Magisterarbeit, 2007
119 Seiten, Note: 1,0
Einleitung
I Zielstellung der Arbeit
II Vorgehensweise
1. Das 19. Jahrhundert und die Moderne – historischer Hintergrund
1.1. Die Moderne
1.2. Historischer Hintergrund
1.2.1. Die industrielle Revolution
1.2.2. Der Kapitalismus
1.2.3. Die Wissenschaften
1.2.4. Die Krise des bürgerlichen Selbstverständnisses
1.2.5. Die Philosophie
1.2.6. Der Aufstieg Preußens
1.2.7. Die Soziologie
1.2.8. Die Literatur
2. Theodor Storm
2.1. Biographischer Hintergrund
2.2. Die Novellen Storms
3. Krisensymptome der Moderne in Storms Novellistik
3.1. „Ein jeder Mensch bringt sein Leben fertig mit sich auf die Welt“ – Carsten Curator (1878) und die Macht der Vererbung
3.1.1. Entstehungshintergrund
3.1.2. Von alten Werten und neuen Zweifeln – Die Krise des Bürgers zwischen Tradition und Moderne
3.1.3. Verfall einer Familie – Der gescheiterte Patriarch
3.1.4. Heinrich Carstens als Repräsentant der Moderne
3.1.5. Die Frage nach Schuld und Verantwortung
3.1.6. Abschlussbetrachtung
3.2. „Er wollte zeigen, was aus diesem Erdenfleck zu machen sei“ – Kapitalismus und neue Wirtschaftsformen in Zur Wald- und Wasserfreude (1878)
3.2.1. Das Diktat der Bewegung
3.2.2. Spekulation und Materialismus als destruktive Kräfte
3.3. „Trink einmal, das vertreibt die Grillen!“ – Der Herr Etatsrat (1881) und die bürgerliche Gesellschaft in der Groteske
3.3.1. Der Bildungsbürger als Bestie
3.3.2. Der Exzess als Antwort auf eine grausame Gesellschaft
3.4. „Da galt es auch für ihn noch eine Stufe höher aufzurücken“ – Gesellschaftlicher Aufstieg als bürgerliches Diktat in Hans und Heinz Kirch (1882)
3.4.1. Rastloses Streben als moderne Manie
3.4.2. Die Niederlage der Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt
3.4.3. Abschlussbetrachtung
3.5. „Der lieben Mitwelt zur Hetzjagd überlassen“ – Ein Doppelgänger (1886) und der Persönlichkeitsverlust in einer grausamen Gesellschaft
3.5.1. Der Außenseiter in der Raubtiergesellschaft
3.5.2. Kleine Leute und bürgerliche Gesellschaft – Liebe und Moral in unterschiedlichen sozialen Schichten
3.5.3. Eine Absage an die Humanität
4. Die Grenzen des poetischen Realismus – Storms späte Novellen als Vorläufer des Naturalismus und der literarischen Moderne
4.1. Themenkomplexe
4.2. Ästhetik und Stil, narrative Strategien
5. Zusammenfassung und Ausblick
5.1. „Die Unzulänglichkeit der Zeit“ – Raubtiergesellschaft, Isolation und Bindungsverlust
5.2. Modernität und Aktualität
Die Arbeit untersucht, inwiefern Theodor Storms späte Novellen – entgegen der landläufigen Meinung – moderne Krisenerfahrungen artikulieren und den Übergang zur literarischen Moderne vorwegnehmen. Dabei wird analysiert, wie wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbrüche des ausgehenden 19. Jahrhunderts die Zerstörung traditioneller bürgerlicher Strukturen innerhalb der Familie und des Individuums forcieren.
1.2.2. Der Kapitalismus
Diese neue Herrschaft über Natur und Produktion bewirkte ein allgemeines wirtschaftliches Umdenken – nicht mehr „genug“ sollte produziert werden, sondern „mehr“. Die nun schnellere und effizientere Produktionsweise erhöhte die Gewinne der Fabrikeigner oder Kapitalisten, die diese Gewinne wiederum neu investierten und ihre Gewinne so immer weiter erhöhten. „Profitdenken“, Fortschritt und Aufstiegsstreben wurden nun die Dogmen der Zeit. Nicht gemeinschaftliches Arbeiten in einer traditionellen Handwerksgilde war jetzt gefragt, sondern der schnelle Gewinn des „geschäftemachenden Einzelkämpfer[s]“.
„Mechanisierung einerseits, Kapitalismus, Markt und Konkurrenz andererseits“ bewirkten sich wechselseitig, die „Konkurrenz schafft überhaupt erst den modernen ‚Markt’”. Das anonyme Wesen des Kapitalismus („[I]m Modellfall bezieht es sich auf den anonymen, den unbekannten Markt.“) beeinflusste indirekt und in zunehmendem Maße auch zwischenmenschliche Verhältnisse. Während der kleine Familienbetrieb mit Stammkunden von einem Großhändler abgelöst wurde, der für einen unbekannten Markt produzierte, isolierten und anonymisierten sich auch Familienmitglieder und Stadtbewohner voneinander – aus der „Gemeinschaft“ wurde eine „Gesellschaft“.
