Magisterarbeit, 2007
106 Seiten, Note: 1,3
1. Einleitung
2. Behinderung im historischen Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts (bis 1933)
2.1 Charles Darwin - Der Darwinismus
2.2 Der Sozialdarwinismus im 19. Jahrhundert
2.3 Gesellschaftliche und soziale Lage Deutschlands in der Entstehungsphase des Sozialdarwinismus
2.4 Eugenik- Begriffserklärung
2.5 Euthanasie
2.5.1 Euthanasie: Begriffsklärung
2.5.2 Das Wiederaufleben der Euthanasiedebatte um 1900
2.6 Soziokulturelle Rahmenbedingungen: Die Wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage Deutschlands Mitte des 20. Jahrhunderts
2.7 Alfred Hoche und Karl Binding - „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“
2.8 Zusammenfassung
3. Die Konzeption „Behinderung“ im Nationalsozialismus (1933-1945)
3.1 Begriffsklärung: nazistisch- nationalsozialistisch
3.2 Die Rolle des Sozialdarwinismus im Kontext des Nationalsozialismus
3.3 Nationalsozialismus und Behinderung
3.4 Behinderungsbegriff nach Adolf Hitler
3.5 Gesellschaft und Norm: Das nationalsozialistische Menschenbild und Gesellschaft
3.5.1 Von der Zwangssterilisation zur Euthanasie- Gesetze und Verordnungen
3.5.2 Kirche im Nationalsozialismus: Euthanasie und Eugenik im kirchlichen Kontext
3.5.3 Schulische Veränderungen im Dritten Reich
3.6 Zusammenfassung
4. Der Behinderungsbegriff in demokratischen Gesellschaften
4.1 Die Behinderungsklassifikation nach der WHO 1980 und 1998
4.2 Behinderungsdefinition in der Erziehungswissenschaft nach Georg Feuser
5. Die Konzeption „Behinderung“ im neonazistischen Kontext der Bundesrepublik Deutschland
5.1 Neonazismus und Rechtsextremismus: eine Begriffsklärung
5.2 Rechtsextremismus auf politisch - parlamentarischer Ebene: die NPD
5.2.1 Entstehungsgeschichte und Entwicklung der NPD
5.2.2 Das Verbotsverfahren der Bundesregierung gegen die NPD: Diskussion und Argumente
5.2.3 Inhalte des Verbotsantrages der Bundesregierung
5.2.4 Das Menschenbild der NPD
5.2.5 Das Schulsystem nach Vorstellungen der NPD
5.2.6 Die Gefährlichkeit der NPD durch ihre Machtansprüche
5.2.7 Die Einstellung des NPD - Verbotsverfahrens
6. Rechte Organisationen als Helfer der NPD außerhalb des parteilichen Geschehens
6.1 Beispiel Kameradschaften - Institutioneller Aufbau
6.1.1 Was sind Freie Kameradschaften?
6.1.2 Entstehung und Verbreitung der Kameradschaften
6.1.3 Ideologie der Freien Kameradschaften
6.1.4 Freie Kameradschaften und die NPD
6.1.5 Hauptfeindbild der Kameradschaften
6.2 Die Kameradschaft Zella-Mehlis
6.2.1 Ideologie der Kameradschaft Zella-Mehlis
6.2.2 Rechtsextremistisches Handeln in der Kameradschaft Zella-Mehlis
6.2.3 Mitwirken in gesellschaftlichen Vereinen
6.3 Zusammenfassung: Gefährlichkeit der Kameradschaften –Behinderung am Leben
7. Kritik der Konzeption von Behinderung im nazistischen und neonazistischen Kontext
7.1 Pädagogisch-institutionelle Kritik
7.2 Politische Kritik
7.3 Ethisch-moralische Kritik
8. Ausblick
9. Anhang
Ziel dieser Masterarbeit ist die kritische Untersuchung der Konzeption von „Behinderung“ im historischen Kontext des Nationalsozialismus sowie deren Auswirkungen und Transformationen im heutigen neonazistischen Gedankengut der Bundesrepublik Deutschland. Die Forschungsfrage widmet sich dabei den gesellschaftlichen Mechanismen, die Ausgrenzung und Vernichtung legitimieren.
2.2 Der Sozialdarwinismus im 19. Jahrhundert
Schon in den Anfängen wurde Darwins Evolutionstheorie auf Gesellschaftsstudien übertragen und „zum Gegenstand ethischer Interpretationen und Kontroversen“ (Hefner 1999, S. 586). Beispielsweise haben einige Wissenschaftler und Denker in den USA und v.a. in Europa, die so genannten Sozialdarwinisten, die Ideen der natürlichen Selektion und das Überleben des am besten Angepassten dafür benutzt, „um den Status quo zu rechtfertigen und die erfolgreichsten Klassen der Gesellschaft mit den Angepaßtesten zu identifizieren, [diese] […] radikale[n] Denker [bezogen sich] auf diese Theorien, um die Ansicht zu stützen, daß […] Versuche ihrer Veränderung selbst Teil des natürlichen Prozesses sozialer Evolution seien“ (Hefner 1999, S. 587).
Der Sozialdarwinismus ist demzufolge ein Begriff, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkam. Seine Anhänger versuchten die biologischen Erkenntnisse Darwins, v.a. die These vom Überleben des Tüchtigsten im „Kampf ums Dasein“, auf die Verhältnisse in der Gesellschaft zu transformieren.
