Bachelorarbeit, 2020
54 Seiten, Note: 6,0
1. Trunkenheit und Gesellschaft im Mittelalter
2. Einblicke in eine historisch-kulturelle Geschichte der Trunkenheit
2.1. Philosophie der Antike
2.2. Christentum: die Bibel
2.3. Zwischenfazit
3. Trunkenheit in der lat., mhd. und fnhd. Literatur des Mittelalters
3.1. Trunkenheitsliteratur
3.2. Mittelhochdeutsche Mären
3.2.1. Merkmale der Märendichtung
3.2.2. Das Motiv der Trunkenheit/des Alkohols
3.2.2.1. Gesellschaft und Geselligkeit
3.2.2.2. Identität und Inversion
3.2.2.3. Fieser Winkelzug und fatale Wahrheit
3.2.2.4. Übel und Unmass
4. Schlussbetrachtung
Die Arbeit untersucht das Motiv der Trunkenheit und dessen spezifische Funktionen in der mittelhochdeutschen Märendichtung. Dabei wird analysiert, inwiefern der Alkoholkonsum in den untersuchten Texten als Katalysator für soziale Dynamiken, Identitätsverschiebungen und die Verletzung gesellschaftlicher sowie religiöser Ordnungsstrukturen dient.
3.2.2.1. Gesellschaft und Geselligkeit
Da eine Gesellschaft aus verschiedenen Personen besteht, stellt sich zu Beginn die Frage, welches Märenpersonal trinkt und welches nicht. Bemerkenswerterweise sind es in allen sieben Mären ausschliesslich Männer, deren Alkoholkonsum geschildert wird. Es finden sich keine Stellen, in denen explizit von trinkenden Frauen die Rede ist, auch wenn sie – wie die Frau im ,Zehnten von der Minne’ – in Kneipen sitzen und wahrscheinlich auch ein Bier zu sich nehmen. Die Thematik der trinkenden und somit gemeingefährlichen Frau scheint daher für die Märendichter nicht so von Belang gewesen zu sein wie für die Verfasser der kirchlichen Mahnschriften (3.1.).
Die Männer, von deren Trinken und Trunkenheit berichtet wird, lassen sich nicht lediglich einer Gesellschaftsschicht respektive einem Stand zuordnen: Ritter, Pfarrer, Bauer und Müller trinken gleichermassen und oft zusammen. In vielen Mären gehören Trinken und Geselligkeit somit zusammen, da Alkohol das Märenpersonal unterschiedlicher Stände verbindet, sei es Klerus oder gemeines Fussvolk. Schaut man den sozialen Rahmen, innerhalb dessen in den Mären getrunken wird, an, so ist dieser meist eine gesellige Runde: Der zu vertauschende Müller im gleichnamigen Märe trinkt sich in bester Gesellschaft unter den Wirtshaustisch, was dazu führt, dass sein Knecht ihn auf dem Heimweg verliert und ihn aus Versehen durch einen Pfarrer ersetzt, welcher der Müllersfrau eine unvergleichliche Liebesnacht beschert.
1. Trunkenheit und Gesellschaft im Mittelalter: Dieses Kapitel führt in die historische Realität des Alkoholkonsums ein, zeigt dessen Verwurzelung im Alltag und beleuchtet die paradoxe Nähe zwischen ausgelassenem Feiern und religiösem Leben.
2. Einblicke in eine historisch-kulturelle Geschichte der Trunkenheit: Es wird der geistige Hintergrund durch die antike Philosophie und biblische Texte dargelegt, wobei ein besonderes Augenmerk auf dem Konzept der Mässigkeit liegt.
3. Trunkenheit in der lat., mhd. und fnhd. Literatur des Mittelalters: Hier erfolgt eine differenzierte Untersuchung, die zunächst allgemeine moralische Literatur beleuchtet und daraufhin in die spezifische Märenanalyse übergeht, um das Motiv der Trunkenheit in seinen verschiedenen Funktionen zu deuten.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Janusköpfigkeit des Alkohols zusammen, der einerseits als geselliges Bindemittel, andererseits als Auslöser für Sünden und Ordnungsbrüche fungiert und die Charaktere in den Mären polarisiert.
Märendichtung, Mittelalter, Alkohol, Trunkenheit, Mässigkeit, ordo, Inversion, Schwank, Gesellschaft, Moral, Sünde, Identitätsverlust, Liste, Exklusion, Literaturgeschichte.
Die Arbeit analysiert die Darstellung und die literarische Funktion von Alkoholkonsum und Trunkenheit in ausgewählten mittelhochdeutschen Mären.
Die Arbeit behandelt die soziale Funktion des Trinkens, die Inversion gesellschaftlicher Stände, das Zusammenspiel von List und Lüge sowie die moralisch-theologische Bewertung des Alkohols.
Ziel ist es, die Forschungslücke zur Rolle des Trunkenheitsmotivs in der Märendichtung zu schließen und aufzuzeigen, wie Alkohol als dramatisches Mittel zur Störung oder Wiederherstellung der göttlichen Ordnung (ordo) eingesetzt wird.
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär auf den Märenstudien von Hanns Fischer basiert und diese mit historisch-kulturellen Kontexten aus der Antike und dem christlichen Mittelalter verknüpft.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Trunkenheitsliteratur als ermahnendes Genre und die detaillierte Analyse der Mären, unterteilt in die Aspekte Gesellschaft, Identität, List und Übel.
Zentral sind Begriffe wie Mären, Alkohol, ordo, Inversion, Mässigkeit, Schwank und moralische Sünde.
Während die kirchliche Literatur Alkohol vorwiegend als sündhaftes Übel anprangert, nutzen Mären ihn als facettenreiches Instrument für Komik, soziale Inversion und List, ohne dabei immer den moralischen Zeigefinger zu heben.
Die Trunkenheit fungiert oft als Katalysator, um soziale Hierarchien – etwa das Verhältnis zwischen Bauer und Pfarrer – zu destabilisieren oder kurzzeitig umzukehren, was für die komische Wirkung des Schwanks zentral ist.
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