Examensarbeit, 2008
95 Seiten, Note: 1,0
EINLEITUNG
Körper und „Männlichkeit“
Die Disability Studies als neuer Zweig der Literaturwissenschaft
I. Wahrnehmung und Signifikanz außergewöhnlicher Körper in der Renaissance-Gesellschaft
I.1 Wonder books, broadside ballads und fairground monsters
I.2 Vom „Wunder“ zum „Freak“ zum „Teratum“
I.3 „Unnatural births“
II. Konzepte sexueller Identität in der Frühen Neuzeit
II.1 Sexualität vor dem Hintergrund der Humoralpathologie
II.2 Zwei Körper – ein Geschlecht
III. RICHARD III. – „Überhitzte“ Männlichkeit auf dem Thron
III.1 „Villain king?“ – Der historische Richard
III.2 Richards Körper in der Diagnose der frühneuzeitlichen Medizin
III.3 Die Henry VI – Tetralogie als Spiegelung der politischen und gender-ideologischen Situation von Elizabeths Herrschaft
III.4 Die soziale Signifikanz von Richards Körperlichkeit
IV. CALIBAN – Das „Tier“ im Mann und die Jungfrau
IV.1 „What have we here, a man or a fish?”- Ein Körper, der jeder Beschreibung spottet
IV.1.1 Interpretations- und Bühnengeschichte
IV.1.2 „Savage“ oder „Monster“ - Hinweise auf Calibans Körper im Text
IV.2 Calibans sexuelle Identität(en)
IV.2.1 Der erste Caliban: Die Bedrohung der Ordnung durch ungezügelte Sexualität
IV.2.2 Der zweite Caliban: Weibliche Sexualität und tote Mütter
IV.2.2.1 Sycorax
IV.2.2.2 Mirandas Mutter
IV.2.2.3 Miranda
IV.2.3 Der dritte Caliban: Die Versuchung des Vaters
V. FALSTAFF – Die Weiblichkeit des fetten Mannes
V.1 Fettleibigkeit im Licht der vormodernen Medizin
V.2 Historisches Vorbild und traditionelle Interpretationen
V.3 Falstaff und sein Körper
V.4 Falstaff als Vater
V.5 Falstaffs sexuelle Identität(en): Kind, Liebhaber, Mutter
SCHLUSSBETRACHTUNG
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion männlicher Identität in William Shakespeares Dramen unter besonderer Berücksichtigung außergewöhnlicher Körper. Ziel ist es zu analysieren, wie gesellschaftliche und medizinische Diskurse der Frühen Neuzeit über "monstrous bodies" und "disability" dazu genutzt wurden, patriarchale Machtstrukturen zu legitimieren und als abweichend markierte männliche Identitäten zu pathologisieren oder auszugrenzen.
I. Wahrnehmung und Signifikanz außergewöhnlicher Körper in der Renaissance-Gesellschaft
Wir alle sind von den körperlichen „Anomalien“, die uns auf Shakespeares Bühne begegnen, gleichzeitig fasziniert und abgestoßen: „Physical and cognitive differences mark lives as inscrutable and mysterious, and thus we approach these artistically embellished differences with a distanced curiosity that simulates intimacy while staving off the risk of an encounter.”22
Die Grundlage dieser Faszination ist, dass eine Erzählung von Andersartigkeit uns unserer eigenen „Normalität“ und gesellschaftlichen Zugehörigkeit versichert und ein Bedürfnis nach Klarheit befriedigt, dass gerade in der Renaissance, die eine langsame Ablösung von der rigiden, aber auch Halt gebenden mittelalterlichen Weltordnung erlebte, sehr drängend war. Der Mensch befreite sich aus dem ideologischen Korsett der göttlichen Vorbestimmung und erlangte eine neue Selbstständigkeit. Ein Prozess, der eine enorme ideologische und individuelle Verunsicherung über den eigenen Platz im Universum mit sich brachte. Teil dieses Zwiespaltes zwischen dem anhaltenden Glauben an göttliche Strafen und Zeichen und der neuen wissenschaftlich-rationalen Beschäftigung mit Mensch und Natur ist die Wahrnehmung und Darstellung vom monstrous bodies in der Renaissance-Gesellschaft.
EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Gender-Studies ein und begründet die Notwendigkeit, "Männlichkeit" in Shakespeares Dramen kritisch durch die Linse der Disability Studies zu untersuchen.
I. Wahrnehmung und Signifikanz außergewöhnlicher Körper in der Renaissance-Gesellschaft: Dieses Kapitel erläutert den zeitgenössischen kulturellen Umgang mit außergewöhnlichen Körpern, von "Wonder books" bis zu wissenschaftlichen Erklärungsansätzen.
II. Konzepte sexueller Identität in der Frühen Neuzeit: Hier werden die medizinischen Grundlagen (Humoralpathologie) und das Ein-Geschlecht-Modell dargelegt, die das Verständnis von Sexualität und Körperlichkeit in der Frühen Neuzeit prägten.
III. RICHARD III. – „Überhitzte“ Männlichkeit auf dem Thron: Die Untersuchung von Richard III. zeigt, wie seine körperliche Andersartigkeit in einem politischen Kontext als Bedrohung und Beweis für moralische Verderbtheit konstruiert wird.
IV. CALIBAN – Das „Tier“ im Mann und die Jungfrau: Dieses Kapitel analysiert Caliban als Projektionsfläche für Ängste vor dem "Anderen", Kolonialismus und unkontrollierter Sexualität im Kontext von The Tempest.
V. FALSTAFF – Die Weiblichkeit des fetten Mannes: Falstaff wird als Grenzgänger betrachtet, dessen Körperlichkeit und exzessiver Lebensstil ihn sowohl zur komödiantischen Figur als auch zum Gegenentwurf männlicher Idealvorstellungen machen.
SCHLUSSBETRACHTUNG: Das Fazit fasst zusammen, dass die untersuchten männlichen "Monster" trotz unterschiedlicher Ausprägung durch ihren Ausschluss aus der patriarchal definierten "normalen" Männlichkeit vereint sind.
Shakespeare, Körpergeschichte, Männlichkeit, Disability Studies, monstrous bodies, Gender, Renaissance, Richard III., Caliban, Falstaff, Humoralpathologie, Sexualität, Patriarchat, Andersartigkeit, soziale Stigmatisierung.
Die Arbeit untersucht, wie außergewöhnliche Körper (Disability) in den Dramen Shakespeares genutzt werden, um patriarchale Männlichkeitskonzepte zu definieren, zu festigen oder zu hinterfragen.
Die Schwerpunkte liegen auf der Schnittstelle von Körpergeschichte, Gender-Studies und den Disability Studies, bezogen auf die gesellschaftlichen Strukturen der Frühen Neuzeit.
Es wird untersucht, wie die körperliche Andersartigkeit von Figuren wie Richard III., Caliban und Falstaff deren soziale und sexuelle Positionierung innerhalb einer männlich dominierten Gesellschaft bestimmt.
Die Arbeit nutzt eine kulturwissenschaftliche Analyse, die literarische Texte mit historischen medizinischen Diskursen (z.B. Humoralpathologie) und modernen gender-theoretischen Ansätzen verknüpft.
Im Hauptteil werden nacheinander die Figuren Richard III., Caliban und Falstaff einer detaillierten Analyse ihrer Körperlichkeit, ihrer sozialen Rolle und ihrer sexuellen Identitätskonzepte unterzogen.
Zu den zentralen Begriffen zählen Männlichkeit, monstrous bodies, Körpergeschichte, Disability Studies, Sexualität und die spezifische Analyse von Richard III., Caliban und Falstaff.
Richard III. wird nicht nur physisch, sondern auch politisch als "Monster" konstruiert, dessen "überhitzte" Männlichkeit und Ambitionen als Störung der gesellschaftlichen und moralischen Ordnung wahrgenommen werden.
Die Perspektive zeigt, dass Calibans "Monstrosität" weniger ein biologisches Faktum als eine soziale Markierung ist, die ihn als "Anderen" ausgrenzt und Prosperos Machtanspruch legitimiert.
Falstaffs Körperlichkeit (Fettleibigkeit) wird in der Humoralpathologie der Zeit oft mit weiblichen Attributen assoziiert, was ihn innerhalb der starren Geschlechterkonzepte der Frühen Neuzeit als ambivalent und potenziell subversiv erscheinen lässt.
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