Bereits 1868 lassen sich erste Übertragungen des Überlebenskampfes in der Natur auf den Menschen verschriftlicht in dem Werk von Ernst Haeckel finden. Der Titel dieses Buches lautet „Natürliche Schöpfungsgeschichte“. In ihm sind beispielsweise die Überlebenskämpfe verschiedener Völker beschrieben. Hier, so Ernst Klee, wird zu der natürlichen Auslese eine künstliche mit beschrieben. Ein Beispiel dafür findet sich in Haeckels Buch in einem Hinweis auf das Umgehen der Spartaner mit ihren Kindern. „Indessen ist nicht nur die natürliche, sondern auch die künstliche Züchtung vielfach in der Welt-Geschichte wirksam. Ein ausgezeichnetes Beispiel von künstlicher Züchtung der Menschen in grossem Massstabe liefern die alten Spartaner, bei denen auf Grund eines besonderen Gesetzes schon die neugeborenen Kinder einer sorgfältigen Musterung und Auslese unterworfen werden mussten. Alle schwächlichen, kränklichen oder mit irgend einem körperlichen Gebrechen behafteten Kinder wurden getötet. Nur die vollkommen gesunden und kräftigen Kinder durften am Leben bleiben, und sie allein gelangten später zur Fortpflanzung“ (Haeckel 1889, S. 153). „Auch der Todesstrafe kommt nach Haeckel eine künstliche Auslese hinzu, da sie dem Verbrecher verbiete, seine verbrecherischen Anlagen zu vererben“ (Klee 1985, S. 16).
1. Einleitung: Die Einleitung legt den Fokus der Arbeit dar: Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Verständnis von Behinderung im Nationalsozialismus und dessen modernen Parallelen im Neonazismus.
2. Behinderung im historischen Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts (bis 1933): Dieses Kapitel analysiert die wissenschaftlichen Ursprünge der Eugenik und des Sozialdarwinismus sowie deren Einfluss auf die soziale Frage vor 1933.
3. Die Konzeption „Behinderung“ im Nationalsozialismus (1933-1945): Hier wird untersucht, wie der Nationalsozialismus pseudowissenschaftliche Theorien nutzte, um die Vernichtung von Behinderten zu legitimieren und das Schulsystem im Sinne der Rassenideologie umzugestalten.
4. Der Behinderungsbegriff in demokratischen Gesellschaften: Dieses Kapitel kontrastiert die historische Sichtweise mit modernen Definitionen von Behinderung, insbesondere durch die WHO und die Erziehungswissenschaft.
5. Die Konzeption „Behinderung“ im neonazistischen Kontext der Bundesrepublik Deutschland: Die Untersuchung befasst sich mit der Ideologie der NPD, ihrem Menschenbild und der Gefahr, die von ihrem verfassungsfeindlichen Gedankengut ausgeht.
6. Rechte Organisationen als Helfer der NPD außerhalb des parteilichen Geschehens: Der Fokus liegt auf der Rolle von Freien Kameradschaften und ihrer Funktion als radikale, netzwerkbasierte Stützen der NPD-Ideologie.
7. Kritik der Konzeption von Behinderung im nazistischen und neonazistischen Kontext: Dieses Kapitel fasst die pädagogische, politische und ethisch-moralische Kritik an der Instrumentalisierung des Behindertenbegriffs zusammen.
8. Ausblick: Der Ausblick mahnt zur Aufmerksamkeit gegenüber aktuellen rechtsextremen Strukturen und betont die Notwendigkeit von Prävention durch Aufklärung.
Behinderung, Nationalsozialismus, Sozialdarwinismus, Eugenik, Euthanasie, Neonazismus, NPD, Kameradschaften, Menschenwürde, Integration, Rassenhygiene, Rechtsextremismus, Bildungskonzept, Weltanschauung, Vorurteile.
Die Arbeit befasst sich kritisch mit der Konzeption von Behinderung, wie sie im Nationalsozialismus ideologisch verankert und praktisch umgesetzt wurde, und zieht Parallelen zum heutigen neonazistischen Kontext.
Zu den zentralen Themen gehören die Ursprünge der Eugenik, die Rolle des Sozialdarwinismus, das nationalsozialistische Schulsystem, die Ideologie der NPD sowie die Struktur und Strategien rechtsextremer Kameradschaften.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Normvorstellungen und politische Ideologien dazu genutzt werden, Menschen auszugrenzen, und welche Gefahren daraus für eine demokratische Gesellschaft und insbesondere für Menschen mit Beeinträchtigungen erwachsen.
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, um den Transfer von Ideologien aus dem 19. Jahrhundert über den Nationalsozialismus bis in die heutige Zeit nachzuzeichnen und auf ihre menschenverachtenden Konsequenzen hin zu untersuchen.
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Zeit bis 1945, die Untersuchung des heutigen rechtsextremen Spektrums (insbesondere der NPD und Kameradschaften) und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Umgang von "Behinderung" und "Anderssein" in diesen Kontexten.
Zentrale Begriffe sind die "Vorsorge statt Fürsorge"-Logik des NS-Staates, der Begriff der "Lebensunwertigkeit", die menschenrechtliche Orientierung in modernen Demokratien und die "Gefährlichkeit" verdeckter rechter Organisationen.
Die Arbeit beleuchtet die ambivalente Haltung der Kirchen, die einerseits Hilfseinrichtungen für Behinderte aufrechterhielten, andererseits jedoch keinen geschlossenen, öffentlichen Widerstand gegen die Euthanasiemaßnahmen leisteten.
Die Analyse verdeutlicht, dass rechtsextreme Parteien auch heute ein Menschenbild propagieren, das Individuen primär nach ihrer wirtschaftlichen Nützlichkeit für eine exklusive "Volksgemeinschaft" bewertet und damit das Fundament der Menschenwürde angreift.
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