Examensarbeit, 2006
78 Seiten, Note: 1,7
Einleitung
1. Minnekonzeptionen der mittelalterlichen Literatur
1.1. Feudale Ehepraxis
1.2. Höfische Liebe und Ehe in der Epik
1.3. Brautwerbungsschemata der mittelalterlichen Epik
1.4. Phänomen der Fernliebe
1.5. Nonverbale Zeichen
2. Ehe-Minne bei Siegfried und Kriemhild
2.1. Siegfrieds Minneaffekt
2.1.1. Notwendigkeit des Beweises der Minnetauglichkeit für Siegfried
2.1.2. Entstehung der Minne bei Siegfried
2.1.3. Werbung um Kriemhild – Planung, Ausführung und Wirkung
2.1.4. Erste Begegnung mit Kriemhilde und die Zeit am burgundischen Hofe
2.2. Kriemhildes Minneaffekt
2.2.1. Tauglichkeit – Schönheit und militärisches Potential
2.2.2. Entstehung der Minne bei Kriemhild
2.2.3. Entscheidung für Siegfried – subjektiv und frei?
2.2.4. Kriemhild als Witwe – der herzen jâmer
2.3. Besonderheiten des Minnekonzeptes
3. Ehe-Minne bei Gunther und Brünhild
3.1. Entstehung der Minne bei Gunther
3.2. Ein verschobenes Verhältnis von Schönheit und Macht bei Brünhilde?
3.3. Werbung um Brünhild – Planung, Ausführung und Wirkung
3.4. Nachweis der Herrschertauglichkeit Gunthers
3.4.1. Ankunft und Darstellung von Reichtum und Macht auf Isenstein
3.4.2. Demonstration der physischen Stärke
3.5. Siegfrieds Dienstmannlüge als Grundlage von Brünhilds Eheversprechen
3.6. Gunthers Nachweis der Herrschertauglichkeit in Worms
3.7. Entstehung der Minne bei Brünhild
3.8. Politischer Zusammenschluss zweier Reiche durch die Ehe-Minne
3.9. Besonderheiten des Minnekonzeptes
4. Ehe-Minne bei Etzel und Kriemhild
4.1. Werbung um Kriemhild – Planung, Ausführung und Wirkung
4.1.1. Entstehung der Minne bei Etzel
4.1.2. Politische Dimension des Witwerdaseins Etzels – Das Fehlen der Herrinnen-tugent am Hunnenhof
4.2. Problem der Religion
4.3. Kriemhilds Einwilligung in die Heirat ohne herzeliebe
4.3.1. Linderung des Leids durch die machtvolle Position an Etzels Seite?
4.3.2. Kriemhilds Zustimmung durch die Aussicht auf dienstbares militärisches Potential
4.4. Besonderheiten des Minnekonzeptes
5. Zusammenfassung - Ehe-Minnen im Vergleich
5.1. Werbungsfahrten im Vergleich
5.2. Minne – Entstehung und Exklusivität
5.2.1. Bei den Werbern
5.2.2. Bei den Umworbenen
5.3. Arten der Minne
Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Minnekonzeptionen im Nibelungenlied, um die Motive hinter den Eheschließungen der Protagonisten zu entschlüsseln und deren Bedeutung für die handelnden Personen sowie das politische Umfeld zu bewerten. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, inwiefern die Minne-Beziehungen als individuelle, subjektive Entscheidungen oder als politisch motivierte, kollektive Bindungen zu verstehen sind.
