Magisterarbeit, 2007
98 Seiten, Note: 1,3
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
1. Einleitung
2. Ovids Metamorphosen im antiken Kontext
2.1 Poetologische Grundlagen
2.1.1 Referenzialität der Metamorphosen
2.1.2 Die Metamorphosen als Sach- und Heldenepos
2.1.3 Ausgestaltung bekannter Mythen durch innovative epische Mittel
2.2 Distanz der Metamorphosen zu Mythologie
2.2.1 Ironie mit erzählerischen Mitteln
2.2.2 Glaube an das Erzählen ersetzt den Glauben an den Mythos
2.3 Nicht-mythologische Wertesysteme ersetzen mythischen Kult
2.3.1 Synthetisierende Wirkung der Poesie
2.3.2 Moralischer Symbolismus statt kultische Aitiologie
2.4 Vergegenwärtigung des Mythos
2.4.1 Romanisierung
2.4.2 Anthropomorphisierung
2.4.3 Polyperspektivität
2.5 Mythen inszeniert als Dramen
2.5.1 „Exposition“
2.5.2 „Steigerung“ im Monolog
2.5.3 Metamorphose als Katastrophe
3. Shakespeare und antike Mythen
3.1 Die Metamorphosen als Quelle für Allegorien
3.2 Rhetorik der Allegorie
3.3 „Grandsire, ’tis Ovid’s Metamorphoses“
3.4 Glaubhaftigkeit durch Empirie und Mythologie
3.5 Spielwiese zwischen christlich-moralischen und antik-mythischen Bildern
3.5.1 Entmythisierende theatralische Verwandlungen
3.5.2 Die Transzendenz universalisierender Metamorphosen
4. Ransmayrs Die Letzte Welt im Kontext mythologischen Erzählens
4.1 Das „Ovidische Repertoire“: Mythen als postmodernes Spiel
4.2 Mythologische Personal als ent-mythologisierte Romanfiguren
4.3 Der Mensch als Opfer natürlicher Allgewalt
4.4 Vom Fehlen einer „Mythologie“ hin zur Transzendenz von Fiktionalität und Faktualität
5. Mythologie im Superhelden-Comic
5.1 Der Superhelden-Comic als Sach- und Heldenepos
5.2 Die Herkunft der Superhelden: Origin statt Aitia
5.3 Bürgerliche Aufklärungsideologie und Comic
5.4 Authentizität durch (spielerisch-ironische) Comic-Rationalität
5.5 Spider-Man als mythisierte Ikone der Massenmedien
5.6 Kollision zwischen Bürgerlichkeit und Mythos
5.7 Der Comic-Hercules: Eine Fallstudie
5.8 Mythologische Wucht durch Opulenz von Klischees
6. Schluss
Die vorliegende Arbeit untersucht formale und inhaltliche Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in der Bearbeitung mythologischer Stoffe über verschiedene Gattungen und Epochen hinweg. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie Ovid, Shakespeare, Ransmayr und der Superhelden-Comic Grenzen des mythologischen Erzählens erreichen und definieren.
2.4.2 Anthropomorphisierung
Vor der „Vergegenwärtigung“ von Göttern und Heroen macht Ovid somit nicht Halt. Auch ihre Anthropomorphisierung ist im Gegenteil wesentlicher Bestandteil der Metamorphosen. Solodow fasst dies passend zusammen mit „Plenty of gods, but no divinities“ [Solodow, S. 94] – viele Götter, die aber ihrer Göttlichkeit entbehren. Dabei folgt Ovid auch hier einer zeitgenössischen Mode und Auffassung: „[…] In der modernisierten Version waren Hercules und Bacchus nicht mehr göttliche Gestalten, sondern Götter, die Menschen waren oder vergöttlichte Menschen, denen die Menschheit die Zivilisation verdankte.“ [Veyne, S. 63]. In der Alexandrinischen Genremalerei gehört es zu den Standardmethoden, um bei der Darstellung einer bekannten mythologischen Gestalt Details aus dem Familienleben einzubauen, und somit mythologische Größe mit der Realismus zu konterkarieren [vgl. Lafaye, S. 106].
