Examensarbeit, 2006
88 Seiten, Note: 1,5
Einleitung
1. Wanderungen in die Bundesrepublik Deutschland
1.1. Aussiedler und Spätaussiedler
1.2. Asylsuchende und Flüchtlinge
1.3. Arbeitsmigranten
1.3.1. Geschichte der Arbeitsmigration nach dem zweiten Weltkrieg
1.3.2. Der politische Rahmen des Aufenthalts in Deutschland
1.3.3. Familienzusammenführung
1.3.4. Folgen und Reaktionen der Zuwanderung
2. Mehrsprachigkeit
2.1. Funktionen der Sprache
2.2. Begriffsbestimmung Mehrsprachigkeit
2.3. Spracherwerbstypen
2.3.1. Erstsprache
2.3.2. Zweitsprache
2.4. Mehrsprachigkeit durch Erst- und Zweitspracherwerb
2.4.1. Der Prozess des Spracherwerbs
2.4.2. Spezifische Phänomene bei Mehrsprachigen: Dominanz und Code-Switching
2.4.3. Der Einfluss der Erstsprache auf folgende Spracherwerbsprozesse
3. Der Spracherwerb von Kindern mit Migrationshintergrund
4. Schulerfolg von Kindern mit Migrationshintergrund
4.1. Schüler mit Migrationshintergrund in historischer Perspektive
4.2. Was ist Schulerfolg?
4.3. Schulerfolg von Schülern mit Migrationshintergrund
5. Wirkung außerschulischer Faktoren auf die Bildungschancen
5.1. Die sozio-ökonomische Situation von Familien mit Migrationshintergrund
5.1.1. Stellung auf dem Arbeitsmarkt und Entlohnung
5.1.2. Wohnsituation
5.2. Schichtspezifische Bildungsentscheidungen
5.3. Auswirkung des Migrationshintergrundes auf die Bildungsvorraussetzungen
5.4. Auswirkung der sozialen Herkunft auf die sprachliche Kommunikation
6. Der Zusammenhang von Schichtzugehörigkeit und sprachlichen Bildungsvoraussetzungen bei Kindern mit Migrationshintergrund
7. Die Benachteiligung von Mehrsprachigen durch die Schriftsprache der Bildungsinstitution Schule
7.1. Die zeitliche Investition in den Erwerb der Zweitsprache
7.2. Der Unterschied zwischen der lebensweltlichen Gebrauchssprache und dem Unterrichtsdeutsch
7.3. Lesekompetenz durch schriftsprachliche Sozialisation
7.4. Der Schrifterwerb unter den Bedingungen der Mehrsprachigkeit
7.5. Zusammenfassung
8. Bildungsbenachteiligung durch die Fixierung auf Deutsch als Unterrichtsprache
8.1. Struktur des Bildungssystems als Erklärungsfaktor
8.2. Die Rolle des Lehrers
8.3. Differenzierte Kompetenzen im Deutschen als Bildungsvoraussetzung
8.4. Die monolinguale Orientierung der Unterrichtssprache
8.5. Zusammenfassung
9. Die Sprachkompetenz als Instrument der Selektion im dreigliedrigen Schulsystem
9.1. Einschulung
9.2. Überweisung an eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen
9.3. Übergang in die Sekundarstufe
9.3.1. Benachteiligung mehrsprachiger Schüler durch frühe Selektion
9.3.2. Tendenzen der Zuweisung zu unteren Bildungsabschlüssen
9.3.3. Haupt- oder Gesamtschule als Schulen für Schüler mit geringeren Kompetenzen in der Zweitsprache Deutsch
9.4. Zusammenfassung
10. Fazit
Diese Arbeit untersucht die komplexen Ursachen für den statistisch belegten geringeren Schulerfolg von Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland. Ziel ist es, die Zusammenhänge zwischen Mehrsprachigkeit, sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen und den selektiven Strukturen des deutschen Schulsystems aufzuzeigen und zu ergründen, warum vorhandene sprachliche Potenziale im schulischen Kontext häufig nicht gewinnbringend genutzt werden können.
2.4.2. Spezifische Phänomene bei Mehrsprachigen: Dominanz und Code-Switching
Mehrsprachige verfügen zusätzlich zu den Kompetenzen in den Standardsprache über zusätzliche `mehrsprachige` Fähigkeiten. Ein bilingualer Sprecher benutzt nicht beide Sprachen in der gleichen Ausprägung. Dafür gibt es in der Mehrsprachigkeitsforschung den Begriff der Dominanz. Dieser besagt, dass mehrsprachige Menschen eine der Sprachen stets dominanter ausgeprägt haben, als die andere. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die dominante Sprache in jeder Situation stärker ausgeprägt ist. Die Frage nach der Dominanz oder Nichtdominanz einer Sprache hängt stark von ihrer Funktion für den Sprecher ab.