1.5. Nonverbale Zeichen
Die nonverbalen Zeichen, die Körperzeichen, verdienen Beachtung aufgrund der kaum vorhandenen Reflexion der Figuren und der nur wenig thematisierten Gefühle und Empfindsamkeiten durch den Erzähler. Durch sie können bestimmte Handlungsweisen und die zugrunde liegenden Motive deutlicher analysiert und interpretiert werden. Neben den ,üblichen‘ Gesten des normalen Lebens existiert in der von Ritualen und Zeremonien geprägten Welt des Laienadels eine spezifische Zeichenwelt der sozialen Praxis. Im Nibelungenlied wird am Hofe ein systematisches Arrangement von Grenzüberschreitungen und Bewegungen im Raum dargestellt, basierend auf gelungenen oder gescheiterten Akten der höfischen Präsentation.47 Solange höfische Normen gelten, hat auch unhöfisches Verhalten einen Sinn und kann entsprechend eingesetzt werden.48
Kriemhild küsst nur Giselher und ergreift seine Hand, während sie Hagen und ihre beiden anderen Brüder mit Nichtachtung straft, als die Burgunden Etzels Hof erreichen (1737, 1-3). Sie demonstriert, indem sie bestimmten Personen den höfischen Gruß verweigert, dass ihr Leid noch nicht verwunden ist. Diese Geste, oder vielmehr das Ausbleiben dieser ist gleichzeitig als Kampfansage zu verstehen. Des Weiteren kann der Autor durch den Erzähler mittels des Berichtes von kulturell codierten Gesten und Gebärden Beziehungen und Stellungen der Personen untereinander verdeutlichen. Nehmen wir nur das Festziehen des Helmes – eine Geste der Wappnung, der Ahnung von Gefahr, aber auch ein Zeichen des Misstrauens, welches Hagens Gefühle bei der Ankunft am Hunnenhof verdeutlicht (1737, 4). Demonstrativ fassen er und Dietrich sich daraufhin an den Händen. Der Recke aus Bern zeigt allen Anwesenden, auf welcher Seite er steht.
1. Minnekonzeptionen der mittelalterlichen Literatur: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Minne, das feudale Eheverständnis sowie die Rolle von Brautwerbungsschemata und nonverbaler Kommunikation in der mittelalterlichen Epik.
2. Ehe-Minne bei Siegfried und Kriemhild: Analysiert die Entstehung der Minne zwischen Siegfried und Kriemhild als Idealtypus einer subjektiven, exklusiven Beziehung, die sich von den rein pragmatischen Verbindungen des Epos abhebt.
3. Ehe-Minne bei Gunther und Brünhild: Untersucht das machtpolitisch geprägte Verhältnis zwischen Gunther und Brünhild, das durch fehlende persönliche Bindung und die Notwendigkeit zur Demonstration physischer Stärke charakterisiert ist.
4. Ehe-Minne bei Etzel und Kriemhild: Erforscht die pragmatische Heirat der Witwe Kriemhild mit dem Heiden Etzel, die primär als Mittel zum Zweck für ihre Racheabsichten dient.
5. Zusammenfassung - Ehe-Minnen im Vergleich: Vergleicht die drei untersuchten Beziehungen hinsichtlich ihrer Entstehungsbedingungen, der Rolle von Fernminne und den persönlichen Motiven der Werber und Umworbenen.
Nibelungenlied, Minne, Brautwerbung, Feudalismus, Herrschertauglichkeit, Fernliebe, Mittelalterliche Literatur, Kriemhild, Siegfried, Ehe, Höfische Kultur, Körperzeichen, Machtpolitik, Schematismus, Epos.
Die Arbeit untersucht die verschiedenen Konzepte der Minne und Ehe im Nibelungenlied und analysiert, inwieweit diese Beziehungen auf Liebe basieren oder durch politische und soziale Notwendigkeiten bestimmt sind.
Die zentralen Themen umfassen die höfische Liebe (Minne), das feudale Brautwerbungsschema, die Funktion der Frau im Mittelalter sowie das Spannungsfeld zwischen persönlicher Zuneigung und politischer Macht.
Ziel ist es, die Motive der Protagonisten für ihre Eheschließungen zu erforschen und zu klären, ob diese Entscheidungen individuell und subjektiv getroffen wurden oder ob sie durch das soziale Kollektiv des Hofes erzwungen waren.
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Methoden, indem sie Handlungsschemata analysiert, auf Sekundärliteratur zurückgreift und den Text des Nibelungenliedes im Kontext historischer Gegebenheiten wie der feudalen Ehepraxis interpretiert.
Der Hauptteil analysiert detailliert drei zentrale Ehen des Epos: Siegfried und Kriemhild, Gunther und Brünhild sowie Etzel und Kriemhild, jeweils im Hinblick auf deren spezifische Entstehungsbedingungen und Charakteristika.
Zu den prägenden Begriffen gehören Nibelungenlied, Minne, Brautwerbung, Herrschertauglichkeit, Fernliebe und Feudalismus.
Die Arbeit legt dar, dass Kriemhild die Ehe trotz ihrer religiösen Bedenken eingeht, um durch Etzels militärische Macht ihre Rache an Hagen und Gunther verwirklichen zu können.
Diese Zeichen, etwa Gesten oder Blicke, dienen als wichtiges Darstellungsmittel, da der Erzähler nur selten innere Monologe verwendet; sie offenbaren die eigentlichen Beziehungen und Gefühle der Figuren.
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