Examensarbeit, 2005
83 Seiten, Note: 1,3
Einleitung
I. Die kleine Stadt im Lichte der Bachtin’schen Dialogizität
1. Das Konzept der Dialogizität in einem Kommunikationsmodell narrativer Texte
2. Die textinterne Kommunikationsstruktur von Die kleine Stadt
2.1 Figurendialog und dialogischer Dialog
2.2 Figurenmonolog und dialogischer Monolog
2.3 Die Kommunikation auf der erzählerischen Vermittlungsebene – Die kleine Stadt als polyphoner Roman
3. Die kleine Stadt in der textexternen Kommunikation zwischen Autor und zeitgenössischer Kritik
II. Die kleine Stadt im Lichte des Bachtin’schen Karneval
1. Das Konzept des Karneval bzw. der Karnevalisierung der Literatur
2. Karnevaleske Kategorien bzw. Motive in Die kleine Stadt
2.1 Familiarität
2.2 Exzentrizität
2.3 Mesalliance
2.4 Profanierung
3. Der Mythos des „Volkes“ bei Michail Bachtin und dem frühen Heinrich Mann
Schluss
Die vorliegende Arbeit untersucht Heinrich Manns Roman "Die kleine Stadt" (1909) aus der literaturtheoretischen Perspektive von Michail M. Bachtin. Dabei stehen die Konzepte der "Dialogizität" und des "Karneval" im Zentrum, um die Kommunikationsstruktur, die Motivik und die Symbolik des Romans sowie Heinrich Manns gesellschaftspolitische Vorstellungen und sein Demokratieverständnis zu analysieren.
2.2 Figurenmonolog und dialogischer Monolog
Es hat sich gezeigt, dass die Dialoge der Figuren in Die kleine Stadt keine dialogischen Züge aufweisen. Gilt dies aber auch für die Monologe?
Unter Figurenmonolog will ich hier die innere Rede und die gesprochene Rede ohne realen Partnerbezug verstehen. Der Monolog, ob nun nur gedacht oder auch verbalisiert, bildet in Die kleine Stadt die Ausnahme, die Vertreter des Volks neigen nicht zum (gedankenvollen) Selbstgespräch, sondern – gerade im Gegenteil – zur direkten (öffentlichen) Auseinandersetzung mit einem konkreten Gegenüber. So erlebt der Leser auch nur die Repräsentanten des Geist-Prinzips, Alba, Flora Garlinda und Don Taddeo sowie, den von romantischen Liebesvorstellungen verwirrten, Nello monologisierend. Fraglich ist, ob die Monologe dieser vier Figuren dialogische Merkmale aufweisen.
Nello, der „von unzähligen flüchtigen sexuellen Abenteuern ermüdete[] und übersättigte[] junge[]“ Tenor der Operntruppe, verliebt sich, unmittelbar nach der Ankunft der Komödianten in der kleinen Stadt, unsterblich in das Bild eines Mädchens, das er im Trubel des pulsierenden kleinstädtischen Lebens nur für einen kurzen Augenblick zu sehen bekommt. In seiner Phantasie stilisiert Nello die Unbekannte zu einer Idealfigur, deren (vermeintliche) äußere Makellosigkeit sinnbildlich für ihre Jungfräulichkeit und seelische Reinheit stehen muss (vgl. 27 f., 51). Das Dilemma Nellos liegt darin begründet, dass er Wirklichkeit und Opernwelt, der seine Idealvorstellungen allesamt entspringen, rettungslos vermischt. In seinem tragischen Stück des Lebens, das er jetzt, da sich die Gelegenheit bietet, unbedingt zur Aufführung bringen will, weist der Komödiant, dem Objekt seiner sehnsuchtsvollen Projektionen, Alba Nardini, die Rolle der „idealen Geliebten“ an seiner Seite zu. Bezeichnenderweise findet Nellos und Albas erste tatsächliche Begegnung, dann auch im verwaisten Theater statt, wo der junge
I. Die kleine Stadt im Lichte der Bachtin’schen Dialogizität: Dieses Kapitel entwickelt ein erweitertes Kommunikationsmodell, um die Dialogizität innerhalb und außerhalb des Romans zu analysieren, wobei die Kommunikationsebenen der Figuren, der erzählerischen Vermittlung und der Rezeption untersucht werden.
1. Das Konzept der Dialogizität in einem Kommunikationsmodell narrativer Texte: Hier wird Bachtins Theorie der dialogischen Kommunikation theoretisch fundiert und in die Struktur fiktionaler Erzähltexte integriert.
2. Die textinterne Kommunikationsstruktur von Die kleine Stadt: Die Analyse der textinternen Ebenen zeigt, dass die Figureninteraktionen in "Die kleine Stadt" aufgrund ihrer öffentlich-politischen Ausrichtung primär keine dialogischen Züge tragen.