Wenn Nipperdey feststellt, dass der Kapitalismus dazu führe, dass wirtschaftende Subjekte in „Konkurrenz – nicht in harmonischer Solidarität“ zueinander stehen, so lässt sich dies auch auf außerwirtschaftliche Bereiche übertragen, vor allem, da Arbeitswelt und Erwerbsleben, wie die im Anschluss besprochenen Novellen Storms zeigen werden, zunehmend in die Privatsphäre des Menschen eindringen und sein Verhältnis zu anderen Familienmitgliedern prägen.
1. Das 19. Jahrhundert und die Moderne – historischer Hintergrund: Dieses Kapitel skizziert die wesentlichen ökonomischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche des 19. Jahrhunderts, die das bürgerliche Weltbild in eine existenzielle Krise führten.
2. Theodor Storm: Hier wird der biographische Kontext Storms beleuchtet, wobei seine Verwurzelung im bürgerlichen Traditionssystem seinem zunehmenden Unbehagen an der industriellen, kapitalistischen Zeit gegenübergestellt wird.
3. Krisensymptome der Moderne in Storms Novellistik: Der Hauptteil analysiert detailliert fünf späte Novellen, die den Verfall familiärer Bindungen, das Diktat des ökonomischen Aufstiegs und die psychologische Deformation des modernen Menschen durch Vererbung und Konkurrenzdruck thematisieren.
4. Die Grenzen des poetischen Realismus – Storms späte Novellen als Vorläufer des Naturalismus und der literarischen Moderne: Dieses Kapitel ordnet Storms Spätwerk literaturhistorisch ein und zeigt, wie Storm durch Thematisierung von Krankheit, Wahnsinn und Determination stilistisch und inhaltlich auf den Naturalismus vorausweist.
5. Zusammenfassung und Ausblick: Der abschließende Teil reflektiert die bleibende Aktualität von Storms Krisenbeschreibungen, da die im 19. Jahrhundert skizzierten Entfremdungsprozesse bis in unsere Gegenwart hineinreichen.
Theodor Storm, Moderne, Poetischer Realismus, Naturalismus, Kapitalismus, Vererbung, Krisenerfahrung, Bürgerliches Selbstverständnis, Industrialisierung, Raubtiergesellschaft, Familienzerfall, Determinismus, Spätwerk, Gesellschaftskritik, Individuum.
Die Arbeit untersucht Theodor Storms späte Novellen daraufhin, wie sie die Krisenerfahrungen der Moderne widerspiegeln und den Übergang zu naturalistischen und modernen Erzählformen einleiten.
Im Zentrum stehen die Auswirkungen der Industrialisierung, die Krise des bürgerlichen Familienmodells, das Aufkommen kapitalistischer Konkurrenzdenkweisen sowie der Einfluss naturwissenschaftlicher Vererbungstheorien auf das menschliche Schicksal.
Ziel ist es, den Nachweis zu erbringen, dass Storm keineswegs nur ein Idyllendichter war, sondern ein scharfer Beobachter moderner Entwicklungstendenzen, die er in seinem Spätwerk instinktiv vorwegnahm.
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse gewählt, die in chronologischer Reihenfolge spezifische Novellen untersucht und diese in den historischen, philosophischen und soziologischen Kontext des 19. Jahrhunderts einbettet.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Interpretation ausgewählter Novellen wie „Carsten Curator“, „Zur Wald- und Wasserfreude“, „Der Herr Etatsrat“, „Hans und Heinz Kirch“ und „Ein Doppelgänger“.
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Modernität, Poetischer Realismus, Entfremdung, Vererbung, Determiniertheit, Raubtiergesellschaft und Familienzerfall geprägt.
Im Gegensatz zu seinen frühen Werken, in denen die Natur als tröstend dargestellt wird, erscheint sie im Spätwerk als bedrohliches, apokalyptisches und unbeherrschbares Element, das den Menschen als schwaches Individuum entlarvt.
Der Kapitalismus fördert ein Konkurrenzdenken, das die Familie als familiäres Rückzugsgebiet auflöst und ersetzt durch reine Kosten-Nutzen-Rechnungen, was zur moralischen Verwahrlosung der Nachkommen führt.
Die Groteske dient als Stilmittel, um die Absurdität und Grausamkeit einer entarteten bürgerlichen Gesellschaft darzustellen, in der humanistische Werte hinter äußeren Titel- und Statussymbolen vollkommen verschwunden sind.
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