Bachelorarbeit, 2020
28 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Methoden
3. Krise als Konzept: Zwischen Ausnahme- und Dauerzustand
3.1. Krise als Ausnahmezustand: COVID-19-Pandemie und biopolitische Maßnahmen
3.2. Krise als Dauerzustand: Wohnungslosigkeit und (Nicht-)Zugehörigkeit
4. Verstrickte Krisen als Erfahrung: Wohnungslos in der COVID-19-Pandemie
4.1. Jakob: „Wir dürfen draußen bleiben“
4.2. Jens: „Ein Glück, ich muss nicht draußen pennen“
5. Fazit
Die Arbeit untersucht, wie wohnungslose Menschen in Berlin die COVID-19-Pandemie und die damit verbundenen staatlichen Maßnahmen aus ihrer eigenen Perspektive erleben. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob die Pandemie für die Betroffenen als zusätzlicher Ausnahmezustand wahrgenommen wird oder ob sie vor dem Hintergrund ihrer ohnehin prekären Lebenssituation als Kontinuität andauernder persönlicher Krisen erfahren wird.
4.2. Jens: „Ein Glück, ich muss nicht draußen pennen“
Wohnungslose Menschen wie Jens, der zur Zeit der Forschung zwar über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügte, allerdings auch nicht schutzlos im öffentlichen Raum lebte, sind aufgrund ihrer sporadischen Wohnsituation häufig akut gefährdet, in den Zustand der Obdachlosigkeit zu geraten. In dieser von großer Unsicherheit geprägten Lage befindet sich Jens bereits seit einigen Jahren. Seitdem lebt er übergangsweise entweder bei Bekannten, in stationären Einrichtungen oder in betreuten Wohngemeinschaften für wohnungslose Männer.
Zu Beginn unserer Forschungskooperation wohnte er in einer Wohnung, die er sich gemeinsam mit einer bettlägerigen Frau teilte. Das Zimmer wurde ihm einige Wochen zuvor von einem Bekannten vermittelt. Sein Alltagsleben war zum damaligen Zeitpunkt von einem starken Gefühl der Immobilität geprägt, das nicht allein durch die Ausgangsbeschränkungen im Zuge der COVID-19-Pandemie hervorgerufen wurde:
Die war so sehr nett, aber die hat halt körperliche Gebrechen. War nicht das, was ich eigentlich gesucht hatte, um vorwärtszukommen. Ich habe da eigentlich nur gegammelt und mir ging es psychisch nicht gut. Ich habe da nur geschlafen tagsüber, weil: wo sollte ich hin? Ich hatte nichts zu tun und habe mich einfach hingelegt. Sie lag ja auch die ganze Zeit und ich bin dann auch nicht mehr hoch gekommen. (Informelles Gespräch mit Jens, Berlin, 11.05.2020)
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Wohnungslosigkeit während der COVID-19-Pandemie ein und definiert die zentrale Forschungsfrage nach der subjektiven Krisenwahrnehmung der Betroffenen.
2. Methoden: Dieser Abschnitt beschreibt das methodische Vorgehen, insbesondere die ethnografische Begleitung von vier Betroffenen, sowie die Reflexion der Forscherrolle.
3. Krise als Konzept: Zwischen Ausnahme- und Dauerzustand: Es erfolgt eine theoretische Einordnung der Pandemie als biopolitischer Ausnahmezustand im Kontrast zur Wohnungslosigkeit, die als permanenter Zustand der Nicht-Zugehörigkeit begriffen wird.
4. Verstrickte Krisen als Erfahrung: Wohnungslos in der COVID-19-Pandemie: Dieser Teil analysiert anhand von Fallbeispielen, wie die Pandemie auf bereits bestehende Marginalisierung trifft und welche individuellen Bewältigungsstrategien entwickelt werden.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Pandemie für die Betroffenen weniger einen neuen Ausnahmezustand, sondern eher eine Verschärfung der bereits existierenden Dauer-Krise darstellt.
Wohnungslosigkeit, COVID-19-Pandemie, Berlin, Ethnografie, Krisenerfahrung, Biopolitik, Ausnahmezustand, Nicht-Zugehörigkeit, Obdachlosigkeit, Lebenswelt, Bewältigungsstrategien, Soziale Exklusion, Prekarität, Emische Perspektive, Widerstand.
Die Arbeit befasst sich mit der Lebenssituation wohnungsloser Menschen in Berlin während der COVID-19-Pandemie und untersucht, wie sie die staatlichen Maßnahmen und die veränderte gesellschaftliche Lage wahrnehmen.
Zentrale Themen sind das Verständnis von Krisen (gesellschaftlicher Ausnahmezustand vs. persönlicher Dauerzustand), Wohnungslosigkeit, soziale Ausgrenzung sowie die biopolitische Steuerung der Pandemie.
Ziel ist es, die Perspektiven zweier betroffener Akteure offenzulegen und zu zeigen, wie ihre persönlichen Krisenerfahrungen mit der gesellschaftlichen Krise der Pandemie verknüpft sind.
Es wurde eine ethnografische Vorgehensweise gewählt, die informelle Gespräche, episodische Interviews sowie teilnehmende Beobachtung im Rahmen ehrenamtlicher Hilfe umfasst.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Krisenbegriff und eine empirische Analyse der Erfahrungen von zwei Wohnungslosen (Jakob und Jens) während der Pandemie.
Wichtige Begriffe sind Wohnungslosigkeit, Pandemie, Krisenerfahrung, biopolitischer Ausnahmezustand, soziale Exklusion und Widerstandstaktiken.
Während Jakob aufgrund seiner Schwerbehinderung und der räumlichen Einschränkungen durch die Pandemie besonders unter dem Verlust an Mobilität litt, empfand Jens die Maßnahmen und die vorübergehende Unterbringung teilweise als Chance, sein Leben neu zu ordnen.
Die Arbeit hinterfragt Giorgio Agambens These, dass die gesamte Gesellschaft in den Zustand des "nackten Lebens" degradiert wurde, indem sie aufzeigt, dass insbesondere soziale Randgruppen bereits vor der Pandemie an dieser Schwelle standen.
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