R. Tracy hat sich in Deutschland mit den Formen des Spracherwerbs als Forschungsschwerpunkt auseinander gesetzt. Ihre Untersuchung der Sprachdominanz an der dreijährigen Hannah ergab, dass eine lexikalische Dominanz in der englischen Sprache zu dem Themenbereich Güterverkehr bzw. Eisenbahn zu verzeichnen war. Hannahs Wortschatz im lebensweltlichen Bereich war aber in der französischen Sprache stärker ausgeprägt. In nachfolgenden Gesprächen mit der Familie löste Tracy dieses Sprachverhalten auf. Der englischsprachige Vater des Kindes hatte seit langer Zeit eine Modelleisenbahn zu Hobbyzwecken im Keller aufgebaut, während die französischsprachige Mutter Hannahs Wortschatz eher in den alltäglichen Lebensbereichen geprägt hat. Das im Beispiel gezeigte Phänomen der Dominanz ist bei nahezu allen Mehrsprachigen zu beobachten. Fortgeschrittene Lerner können in gewissen Situationen die eine oder andere Sprache verwenden. Das Unterscheidungskriterium muss nicht zwangsläufig die generelle Bevorzugung der einen Sprache sein, sondern bezieht sich darauf, wie leicht es dem Sprecher in der bestimmten Situation fällt, die jeweilige Sprache zu benutzen.
Als weiteres Phänomen werden, während des gesamten Erwerbsprozesses mehrsprachiger Menschen, intensive Phasen des Mischens nachgewiesen. Dabei wird das Nebeneinander der beiden Sprachsysteme besonders deutlich. Dieser Prozess wird in der Linguistik Code-Switching genannt. Der Sprecher schaltet von einer Sprache in die andere. Diese Kompetenz tritt nicht nur auf, wenn sich die Redesituation ändert, sondern auch innerhalb eines Satzes.
1. Wanderungen in die Bundesrepublik Deutschland: Überblick über die historische Arbeitsmigration und die politischen Rahmenbedingungen der Zuwanderung nach 1950.
2. Mehrsprachigkeit: Definitionen und Konzepte der individuellen Mehrsprachigkeit sowie eine Darstellung der Spracherwerbsprozesse.
3. Der Spracherwerb von Kindern mit Migrationshintergrund: Spezifische Herausforderungen und Bedingungen des Spracherwerbs für Kinder im Migrationskontext.
4. Schulerfolg von Kindern mit Migrationshintergrund: Historische Entwicklung und aktuelle statistische Befunde zur Bildungsbeteiligung und Schulerfolgskriterien.
5. Wirkung außerschulischer Faktoren auf die Bildungschancen: Analyse des Einflusses von sozio-ökonomischem Status, Wohnumfeld und sozialer Herkunft auf Bildungsvoraussetzungen.
6. Der Zusammenhang von Schichtzugehörigkeit und sprachlichen Bildungsvoraussetzungen bei Kindern mit Migrationshintergrund: Verknüpfung von Sozialschicht und sprachlicher Sozialisation als determinierende Faktoren.
7. Die Benachteiligung von Mehrsprachigen durch die Schriftsprache der Bildungsinstitution Schule: Erörterung der Hürden, die durch die Fixierung der Schule auf eine spezifische Schriftsprache entstehen.
8. Bildungsbenachteiligung durch die Fixierung auf Deutsch als Unterrichtsprache: Untersuchung der monolingualen Norm des Bildungssystems und deren negative Auswirkungen.
9. Die Sprachkompetenz als Instrument der Selektion im dreigliedrigen Schulsystem: Analyse der institutionellen Diskriminierung an den Gelenkstellen der Schullaufbahn.
10. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Plädoyer für einen respektvollen Umgang mit sprachlicher Vielfalt.
Mehrsprachigkeit, Schulerfolg, Migrationshintergrund, Bildungsbenachteiligung, Sprachkompetenz, Zweitspracherwerb, Institutionelle Diskriminierung, Soziale Herkunft, Schriftsprache, Integrationsgesetz, Schulleistungsvergleich, Bildungsvoraussetzungen, Selektionsmechanismen, Code-Switching, Sprachliche Heterogenität.
Die Arbeit analysiert die Ursachen für den statistisch schlechteren Schulerfolg von Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland und beleuchtet dabei kritisch die Rolle des Schulsystems.
Zentrale Themen sind Mehrsprachigkeit als Bildungsvoraussetzung, der Einfluss des sozio-ökonomischen Hintergrunds, die selektiven Prozesse im dreigliedrigen Schulwesen sowie die Bedeutung der schriftsprachlichen Sozialisation.
Das Hauptziel ist es aufzuzeigen, wie institutionelle Mechanismen und eine monolinguale Ausrichtung des Schulunterrichts dazu beitragen, dass mehrsprachige Schüler in ihrer Schullaufbahn benachteiligt werden.
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf einer umfassenden Literaturstudie, pädagogischen Konzepten und empirischen Daten aus Studien wie PISA oder den Untersuchungen von Gomolla und Radtke basiert.
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung der Migration, eine sprachwissenschaftliche Fundierung der Mehrsprachigkeit sowie eine detaillierte Untersuchung der außerschulischen Faktoren und der schulischen Selektionsprozesse.
Die wichtigsten Begriffe sind Mehrsprachigkeit, Bildungsbenachteiligung, institutionelle Diskriminierung, Schriftsprache, Migrationshintergrund und soziale Herkunft.
Die Autorin argumentiert, dass der Mangel an schriftsprachlicher Förderung durch das Elternhaus ein entscheidender Nachteil ist, da das Schulsystem voraussetzt, dass Kinder diese Kompetenz bereits mitbringen.
Die Selektion an den "Gelenkstellen" (Einschulung, Förderschulüberweisung, Übergang Sekundarstufe) erfolgt häufig basierend auf einer subjektiven und defizitorientierten Einschätzung der Sprachkompetenz, wodurch Kinder aus bildungsfernen Schichten systematisch benachteiligt werden.
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