Masterarbeit, 2020
80 Seiten, Note: 1,8
1 Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Methodische Überlegungen
2 Inzest
2.1 Geschichtlicher Überblick über den Inzest
2.2 Historische Inzestverbote
2.3 Der Inzest als Forschungsproblem
2.4 Inzest und Ehebruch
3 Inzest und Tabu
3.1 Tabu-Begriff
3.2 Der ethnologische Tabu-Begriff
3.3 Tabu-Verständnis im 20. Jahrhundert
3.4 Inzesttabu und Emotionen
3.4.1 Vater-Tochter-Inzest als Tabu
3.4.2 Vater-Tochter-Inzest und Emotion
4 Der Inzest im Kontext von Ehe und Verwandtschaft des frühen Mittelalters
4.1 Begründung des Inzestvergehens im frühen Mittelalter
4.1.1 Töchter als Bräute
4.1.2 Töchter ohne Mutter
4.1.3 Ent-schuldigte Väter, verurteilte Mütter
4.2 Der tabuisierte Personenkreis
4.3 Illegitime Beziehungen
4.3.1 Geschwisterinzest
4.3.2 Der Mutter-Sohn-Inzest
4.3.3 Der Vater-Tochter-Inzest
5 Heinrich von Neustadt: Apollonius von Tyrland
5.1 Vorlage: Historia Apollonii regis Tyri
5.2 Heinrichs von Neustadt Apollonius von Tyrland
5.2.1 Prolog und Exposition
5.2.2 Verstorbene Mütter, teuflische Liebe und Frau Minne
5.2.3 Der Inzest als Sieg und Niederlage
5.2.4 Das Rätsel
5.2.5 Das Vergessen von Differenzen
5.3 Apollonius Bearbeitungen
5.3.1 Leipziger Apollonius
5.3.2 Heinrich Steinhöwels Apollonius
5.3.3 Zwischenfazit: Apollonius-Fassungen
6 Fazit
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Motiv des Vater-Tochter-Inzests in Heinrichs von Neustadt Apollonius von Tyrland. Ziel ist es, die in der Forschung oft kontrovers diskutierte Inzestepisode vor dem Hintergrund des mittelalterlichen Tabuverständnisses und der zeitgenössischen Ehediskurse zu analysieren, um das Zusammenspiel von narrativer Struktur und emotionaler Darstellung zu ergründen.
3.4.1 Vater-Tochter-Inzest als Tabu
Der Inzest wird oftmals als Paradebeispiel für Tabus angeführt. Dabei besitzt das Inzesttabu im Mittelalter durchaus «eine Verbotsseite, die Gesetzesform annimmt». Diese erfasst den Vater-Tochter-Inzest, «der jedoch gewissermaßen ein im Verbot tabuisiertes Herzstück bildet». So legt das Konzil von Epaon folgendes fest:
Für inzestuöse Verbindungen behalten wir absolut keine Vergebung bei [...]. Wir sind der Ansicht, dass aber - außer jenen (inzestuösen Verbindungen), die schon beim Namen zu nennen verderblich ist, - insbesondere folgende - ohne auch nur den Namen der Ehe zu verdienen - als Inzest zu gelten haben [...].
Im Anschluss werden verschiedene Verwandtschaftstypen, beispielsweise Stiefmutter, Schwägerin, Onkel und Cousinen, genannt. Vater und Tochter werden jedoch nicht aufgelistet, denn sie «fallen unter jene Verbindungen, die nicht einmal benannt werden». Um es in Freuds Worten auszudrücken: Sie verbieten sich «eigentlich von selbst».
Betrachtet man den Sachverhalt aus moderner Perspektive, so ist bekannt, dass das Bundesverfassungsgericht eine solche Beziehung verbietet, da «aus solchen Verbindungen vermehrt Nachkommen mit Behinderung geboren würden». Diese Erklärung der Degenerationshypothese ist zwar sehr geläufig, allerdings erklärt es das Inzesttabu nicht. Bei einer inzestuösen Fortpflanzung erhöht sich zwar «aufgrund der höheren genetischen Übereinstimmung das Risiko erblich bedingter Defekte», doch es handelt sich weniger um die Blutsverwandtschaft sondern mehr um die Frage der Ausgangskonstellation. Im Grunde genommen «zielt der genetische Legitimationszusammenhang einmal auf den Geltungsbereich des Inzests, also den Geschlechtsakt zwischen Verwandten, sondern auf den der Fortpflanzung unter Verwandten, in radice». Dennoch wird der Inzest bestraft, auch wenn eine Empfängnis durch Verhütung verhindert wird.