2.1 Figurendialog und dialogischer Dialog: Dieser Abschnitt untersucht das kommunikative Verhalten der Figuren vor dem Hintergrund des Gegensatzes von Geist und Leben.
2.2 Figurenmonolog und dialogischer Monolog: Es wird analysiert, ob die inneren Reden der Hauptfiguren dialogische Merkmale aufweisen, wobei die Selbsttäuschung insbesondere bei Nello im Fokus steht.
2.3 Die Kommunikation auf der erzählerischen Vermittlungsebene – Die kleine Stadt als polyphoner Roman: Die Untersuchung zeigt, dass der Roman aufgrund seiner neutralen Erzählinstanz nicht Bachtins Ideal des polyphonen Romans entspricht.
3. Die kleine Stadt in der textexternen Kommunikation zwischen Autor und zeitgenössischer Kritik: Dieses Kapitel analysiert das problematische Verhältnis zwischen Heinrich Mann und seinen zeitgenössischen Kritikern, deren Unverständnis gegenüber seinem politischen Anliegen thematisiert wird.
II. Die kleine Stadt im Lichte des Bachtin’schen Karneval: Der zweite Teil der Arbeit wendet Bachtins Karnevalskonzept auf den Roman an und untersucht die Darstellung einer Utopie der Gleichheit und Freiheit.
1. Das Konzept des Karneval bzw. der Karnevalisierung der Literatur: Hier wird das theoretische Fundament des Karnevalsbegriffs gelegt und dessen Bedeutung für die Literaturgeschichte erläutert.
2. Karnevaleske Kategorien bzw. Motive in Die kleine Stadt: Dieser Abschnitt ordnet die verschiedenen karnevalesken Motive des Romans systematisch ein.
2.1 Familiarität: Analyse der Aufhebung sozialer Barrieren im Roman durch die Ankunft der Operntruppe und das karnevaleske Weltempfinden.
2.2 Exzentrizität: Untersuchung der exzentrischen Manifestationsformen des Karneval als Ausdrucksform unterdrückter menschlicher Natur.
2.3 Mesalliance: Darstellung der Verquickung von Hohem und Niedrigem sowie der Degradierung geistiger Ideale in der karnevalesken Welt.
2.4 Profanierung: Analyse der Entweihung des Sakralen durch die Akteure der kleinen Stadt.
3. Der Mythos des „Volkes“ bei Michail Bachtin und dem frühen Heinrich Mann: Dieses Kapitel vergleicht die Mythisierung des Volkes bei beiden Autoren und deren psychologische sowie politisch-kulturelle Hintergründe.
Heinrich Mann, Die kleine Stadt, Michail Bachtin, Dialogizität, Karneval, Karnevalisierung, Kommunikation, Geist, Leben, Literaturtheorie, Demokratie, Narratologie, Polyphonie, Moderne, Volksmythos.
Die Arbeit analysiert Heinrich Manns Roman "Die kleine Stadt" unter Verwendung der literaturtheoretischen Konzepte von Michail M. Bachtin, um die Kommunikationsstrukturen und die Darstellung von Geist und Leben im Roman zu untersuchen.
Zentrale Themenfelder sind Bachtins Konzepte der Dialogizität und des Karnevals, angewendet auf narratologische Aspekte, soziale Dynamiken im Roman, politische Allegorien sowie den Gegensatz zwischen "Geist" und "Leben".
Das Ziel ist eine aus Bachtinscher Sicht erfolgende Analyse und Bewertung der Kommunikationsstruktur, Motivik und Symbolik des Romans, um zu klären, inwiefern der Text Bachtins Ideale des polyphonen Romans oder der Karnevalisierung erfüllt.
Die Untersuchung nutzt ein narratologisches Kommunikationsmodell (EKFE) als Analyseinstrument, um fiktionale Erzähltexte auf dialogische Elemente hin zu untersuchen und die Bachtinschen Begriffe systematisch anzuwenden.
Der Hauptteil gliedert sich in zwei große Teile: Erstens die Untersuchung der "Dialogizität" auf verschiedenen Kommunikationsebenen und zweitens die Analyse der "Karnevalisierung" des Romans sowie der Mythisierung des Volkes.
Die Arbeit ist charakterisiert durch Schlagworte wie Heinrich Mann, Die kleine Stadt, Dialogizität, Karneval, Kommunikation, Geist-Leben-Gegensatz und literaturwissenschaftliche Analyse.
Der Autor konstatiert, dass der Roman aufgrund seiner neutralen Erzählinstanz nicht als polyphoner Roman im Sinne Bachtins gelten kann, obwohl die Erzähltechnik eine demokratische Struktur nachbildet.
Belotti dient als zentrale Figur für den Lernprozess im Roman, in dessen Verlauf er sich von einem rein egoistischen Vertreter des "Lebens" zu einer humanistisch geprägten Liebe entwickelt, die Geist und Leben zu versöhnen sucht.
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