Bachelorarbeit, 2015
41 Seiten, Note: 1,0
Einleitung
1 Poesie und Geschlecht
1.1 Zeitgeschlechtliche Einordnung
1.2 Die Frage nach einer geschlechtsspezifischen Ästhetik
2 Sehnsucht nach Vollkommenheit
2.1 Androgynie
2.1.1 … in der Psychologie
2.1.2 … als literarisches Motiv
3 Poetologie der Androgynie
3.1 Die Auflösung der Polarität bei Virginia Woolf
3.2 Die Tausend Seelen des Hermann Hesse und seiner Figuren
3.3 Zur Konstruktion einer androgynen Autor*innenschaft
Fazit
Diese Bachelorarbeit untersucht das Motiv der Androgynie in den Poetologien von Virginia Woolf und Hermann Hesse, um herauszufinden, inwiefern dieses Motiv als Utopie für ein vollständiges Menschsein fungiert und zur Dekonstruktion traditioneller Geschlechterrollen in ihren Werken beiträgt.
Die Auflösung der Polarität bei Virginia Woolf
„Was meint man mit der ,Einheit des Geistes‘?“72, grübelt die Figur Mary in Virginia Woolfs Vortrag und Essay „Ein Zimmer für sich allein“ von 1929. Von der natürlichen Korrespondenz der Geschlechter als Personen, die in ihrer Einheit Befriedigung und Glück fänden, leitet sie die These ab, dass es ebenfalls im Verstand einer einzigen Person die Pole männlich und weiblich gäbe. In ihrem Plan der Seele dominiert im Frauenverstand die Frau über den Mann, im Männerverstand der Mann über die Frau.73
Unverkennbar erinnert dies an die Thesen C.G. Jungs über die verdrängten Anima und Animus in der menschlichen Psyche. Laut Woolf werde ein Zustand der Harmonie erreicht, wenn die beiden Pole männlich und weiblich miteinander kooperieren. Erst dann sei ein schöpferischer Ausdruck wirklich möglich.74
„Irgendeine Zusammenarbeit muß zwischen Mann und Frau im Geist stattfinden, bevor die Kunst des Schöpferischen vollendet werden kann. […] Der Geist muß als Ganzes weit offen liegen, wenn wir das Gefühl bekommen sollen, daß Der Autor seine Erfahrung in ganzer Fülle mitteilt. Es muß Freiheit geben und es muss Frieden geben.“75
Sie bezieht sich auf den romantischen Dichter Samuel Taylor Coleridge, der von dem großen androgynen Geist sprach sowie auf Shakespeare, dem sie einen solchen zuschreibt. „Resonant“, „durchlässig“, sei dieser Geist und so beschaffen, „[…] dass er Gefühle ungehindert transmittiert […]“.76 Auch die Schreibweise Coleridges bringe explosionsartig „[...] alle möglichen anderen Ideen hervor […]“, und trage „[…] das Geheimnis des Lebens […]“77, in sich.
Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Androgynie als Motiv für ein vollständiges Menschsein ein und legt das Ziel fest, dessen Vorkommen in den Poetologien von Virginia Woolf und Hermann Hesse zu untersuchen.
1 Poesie und Geschlecht: Dieses Kapitel erläutert die geschichtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Geschlechterverhältnisse und hinterfragt die Notwendigkeit einer geschlechtsspezifischen Ästhetik in der Literatur.
2 Sehnsucht nach Vollkommenheit: Hier wird der Begriff Androgynie sowohl in der Psychologie, insbesondere durch C.G. Jung, als auch als literarisches Motiv auf theoretischer Ebene beleuchtet.
3 Poetologie der Androgynie: Dieser Hauptteil analysiert konkret die Romane "Orlando" von Woolf und "Narziss und Goldmund" von Hesse hinsichtlich der Auflösung von Polaritäten sowie die Konstruktion einer androgynen Autor*innenschaft.
Fazit: Die abschließende Betrachtung resümiert die Bedeutung der Androgynie als Instrument zur Aufhebung geschlechtlicher Widersprüche und reflektiert die Grenzen der Untersuchung.
Androgynie, Virginia Woolf, Hermann Hesse, Orlando, Narziss und Goldmund, Poetologie, Geschlecht, Männlichkeit, Weiblichkeit, Individuation, transzendente Harmonie, geschlechtsspezifische Ästhetik, C.G. Jung, Literaturwissenschaft, Identität
Die Arbeit untersucht das literarische Motiv der Androgynie bei Virginia Woolf und Hermann Hesse und analysiert, wie dieses Konzept zur Überwindung dualistischer Geschlechtervorstellungen und zur Erreichung schöpferischer Vollkommenheit beitragen kann.
Die Arbeit fokussiert sich auf Gender-Diskurse in der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, die Verbindung zwischen Geschlechteridentität und ästhetischem Ausdruck sowie die psychologische Integration von männlichen und weiblichen Archetypen.
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob und wie das Motiv der Androgynie in den Poetologien von Woolf und Hesse vorkommt und ob es als Ideal zur Erlangung eines vollständigen Menschseins dient.
Die Arbeit nutzt eine strukturelle Analyse der Begriffe und Figurenkonstellationen, verknüpft mit kulturwissenschaftlichen und feministischen Literaturtheorien, um das Motiv der Androgynie in den ausgewählten Texten zu erfassen.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse von "Orlando" und "Narziss und Goldmund". Dabei wird untersucht, wie die Autoren durch ihre Figurenkonstellationen und ihren Schreibstil die Grenzen zwischen den Geschlechtern aufbrechen.
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Androgynie, Individuation, transzendente Harmonie, geschlechtsspezifische Ästhetik, Anima/Animus und die Subversion von Geschlechterrollen.
Während Woolf das Thema explizit und oft subversiv in ihre Poetologie einbaut, ist es bei Hesse stärker in die psychologische Struktur seiner Romanfiguren eingebettet und wird weniger explizit als politisches Geschlechterthema benannt.
In "Orlando" dient der Geschlechtertausch dazu, die Konstruktion von Geschlecht als äußere Zuschreibung zu entlarven und zu zeigen, dass die Identität der Person über das biologische Geschlecht hinausgehend konstant bleibt.
Das Mutter-Motiv fungiert bei Hesse als ein "androgyne Drittes", das die Pole von Geist (väterlich) und Natur (mütterlich) in der Kunst vereint und dem Protagonisten zur Vollständigkeit verhilft.
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