1 Einleitung: Diese führt in die Thematik der Inzestdarstellungen in der mittelalterlichen Literatur ein, umreißt den aktuellen Forschungsstand und erläutert die methodische Vorgehensweise.
2 Inzest: Kapitel 2 definiert den Inzestbegriff, bietet einen historischen Überblick über Inzestverbote und diskutiert die Inzestthematik als soziologisches und rechtshistorisches Forschungsproblem.
3 Inzest und Tabu: Hier wird der Tabubegriff theoretisch sowie ethnologisch erarbeitet und in Bezug zu emotionalen Aspekten sowie dem speziellen Fall des Vater-Tochter-Inzests gesetzt.
4 Der Inzest im Kontext von Ehe und Verwandtschaft des frühen Mittelalters: Dieser Teil befasst sich mit der mittelalterlichen Begründung des Inzestvergehens und analysiert die verschiedenen betroffenen Personengruppen sowie illegitime Beziehungskonstellationen wie Geschwister- oder Mutter-Sohn-Inzest.
5 Heinrich von Neustadt: Apollonius von Tyrland: Das Hauptkapitel widmet sich der Analyse der Inzestepisode bei Heinrich von Neustadt, vergleicht sie mit der lateinischen Vorlage und untersucht narrative sowie motivgeschichtliche Aspekte der Erzählung.
6 Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zur literarischen Funktion und zur tabuisierten Natur des Vater-Tochter-Inzests im untersuchten Werk zusammen.
Vater-Tochter-Inzest, Heinrich von Neustadt, Apollonius von Tyrland, Mittelalterliche Literatur, Inzesttabu, Verwandtschaft, Ehe, Literaturwissenschaft, Emotionen, Narratologie, Historia Apollonii, Minne, Tabu, Genealogie, Rechtsgeschichte
Die Arbeit untersucht das literarische Motiv des Vater-Tochter-Inzests im Werk Apollonius von Tyrland des mittelalterlichen Dichters Heinrich von Neustadt und analysiert dessen Einbettung in mittelalterliche Tabuvorstellungen.
Zentrale Themen sind die literarische Gestaltung inzestuöser Motive, das Verständnis von Tabu und Verwandtschaft im Mittelalter sowie die Verschiebung von Schuld und emotionalen Reaktionen innerhalb der Erzählungen.
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie Heinrich von Neustadt die Inzestepisode im Vergleich zu seinen Quellen (insbesondere der Historia Apollonii) verändert hat und welche Funktion diese Darstellung innerhalb des höfischen Erzählgefüges übernimmt.
Es wird ein literaturwissenschaftlicher Ansatz gewählt, der philologische Textanalyse mit kulturwissenschaftlichen und emotionsgeschichtlichen Fragestellungen kombiniert, um sowohl die Struktur als auch die Funktion des Motivs zu erfassen.
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen zum Inzesttabu und zum Eherecht im Mittelalter dargelegt, gefolgt von einer tiefgehenden Analyse der Inzestepisode bei Heinrich von Neustadt sowie einem Vergleich mit späteren Apollonius-Bearbeitungen.
Wichtige Begriffe sind Inzesttabu, Vater-Tochter-Inzest, höfischer Roman, Apollonius von Tyrland, Verwandtschaftsstrukturen, Emotionen, Tabuverständnis und literarische Motivik.
Die Abwesenheit oder der Tod der Mutter ist ein narratives Schlüsselelement, da sie den Vater als alleinigen Vormund der Tochter zurücklässt und somit die prekäre Ausgangslage für das inzestuöse Begehren des Vaters schafft.
Heinrich von Neustadt nutzt diese personifizierten Mächte als narrative Strategie, um das Handeln der Charaktere zu erklären bzw. moralisch zu kommentieren, wobei die „Minne“ oft als treibende Kraft für das sündhafte Begehren dargestellt wird.
Das Rätsel dient als Instrument des Königs Antiochus, um sein inzestuöses Geheimnis zu verhüllen, und stellt gleichzeitig eine tödliche Prüfung für die Freier dar, die die „Vergessenheit“ der genealogischen Ordnung des Vaters thematisiert.
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