 'psychologische Katastrophe' im Roman
6. Rückführung in die 'Normalität' der Gesellschaft
IV. Das Problem von Schuld und Sühne
1. Die Schuldfrage
2. Die gerechte Strafe
3. Sünde, Sühne, Absolution
V. Die Utopie einer 'vernünftigen Allgemeinheit' - Hilsenraths allgemeine Gesellschaftskritik -
1. Die gesellschaftliche Realität im Nachkriegsdeutschland
1.1. Offener Antisemitismus
1.2. Philosemitischer Zeitgeist
2. Das Verhalten der Alliierten
3. Die Gesellschaft im Staat Israel
3.1. Frau Schmulevitch
3.2. Die Araber
3.3. Die zweite Ölbergpredigt
3.4. Psychische Spätfolgen der Opfer
3.5. Die Antiwiedergutmachungsliga
VI. Schlussbetrachtung
Die Arbeit untersucht, inwieweit Edgar Hilsenraths Roman "Der Nazi & der Frisör" als Modellfall für eine satirische Darstellung des Holocaust dienen kann. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob der extrem provokante Tabubruch Hilsenraths moralisch legitimierbar ist und ob seine Satire dem sensiblen Sujet gerecht wird.
1. Die Grundproblematik einer literarischen Darstellung des Holocaust
Die planmäßige, bürokratisch verwaltete Vernichtung Millionen unschuldiger Menschen während des Dritten Reiches hatte bei kritischen Denkern eine tiefe Kulturskepsis zur Folge. Einerseits galt Kultur immer als Gegenpol zur Barbarei, andererseits entstand gerade auf ihrer Grundlage die schlimmste vorstellbare Barbarei überhaupt. Wie konnte man nach dem 'Holocaust' (1) dieser Kultur noch anders als in Feindschaft begegnen? 1949 formulierte Adorno, geprägt von den Eindrücken der entsetzlichen Ereignisse der unmittelbaren Vergangenheit, den viel umstrittenen Satz: "nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch" (2), den er 17 Jahre lang gegen alle trotzdem entstandene Literatur verteidigte, bis er ihn letztendlich als einzigen seiner Sätze zurücknahm: "Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck, wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag es falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht sich mehr schreiben." (3)
Auschwitz ist zum Synonym unvorstellbaren Leids und gleichzeitig zum Synonym einer tiefen Kulturkrise geworden. Elie Wiesel bezeichnet es gar als "Gotteslästerung", eine Geschichte darüber zu schreiben. "Eigentlich darf es eine literarische Inspiration überhaupt nicht mehr geben, nicht mehr in Verbindung mit Auschwitz. 'Die Massenvernichtung als literarische Inspiration', das ist ein Widerspruch in sich selbst." (4) Wie ist dieses "eigentlich" zu verstehen? Elie Wiesel hat literarisch über den Holocaust geschrieben, wie viele andere, auch wenn er immer wieder betont, daß dieser "jenseits jeder Beschreibung steht." (5) Aber würde nicht ein sprachloses Entsetzen einem Triumph der Nazibarbarei über alle Zeit gleichkommen? Ist es nicht geradezu moralische Pflicht, dem Vergessen auch mit den Mitteln der Kunst entgegenzuarbeiten, aber gleichzeitig moralisch unverantwortlich aus dem grauenhaften Leid „ästhetisches Wohlgefallen zu gewinnen?
In der 'Negativen Dialektik' beschreibt Adorno dieses Dilemma: "Wer für die Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte. Nicht einmal das Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus." (6)
I. Hilsenraths Roman "Der Nazi & der Frisör" - Ein literarischer Tabubruch?: Das Kapitel erörtert die grundlegende Problematik, ob und wie der Holocaust literarisch verarbeitet werden kann, und führt in die Thematik des satirischen Tabubruchs ein.
II. "Die erfundene Wahrheit": Hier wird der Sprachstil des Täters Max Schulz analysiert, der zwischen Zynismus, Vulgärsprache und lyrischen Passagen wechselt, um das Grauen grotesk darzustellen.
III. Psychoanalytische Interpretation: Dieses Kapitel untersucht die psychologischen Mechanismen der Täter, insbesondere das Wunschdenken und die Banalität des Bösen, sowie deren Fehlinterpretation als Entschuldigungsanalyse.
IV. Das Problem von Schuld und Sühne: Es beleuchtet die Schwierigkeiten einer juristischen und moralischen Schuldzuweisung und zeigt die Unlösbarkeit der Schuld-Sühne-Problematik bei Massenverbrechen auf.
V. Die Utopie einer 'vernünftigen Allgemeinheit' - Hilsenraths allgemeine Gesellschaftskritik -: Der Autor weitet seine Kritik auf das Nachkriegsdeutschland und die Gesellschaft im Staat Israel aus und entlarvt dort fortbestehende Vorurteile und kollektive Verdrängungsprozesse.
VI. Schlussbetrachtung: Das Fazit bestätigt den Roman als geglückten Tabubruch, der durch satirische Mittel das Unvorstellbare greifbar macht und die Gesellschaft zur Auseinandersetzung zwingt.
Holocaust, Edgar Hilsenrath, Der Nazi & der Frisör, Satire, Groteske, Tabubruch, Täterperspektive, Nationalsozialismus, Vergangenheitsbewältigung, Psychoanalyse, Antisemitismus, Philosemitismus, Schuld und Sühne, Banalität des Bösen, Gesellschaftskritik.
Die Arbeit analysiert Edgar Hilsenraths Roman als eine Form der satirischen Holocaust-Literatur und prüft, ob die Darstellung des Genozids durch die Augen eines Täters moralisch und literarisch legitim ist.
Die zentralen Themen sind die literarische Darstellung des Holocaust, die Psychologie des Täters, das Verhältnis von Satire zu grausamen historischen Ereignissen sowie die gesellschaftliche Verdrängung der Vergangenheit.
Das Ziel ist es, Hilsenraths "Tabubruch" als geglückt zu rechtfertigen und nachzuweisen, dass Satire auch bei einem so sensiblen Sujet ein wirksames Mittel zur Erkenntnisförderung sein kann.
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die durch psychoanalytische Ansätze und historische Kontexte, etwa durch die Arbeiten von Adorno, Arendt und Mitscherlich, ergänzt wird.
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Täterperspektive, die psychoanalytische Interpretation von Motiven (wie der Umwandlung von Mitleid in Selbstmitleid) und die allgemeine Gesellschaftskritik Hilsenraths, die bis in die Gründung des Staates Israel reicht.
Wichtige Begriffe sind Holocaust-Literatur, Satire, Groteske, Täter-Psychologie, Schuld, Sühne und Verdrängung.
Die Arbeit nutzt die Psychoanalyse, um die "Banalität des Bösen" aufzudecken und aufzuzeigen, wie Täter ihre eigene Schuld durch triviale psychologische Erklärungen ("Entschuldigungsanalyse") zu rechtfertigen versuchen.
Er dient als Modellfall dafür, wie Literatur die Kluft zwischen dem Unvorstellbaren des Holocaust und der notwendigen kritischen Reflexion überbrücken kann, ohne die Opfer zu verletzen.
Der Autor Hilsenrath lässt den Protagonisten Max Schulz seine Geschichte aus subjektiver, egozentrischer Sicht erzählen, was den Leser dazu zwingt, den Zynismus des Täters zu hinterfragen.
Die Arbeit zeigt auf, dass der Autor auch die Praxis der Wiedergutmachungszahlungen satirisch kritisiert, da diese das erlittene Leid als rein materiellen Sachschaden bagatellisieren.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