Dieser Tradition folgt Ovid mit erzählerischen Mitteln, was nach Lafaye aber als Respektlosigkeit ausgedeutet werden kann, da er durch Annäherung der übernatürlichen und menschlichen Welt Distanz, und somit Respekt zu den Gottheiten und Helden abbaut [vgl. Lafaye, S. 106]. Gleichzeitig bietet er dadurch einen überraschend frischen Blick auf die alten Mythen. Abstraktionen von Göttern im Sinne von Repräsentation höherer, bzw. hehrer Prinzipien oder Bedeutungssphären wie Wahrheit, Moral, Schicksal, Vernunft, Gerechtigkeit, oder Schönheit kommen nach Solodow in den Metamorphosen nicht vor [vgl. Solodow, S. 89]. Götter handeln wie Menschen, die zufälligerweise größere Kräfte und Unsterblichkeit besitzen [vgl. Solodow, S. 89f]. Im Vergleich der Metamorphosen mit Vergils Aeneis stellt Solodow fest, dass Schicksal und Göttlichkeit, die noch bei Vergil als höhere „Legitimationsebene“ dem eigenen Bereich Bedeutung verliehen hatten, aus dem Bild gedrängt werden. [vgl. Solodow, S. 90]
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Problematik ein, was "Mythos" im literarischen Kontext bedeutet, und definiert den Vergleich der gewählten Erzählformen als Ansatzpunkt zur Untersuchung von Mythenbearbeitungen.
2. Ovids Metamorphosen im antiken Kontext: Dieses Kapitel analysiert Ovids spezifischen Umgang mit dem Mythos, insbesondere wie er durch innovative epische Mittel, Ironie und psychologische Vertiefung die Grenzen traditioneller Gattungen erweitert.
3. Shakespeare und antike Mythen: Die Untersuchung zeigt auf, wie Shakespeare Mythen nicht als religiöses Kultgut, sondern als rhetorisches und metaphorisches Instrument zur Psychologisierung und Allegorisierung in seinen Dramen nutzt.
4. Ransmayrs Die Letzte Welt im Kontext mythologischen Erzählens: Hier wird Ransmayrs postmoderner Roman analysiert, der das mythische Personal in eine ent-mythologisierte Umgebung versetzt und damit die Sinnhaftigkeit des Mythos selbst in Frage stellt.
5. Mythologie im Superhelden-Comic: Das Kapitel beleuchtet den Superhelden-Comic als modernes "Konglomerat" von Mythen, das durch "Origin"-Erzählungen und mediale Massenproduktion den Mythos in einen zeitlosen, aber konsumorientierten Alltags-Mythos überführt.
6. Schluss: Der abschließende Teil fasst zusammen, wie jede Epoche und Textform im erzählerischen Umgang mit mythischem Material eine eigenständige, kreative Stimme findet, um aus Bekanntem Neues zu erschaffen.
Mythos, Metamorphosen, Ovid, Shakespeare, Ransmayr, Superhelden-Comic, Literaturwissenschaft, Erzähltheorie, Intertextualität, Allegorie, Anthropomorphisierung, Psychologisierung, Rezeption, Fiktionalität, Postmoderne.
Die Arbeit untersucht die formalen und inhaltlichen Aspekte der Bearbeitung mythologischer Stoffe in der Literatur und populärkulturellen Medien, insbesondere im Hinblick darauf, wie diese Bearbeitungen an die Grenzen mythologischen Erzählens stoßen.
Die zentralen Felder sind die Transformation mythischer Vorlagen bei Ovid, die allegorische Nutzung in Shakespeares Dramen, die postmoderne Dekonstruktion bei Ransmayr und die Medialisierung sowie Mythisierung im Superhelden-Comic.
Das Ziel ist es herauszuarbeiten, wie diese verschiedenen Erzählformen von traditionellen mythologischen Vorlagen abweichen und inwieweit dieser Abweichungsgrad ihre "Grenzwertigkeit" definiert.
Es handelt sich um einen komparatistischen Ansatz, der primär literaturwissenschaftliche Gattungstheorie, Erzählanalyse und die Untersuchung von Rezeptionsprozessen miteinander verknüpft.
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zu Ovids "Metamorphosen", Shakespeares Umgang mit antiken Mythen, Ransmayrs "Die Letzte Welt" und die spezifische Mythologie des Superhelden-Comics.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie "Arbeit am Mythos", "Intertextualität", "Anthropomorphisierung", "Psychologisierung" und das Spannungsfeld zwischen "Faktualität und Fiktionalität" charakterisieren.
Während Ovid Mythen als komplexes Thema seiner Poetik nutzt und individualisiert, ent-mythologisiert Ransmayr die Figuren vollständig, indem er sie in einen banalen, oft trostlosen Alltags-Kontext einbettet, der jede mythische Sinnhaftigkeit verliert.
Der Comic ist ein Grenzfall, weil er einerseits klassische mythische Erzählmuster (wie das Heldenepos) nutzt, diese aber gleichzeitig durch moderne Wissenschaft als Ursprung der Kräfte ersetzt und den Mythos in einen kommerziell orientierten "Alltags-Mythos" überführt.
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