Masterarbeit, 2007
63 Seiten
1 Einleitung
2 Die Geschichte des Begriffs Zivilgesellschaft
2.1 Methodik der Begriffsgeschichte
2.2 Der Begriff der Zivilgesellschaft im geschichtlichen Verlauf
2.3 Der Begriff der Zivilgesellschaft im aktuellen Diskurs
2.4 Fazit
3 Die Zivilgesellschaft in der Tschechoslowakei vor 1989
3.1 Zivilgesellschaftliche Entwicklungen bis 1968
3.2 Das Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft im Realsozialismus
3.3 Zivilgesellschaftliches Denken in der Zeit der Normalisierung
3.3.1 Die moralische Krise der tschechischen Nation
3.3.2 Die Wiedergeburt der Zivilgesellschaft
3.3.3 Zivilgesellschaft als politische Oppositionsstrategie
3.4 Die Charta 77 als zivilgesellschaftliche Oppositionsbewegung
3.5 Fazit
4 Die Zivilgesellschaft in der Tschechischen Republik nach 1989
4.1 Die Transformation der Zivilgesellschaft
4.1.1 Revolution der Moral – Zivilgesellschaft in der Zeit der Liberalisierung
4.1.2 Aufstieg und Niedergang des Bürgerforums in der Zeit der Institutionalisierung
4.1.3 Zivilgesellschaft im Wandel zur Zeit der Konsolidierung
4.1.3.1 Dualismus der Konzepte
4.1.3.1.1 Václav Havels Moralismus
4.1.3.1.2 Václav Klaus’ Pragmatismus
4.1.3.2 Zivilgesellschaftliche Entwicklungen im Dritten Sektor
4.1.3.3 Zivilgesellschaft und Politische Kultur
4.2 Fazit
5 Resümee
Diese Masterarbeit untersucht die begriffsgeschichtliche Entwicklung der Zivilgesellschaft und ihre spezifische Rolle als politisches Instrument und Indikator des historischen Wandels am Beispiel der Tschechoslowakei bzw. Tschechischen Republik vor und nach 1989. Dabei wird analysiert, wie sich das Konzept von einer moralisch fundierten Oppositionsstrategie im autoritären Regime zu einem strukturellen Element in der konsolidierten Demokratie transformiert hat.
3.3.1 Die moralische Krise der tschechischen Nation
Das Konzept der Zivilgesellschaft als Oppositionsstrategie entwickelte sich basierend auf einer kritischen Analyse der bestehenden gesellschaftlich-politischen Verhältnisse, die daraufhin mit den eigenen Vorstellungen vom „besseren“ gesellschaftlichen Leben kontrastiert wurden. Das in den folgenden Kapiteln vorgestellte Verständnis von Zivilgesellschaft soll jeweils am Beispiel von Václav Havels Schriften vorgestellt und daraufhin in einen breiteren Kontext eingeordnet werden. Václav Havel, Dissident, Schriftsteller und Freidenker, beeinflusste als Mitglied der Charta 77 maßgeblich die Rolle und das Selbstverständnis der tschechoslowakischen Opposition. Auch wenn es verfälschend wäre zu behaupten, seine Schriften seien ein allgemein akzeptiertes Programm der Charta gewesen, schrieb er doch in seinem 1978 erschienenen Essay Versuch, in der Wahrheit zu leben. Von der Macht der Ohnmächtigen nieder. Mit diesem Essay stellte Havel eine zeitkritische Diagnose des totalitären Sozialismus und formulierte zugleich ein Credo an den Formenreichtum des menschlichen Daseins, der im Widerspruch steht zu der oktroyierten Uniformität des totalitären Regimes.
Havel bezeichnet das System, das ihm, seinen Mitbürgern und allen Menschen im Ostblock auferlegt wurde, als posttotalitäres System: posttotalitär, weil der Sozialismus eine gänzlich neue Ausprägung einer totalitären Diktatur mit sich brachte, die sich, aufgrund der Pattsituation des nuklearen Gleichgewichts, der ausgeklügelten Manipulation und Entmündigung der Gesellschaft, der anonymisierten und nicht lokal beschränkten Macht und der fast religiösen Ideologie, vor allem durch eine ungewöhnliche Stabilität auszeichnet.
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Renaissance des Begriffs Zivilgesellschaft ein und erläutert die methodische Herangehensweise der Begriffsgeschichte zur Analyse des historischen Wandels.
2 Die Geschichte des Begriffs Zivilgesellschaft: Dieses Kapitel behandelt die diachrone Entwicklung des Begriffs von der Antike bis zur Moderne und reflektiert dessen theoretische Aufladung durch verschiedene philosophische Ansätze.
3 Die Zivilgesellschaft in der Tschechoslowakei vor 1989: Hier wird die Rolle der Zivilgesellschaft im Kontext des realsozialistischen Regimes sowie die Entstehung oppositioneller Bewegungen wie der Charta 77 analysiert.
4 Die Zivilgesellschaft in der Tschechischen Republik nach 1989: Dieses Kapitel untersucht die Transformation und den Wandel der Zivilgesellschaft unter Bedingungen einer neuen Demokratie, inklusive der Kontroverse zwischen moralischen und pragmatischen Ansätzen.
5 Resümee: Das Resümee fasst die zentralen Erkenntnisse über die Bedeutung der Zivilgesellschaft als Faktor des soziopolitischen Wandels und ihre aktuelle Verortung im demokratischen System zusammen.
Zivilgesellschaft, Tschechische Republik, Tschechoslowakei, Václav Havel, Charta 77, Transformation, Opposition, Realsozialismus, politische Kultur, Dritter Sektor, Begriffsgeschichte, Bürgerforum, Demokratisierung, Antipolitik, posttotalitäres System.
Die Arbeit analysiert die begriffsgeschichtliche und praktische Entwicklung der Zivilgesellschaft im tschechischen Kontext vor und nach dem Ende des kommunistischen Regimes.
Die zentralen Felder sind die historische Herleitung des Begriffs, die Rolle von Dissidentenbewegungen wie der Charta 77 und die transformationellen Herausforderungen der Zivilgesellschaft in einer neuen Demokratie.
Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich die Zivilgesellschaft von einem moralisch-oppositionellen Instrument im totalitären System zu einem strukturellen, aber mit Herausforderungen behafteten Akteur in der modernen Demokratie gewandelt hat.
Die Arbeit nutzt schwerpunktmäßig die begriffsgeschichtliche Methode nach Reinhart Koselleck, ergänzt durch politikwissenschaftliche Transformationsforschung.
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Rolle der Zivilgesellschaft unter dem realsozialistischen Regime und ihre anschließende Transformation und Konsolidierung in der Tschechischen Republik nach 1989.
Kernbegriffe sind Zivilgesellschaft, Transformation, Václav Havel, Charta 77, Opposition und politisches Denken.
Es fungiert als zentraler moralischer Ankerpunkt der Opposition gegen das "posttotalitäre System" und als Basis für die individuelle und gesellschaftliche Befreiung von der ideologischen Manipulation.
Das Bürgerforum wird als Paradebeispiel für die Metamorphose einer zivilgesellschaftlichen Sammelbewegung hin zu einer institutionalisierten politischen Partei untersucht, was auch den Niedergang des "antipolitischen" Ideals verdeutlicht.
Von einer moralisch motivierten "Antipolitik" zur Delegitimierung der Diktatur wandelte sich das Verständnis hin zu einer funktionalen Rolle als Akteur in einem institutionalisierten Parteiensystem.
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