Examensarbeit, 2007
113 Seiten, Note: 1,5
Einleitung
I. Die Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie
I.1 Die Bedeutung des Bürgertums für die Entstehung der Kleinfamilie
I.2 Entstehung und Struktur der Kleinfamilie
I.3 Bürgerliches Familienleitbild und bürgerliche Realitäten
I.3.1 Liebe und Ehe
I.3.2 Geschlechterordnung
I.3.3 Kindheit und Erziehung
I.3.4 Tugendhaftigkeit
II. Die literarische Familie im 18. Jahrhundert
II.1 Die Familie der „Zärtlichen Schwestern“
II.1.1 Die empfindsame Familie
II.1.2 Die zärtliche Liebe
II.1.3 Weiblichkeit und Männlichkeit
II.1.4 Cleon als Vater
II.1.5 Die Familie als gesellschaftsabgewandter Ort: Sein vs. Schein
II.2 Die Familie Galotti
II.2.1 Die separierte Familie
II.2.2 Odoardo und Claudia: Eine gescheiterte Liebe
II.2.3 Emilia und Appiani: Eine vernünftige Liebe
II.2.4 Weiblichkeit und Männlichkeit
II.2.5 Odoardo und Claudia als Vater und Mutter
II.2.6 Erziehung zu Tugend und Unmündigkeit
II.2.7 Die Dialektik des bürgerlichen familialen Wertesystems
III. Die literarische Familie im 19. Jahrhundert
III.1 Die Familie von Briest
III.1.1 Die standesbewusste Familie
III.1.2 Eltern und Erziehung
III.1.3 Die Standesehe – „Jeder ist der Richtige“
III.1.4 Das Eheleben der Instettens
III.1.5 „Weiber weiblich“?
III.1.6 „Männer männlich“?
III.2 Die Familie Buddenbrook
III.2.1 Die Kaufmannsfamilie
III.2.2 Die gewinnträchtige Vernunftehe
III.2.3 Weiblichkeit und Männlichkeit
III.2.4 Erziehung zum Gehorsam
III.2.5 Die Brüchigkeit der Familie
Schluss
Die vorliegende literaturwissenschaftliche Studie analysiert die Darstellung der Familie in der deutschen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der literarischen Familienkonzeption über beide Jahrhunderte hinweg aufzuzeigen und zu hinterfragen, wie literarische Werke gesellschaftliche Familienleitbilder – etwa der bürgerlichen Kleinfamilie – spiegeln, modellieren oder problematisieren.
II.1.1 Die empfindsame Familie
Ende der 1840er Jahre entstand in Deutschland als neuer Gattungstypus das „rührende Lustspiel“ mit Christian Fürchtegott Gellert als seinem bedeutendsten Vertreter. Das Ziel der Poesie war für Gellert die Beförderung der Tugend. Präsentiert werden sollten sittlich hochstehende Charaktere, die „zu der Tugend an[feuern] und [den Zuschauer] ermuntern [...], ihr zu folgen“, anstatt wie die Typencharaktere von Gottscheds Verlachkomödie nur „von den Lastern ab[zu][schrecken].“214 Dadurch, dass die Zuschauer mitleidig die Empfindungen der tugendhaften Vorbildgestalten identifikatorisch nachempfinden, sollten ihre eigenen Gefühle verbessert werden. Die Bedingung für eine Identifikation der Zuschauer mit dem Bühnenpersonal war für Gellert eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen der Bühnenwelt und der Erfahrungswirklichkeit der Zuschauer, was den privaten Raum der Familie als Handlungsraum prädisponierte.215
Alt zufolge wurde dieses Ideal einer Erziehung des Herzens durch die Komödie in Gellerts Lustspiel Die zärtlichen Schwestern (1747) vollends entfaltet.216 In diesem Drama wird die Familie, bestehend aus dem Vater Cleon und den Töchtern Lottchen und Julchen (die Mutter ist verstorben), ganz im Sinne der empfindsamen Ideale des 18. Jahrhunderts als eine tiefe, in zärtlicher Liebe verbundene Gefühlsgemeinschaft präsentiert. Die einzige Spannung, die innerhalb der Kernfamilie kurzzeitig besteht, ist Julchens Aversion gegen die Institution der Ehe, die bei ihrem Vater und ihrer Schwester Unverständnis hervorruft. Allerdings ahnt Lottchen sofort, dass Julchens Abneigung nur auf einer Selbsttäuschung über ihre wahren Gefühle beruht, und tatsächlich erkennt Julchen im Verlauf des Dramas ihre Liebe zu Damis und teilt so wieder ungebrochen den Werthorizont der empfindsamen Familie.
Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der bürgerlichen Kleinfamilie als gesellschaftliches Ideal und literarisches Motiv ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach der literarischen Darstellung dieses Modells im 18. und 19. Jahrhundert.
I. Die Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie: Dieses Kapitel liefert einen sozial- und kulturgeschichtlichen Überblick über den Übergang vom „Ganzen Haus“ zur bürgerlichen Kernfamilie und erläutert die damit einhergehenden Veränderungen in Moral, Rollenverständnis und Erziehung.
II. Die literarische Familie im 18. Jahrhundert: Hier wird anhand von Gellerts „Die zärtlichen Schwestern“ und Lessings „Emilia Galotti“ untersucht, wie das Drama der Aufklärung das Ideal der Familie als emotionalen Rückzugsort gegen eine als lasterhaft empfundene Öffentlichkeit inszeniert.
III. Die literarische Familie im 19. Jahrhundert: Dieses Kapitel analysiert Fontanes „Effi Briest“ und Thomas Manns „Buddenbrooks“, um den Wandel zur gesellschaftlich orientierten Familie und die zunehmende Entfremdung des Individuums innerhalb starrer Normsysteme aufzuzeigen.
Schluss: Das Schlusskapitel resümiert die Ergebnisse, hebt den signifikanten Unterschied in der Darstellung des Verhältnisses von Familie und außerfamiliärem Bereich hervor und plädiert für weitere epochenübergreifende Untersuchungen.
Bürgerliche Kleinfamilie, 18. Jahrhundert, 19. Jahrhundert, Literarische Familie, Liebesheirat, Tugendhaftigkeit, Geschlechterrollen, Empfindsamkeit, Bürgerlicher Realismus, Patriarchat, Erziehung, Aufklärung, Familienideal, Sozialgeschichte, Literaturwissenschaft
Die Arbeit untersucht, wie sich die Darstellung der Familie in der deutschsprachigen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelt hat und welche Bedeutung die Familie in diesen unterschiedlichen Epochen als literarisches Motiv einnimmt.
Die zentralen Felder sind die historische Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie, die Rolle von Ehe und Partnerwahl, geschlechtsspezifische Erziehungskonzepte sowie die Frage, inwieweit Literatur diese gesellschaftlichen Normen affirmativ oder kritisch widerspiegelt.
Das Hauptziel besteht darin, aufzuzeigen, ob und wie Familienkonzepte in der Literatur variieren und ob Gemeinsamkeiten oder fundamentale Unterschiede zwischen der Darstellung im 18. und 19. Jahrhundert feststellbar sind.
Die Arbeit kombiniert einen kultur- und sozialgeschichtlichen Hintergrund mit einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse, wobei Werke wie „Die zärtlichen Schwestern“, „Emilia Galotti“, „Effi Briest“ und „Buddenbrooks“ exemplarisch interpretiert werden.
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-soziologische Einleitung zur Entstehung der Kleinfamilie sowie zwei umfangreiche Analysekapitel, die literarische Werke jeweils nach Jahrhunderten geordnet untersuchen und dabei soziale und geschlechtsspezifische Aspekte beleuchten.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie bürgerliches Familienleitbild, Tugendhaftigkeit, Geschlechterordnung, Empfindsamkeit und literarische Familienmodelle charakterisieren.
Die Arbeit wählt das Drama für das 18. Jahrhundert, da das Trauerspiel als „bürgerliche Form“ die idealen Orte für die Thematisierung der neuen familiären Wertekonflikte bot und eine hohe Identifikationsmöglichkeit für das Publikum schuf.
Während im 18. Jahrhundert die Familie oft als autonomer, von der Gesellschaft abgewandter Rückzugsort inszeniert wurde, wird sie im 19. Jahrhundert verstärkt als untrennbarer Teil der Gesellschaft und als Instrument gesellschaftlichen Prestiges dargestellt.
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